Kaiserslautern Starker Inhalt mit abruptem Ende

Es kommt zum Glück selten vor, dass ein Konzert durch unvorhergesehene unglückliche Ereignisse vorzeitig zu Ende geht. Am Freitagabend war der Auftritt von Günter Gall und Konstantin Vassiliev im „Roachhouse“ davon betroffen: In der zweiten Hälfte des Konzerts erlitt ein Besucher einen Ohnmachtsanfall und musste notfallmedizinisch versorgt werden. An ein Weitermachen war nicht zu denken.
Das Konzert davor gestaltete sich umso positiver. Das Duo mit den beiden (auch bereits buchstäblich mit Musikpreisen) ausgezeichneten Künstlern präsentierte in seinem Programm „Lieder von Krieg und Frieden aus fünf Jahrhunderten“ eine Vielzahl von unter die Haut gehenden musikalischen Werken und Texten gegen den Krieg und für den Frieden – mit Überlegung platziert nach einem Jahrhundert voller kriegerischer Konflikte, einer in Europa bislang seltenen langen Friedenszeit und nicht zuletzt im Hinblick auf Sorgen bereitende aktuelle Entwicklungen. Es war kein reines Konzert, was Günter Gall (Gesang, Gitarre, Dulcimer) und der ihn technisch und emotional kongenial begleitende Gitarrist Konstantin Vassiliev (sehr beeindruckend war dessen solistisch gespieltes Instrumentalstück „Zinnsoldaten“ von Nikita Kuschkin) in dem kleinen Wohnzimmer-Konzertraum veranstalteten. Das war schon ein wenig mehr. Stellenweise wurde geradezu eine Dokumentation dessen daraus, was über die Jahrhunderte hinweg immer und immer wieder über die Menschen hereinbrach. Hier wurde es vorgestellt in Form einer gut gespielten und rezitierten Auswahl an Zeugnissen, die zwischen Barock und Neuzeit bis hin zu Tangos in jiddischer Sprache und kraftvollen Brecht-Texten aus berufenen Quellen zum Thema zusammenkamen. Das umfängliche Material reichte dabei von Liedern und Texten aus dem Dreißigjährigen Krieg (darunter ein bewegender Ausschnitt aus dem Tagebuch eines Söldners) über Material aus dem bereits rund um die Welt ausgetragenen Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) bis hin zu Liedern, Tagebucheintragungen und Feldpostbriefen aus den beiden Weltkriegen. Besonders intensiv wirkte hier der von Gall vorgelesene rührende Brief einer besorgten Mutter, den sie Anfang der 1940er Jahre an ihren an der Front kämpfenden Sohn schickte. Kurze Zeit danach kam das Schreiben zurück. Auf dem Umschlag die Worte: „Empfänger gefallen für Großdeutschland … “. Abgerundet wurde die Präsentation unter anderem mit persönlichen Informationen zu seinem Leben und erläuterndem Bildmaterial zu den Liedern. Einige Beachtung fand dabei eine im Publikum herumgehende Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg, deren Bildmotiv in der Unterschrift „Des Morgens zwischen drein und vieren / Da müssen wir Soldaten marschieren / Die Gäßlein auf und ab/ Mein Schätzel sieht herab“ erläutert wurde. Dazu trug Günter Gall das gleichlautende Soldatenlied vor. Positiv fiel auf, dass der erfahrene Künstler, der schon mit Hanns-Dieter Hüsch zusammenarbeitete und heute in der „Friedensstadt“ Osnabrück lebt (dort wurde 1648 mit dem „Westfälischen Frieden“ der Dreißigjährige Krieg beendet), den schon in der Vielfalt seiner Darbietungen angelegten Blick auf das Ganze behielt. So thematisierte Gall eben etwa auch das Leben und Leid der Soldaten, die oft genug in der Geschichte – etliche Beiträge verdeutlichten es – durch List und Trug in die Kriege gezwungen wurden. Auch wurden die Elemente des Abends nicht immer unbedingt in ihrer historischen Chronologie vorgestellt – auch Kriege sind nun mal im schlechtesten Sinne „zeitlos“… Es war, auch wenn es nicht ganz zu Ende geführt werden konnte, ein starkes Stück Konzert, das Günter Gall und Konstantin Vassiliev da erstmals in Kaiserslautern boten – stark im Inhalt, in der Ausführung und in der Wirkung.