Kaiserslautern Stierkampf und Verführung
Zu einem musikalischen Sonntagabendspaziergang durch die klassische Musik hatte die protestantische Kirchengemeinde Weilerbach in ihr weithin geschätztes Gotteshaus eingeladen. Dazu reiste das Orchestre Symphonique SaarLorraine mit Musiker und Moderator Detlev Schönauer aus Saarbrücken an, im Gepäck das gemeinsame Programmprojekt „Allegretto Kabaretto“.
40 Musiker bildeten im geräumigen Altarraum der Kirche eine prächtige Kulisse. Sie kamen aus den Grenzregionen zweier Länder: Saarland und Lothringen. Mit dem Rücken zum Publikum Dirigent Götz Hartmann, der das Orchester seit 2000 leitet und hauptberuflich bis vor kurzem als Geiger zur Deutschen Radio Philharmonie (DRP) gehörte. Das Leitmotiv der einstigen Fusion von Tritonus und Orchestre de Sarreguemines steckt im Begriff „grenzüberschreitend“. Und offensichtlich nicht nur im geografischen Sinn. Ist doch im musikalischen Kontext das Attribut „grenzenlos“ das charakteristischste Sprachmerkmal schlechthin. Allerdings mit einschränkenden Momenten. Beispielsweise wenn sich, wie in Weilerbach, Instrumente mit Worten paaren. Denn laut Konzertprogramm kamen die Carmen-Suiten 1 und 2 zur Aufführung, wenngleich auch nur in konzertanter Version mit Einschüben gesprochener Inhaltsangabe. Diesen moderierenden Part übernahm Kabarettist und Kirchenmusiker Detlev Schönauer, der den musizierenden Part an der Oboe erfüllte. Legte das Orchester ohne Vorwarnung mit vollem Vermögen klanglicher Dichte los, stieg es rhythmisch ergreifend ein in die euphorisierende Melodik jener vertrauten Opernklänge einer Welt der Stierkampfarenen, Toreros, Habanera, Dragoner, Sergeanten und Schmugglerschurken, so fabulierte Schönauer gewohnt plastisch gemäß seiner Lieblingsrolle des Bistrowirtes Jacques rund um weibliche Verführungskünste. Unterhalten mit Schalk, Satire und Parodie, amüsierte sich das Publikum umso köstlicher, je vergessener das Wissen um die jeweils biblischen und gesanglichen Originalzitate wurde. Wie wohl Bizet seine „Carmen“ komponiert hätte, wäre Detlev Schönauer der Librettist gewesen? Daneben brachte das auf Blech- und Holzbläser reduzierte Orchester den „Old wine in new bottles“ (1959) von Gordon Jacob (1895 bis 1984). In den vier Sätzen variiert und ergänzt der englische Komponist Volksliedgut. Das führte zu teils mächtigen Momenten erhaben-hochherrschaftlicher Klanggebäude, teils zu Passagen jubilierend erwachender Tage, formuliert als Flötensolo zwischen Daseinsklängen von Trompete, Klarinette, Fagott, Oboe und Horn. Letzteres spielte übrigens das regional bekannte Musikerpaar Ingeborg und Norbert Berrang, die als Weilerbacher Bürger Heimspiel hatten. Insgesamt hinterließ das Konzert einen heiteren Nachgeschmack von Schabernack. Das Tempo gediegen, das Spiel ausgereift in verbaler und musikalischer Sprachkompetenz. Köstlich auch der Hauch karnevalistisch nachgeschobener Narrenfreiheit. Das etwas flapsige Fazit lautet: Chapeau!