Kaiserslautern Shanley Allen erforscht Sprachen und mag lieber Grammatik als Literatur
„Ich habe mich schon immer für Sprachen interessiert“, erzählt Shanley Allen, die ursprünglich aus Kanada stammt. Ihre Faszination für Sprachen habe sie schon in der Schulzeit entwickelt. Damals hatte sie Französisch und Spanisch belegt, aber bereits während der Gymnasialzeit Kurse an der Universität besucht. Doch es war nicht die Literatur, die ihr Interesse geweckt hat, sondern die Grammatik, die Struktur der Sprache.
Nach dem Studium der Sprachwissenschaft folgte für Allen die Promotion über die Sprachentwicklung bei Kindern der indigenen Volksgruppe der Inuit. Ein Jahr lang habe sie im Norden bei einer Inuit-Familie verbracht , um dort Kenntnisse über die Sprache zu gewinnen. Am Beispiel von vier Kindern im Alter zwischen zwei und dreieinhalb Jahren habe sie erforscht, wie diese ihre Sprachfähigkeit entwickeln. Inuktitut sei eine völlig andere Sprache als Deutsch oder Englisch, ein Wort könne darin einen ganzen Satz bedeuten. So können nicht nur Nomen, sondern auch Verben und Nomen gemischt und zu Wortteilen zusammengesetzt werden, erklärt Allen.
Wie erlernen Kinder eine Sprache?
Von den 7000 Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden, seien bisher nur rund 100 Sprachen dahingehend erforscht worden, wie Kinder die Sprache erlernen, also rund 1,5 Prozent. „Bei den meisten Sprachen wissen wir nichts Wissenschaftliches über die Sprachentwicklung“, sagt Allen. Eine ihrer Forschungsaufgaben sei es daher, herauszufinden, ob die Annahmen, die über das Sprachenlernen bei den bekannten Sprachen gemacht werden, auf andere Sprachen anwendbar sind.
Seit 25 Jahren arbeitet Allen nun mit Inuktitut und es habe sich unter anderem gezeigt, dass Inuit-Kinder früher Passivkonstruktionen benutzten als dies in anderen Sprachen üblich sei. Die spezielle Sprachstruktur mache dies erforderlich. Dieses Wissen hat Allen in die Praxis gebracht, seit fünf Jahren arbeitet sie mit Logopäden in Kanada zusammen, um Tests zu entwickeln, mit denen sich der Sprachentwicklungsstand erfassen lässt. Denn die Tests, die auf der englischen Sprache basieren, lassen sich nicht einfach auf das Inuktitut übertragen. Sowohl die Grammatik- als auch die Wortschatztests müssten an die jeweilige Sprache angepasst werden, betont Allen.
Zweisprachigkeit als Forschungsprojekt
Doch das Feld der Sprachwissenschaften ist weitaus größer, Allen ist in mehreren Projekten beteiligt. Gemeinsam mit Wissenschaftlern von fünf anderen Universitäten forscht Allen mit ihren Studierenden beispielsweise in einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsgruppe daran, wie Zweisprachigkeit die Entwicklung von Sprache beeinflusst. Dabei geht es um die Nachkommen von Personen, die aus anderen Ländern nach Deutschland oder den USA eingewandert sind. Diese sprechen zuhause die Sprache ihrer Eltern, wachsen aber gleichzeitig mit der jeweiligen Landessprache auf.
Im Fokus steht dabei die Sprache von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit griechischen, türkischen oder russischen Wurzeln. In Amerika werde zudem untersucht, wie Deutsch das Englische, in Deutschland, wie Englisch das Deutsche beeinflusse. Dabei zeige sich, dass der Einfluss der Sprache der Eltern teilweise der Grund für bestimmte neue Entwicklungen in der anderen Sprache ist. Die Erst- und die Zweitsprache scheinen sich dabei wechselseitig beeinflussen.
Allen selbst spricht heute neben Englisch und Deutsch etwas Inuktitut, dazu Spanisch, Französisch und Niederländisch. Bevor sie 2010 ihre Forschung in Kaiserslautern aufgenommen hat, war sie unter anderem Professorin für Bildungswissenschaften und Angewandte Linguistik an der Boston University und Research Scientist beim Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nimwegen.