Sommerinterview
Schulleiter Ulrich Becker über vergangene und zukünftige Herausfoderungen und seine Nachfolge
Herr Becker, Sie sind seit 28 Jahren Schulleiter am Heinrich-Heine-Gymnasium. Wie hat es Sie in die Pfalz verschlagen?
Als ich damals die länderübergreifende Ausschreibung der Stelle gesehen habe, war mir sofort klar: Da will ich hin. Ich kannte die Schule schon sehr gut, da ich über die Sportförderung dort promoviert habe und das Gymnasium lange wissenschaftlich begleitet habe. Ich habe die Stelle tatsächlich bekommen, obwohl ich wenig Schulerfahrung hatte. Damals war ich sehr jung, heute dürfte ich einer der dienstältesten Oberstudiendirektoren in Rheinland-Pfalz sein.
Dann steht bald der Ruhestand an?
Ich habe meine Dienstzeit um ein Jahr verlängert und gehe nächstes Jahr. Ich sehe mit Sorge, dass meine Stelle noch nicht ausgeschrieben ist. Ich habe deswegen bereits einen Brief an das Ministerium geschickt. Die Nachfolge sollte in jedem Fall öffentlich und über die Grenzen des Bundeslandes hinaus ausgeschrieben werden. Für eine besondere Schule muss auch mit besonderer Sorgfalt eine Nachfolge gesucht werden.
Was macht das HHG so besonders?
Das Heinrich-Heine-Gymnasium ist mit keiner anderen Schule in Rheinland-Pfalz vergleichbar. Eigentlich sind es drei bis vier Schulen in einer: Es ist eine Eliteschule des Sports, in der 350 Schülerinnen und Schüler schulisch und sportlich gefördert werden. Dann haben wir einen Zweig mit 120 Hochbegabten, die hohe Anforderungen stellen. Wir sind ein Regelgymnasium und bieten zudem Schülern, die von der Realschule plus oder einer IGS kommen, die Möglichkeit, bei uns eine zweite Fremdsprache zu lernen, damit sie ihr Abitur machen können. Insgesamt haben wir rund 800 Schülerinnen und Schüler.
Hinzukommt das Internat, das an die Schule angeschlossen ist. Wie viel Personal beschäftigen Sie insgesamt?
Wir haben rund 80 Lehrerinnen und Lehrer sowie 80 bis 90 weitere Mitarbeiter in den Internaten, der Ganztagsschule, dem sportlichen Training, der Verwaltung, der Küche und dem Hausdienst und der Technik. In der Regel wohnen 120 bis 150 Schülerinnen und Schüler im Internat. Von den vier Landesgymnasien, die es in Rheinland-Pfalz gibt, stellen wir die meisten Plätze.
Wie halten Sie eine so heterogene Schulgemeinschaft zusammen?
Die große Klammer ist die Schule. Die Lehrer unterrichten in jedem Zweig, es gibt niemanden, der nur in den Sportklassen oder nur in den Hochbegabtenklassen eingesetzt ist. Eine weitere Klammer ist sicher das Internat. Seit 2003 sind dort Sportler und Hochbegabte gemeinsam untergebracht. Beide Gruppen profitieren voneinander. Auch im Schulelternbeirat sind Eltern von Kindern aus allen Zweigen vertreten und balancieren die unterschiedlichen Interessen aus meiner Sicht sehr gut. Eine Schule ist letztlich nur gut, wenn die verschiedenen Interessen gut balanciert werden.
Was waren die großen Herausforderungen in Ihrer Karriere?
Eine war sicherlich der Aufbau des Hochbegabtenzweiges 2003. Das war damals ein Kompromiss aus der Koalitionsvereinbarung. Da Internat und Universität bereits vor Ort waren, sollte das HHG zusätzlich die Hochbegabtenförderung übernehmen. Dabei passen die beiden Themen Sport und Hochbegabung ja eigentlich nicht so gut zusammen. Aber das Ministerium wollte es so.
Wie sind Sie vorgegangen?
Wir haben ein Konzept dazu entwickelt und die Lehrer weitergebildet. Die beiden bestehenden Internatsgebäude wurden renoviert, zwei neue Gebäude gebaut. Es war schon schwierig, als Sportschule die Hochbegabten dazuzubekommen. Aber heute will ich sie nicht mehr missen, sie sind ein Teil der Schule und eine gute Ergänzung des Schulprofils. Unsere Theater- und Musikaufführungen sind stark von den Hochbegabten geprägt.
Wie sieht es in Sachen Schulgebäude und Ausstattung aus? Als Landesschule unterstehen Sie ja direkt dem Land und nicht der Kommune.
Für uns ist nicht das städtische Referat Gebäudewirtschaft zuständig, sondern der LBB (Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung Rheinland-Pfalz). Der sorgt dafür, dass alles funktioniert und regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht wird. Vielleicht haben wir da etwas mehr Einfluss als städtische Schulen und das Land kann mehr Finanzmittel zur Verfügung stellen. Was die Liegenschaften und die Ausstattung durch den Digitalpakt angeht, versorgt uns das Land wirklich gut. Bei uns wird grundsätzlich in den Sommerferien renoviert und das ganze Jahr über irgendwo gebaut. Das ist durchaus eine Herausforderung, aber unser stellvertretender Schulleiter Lars Emmermann und Verwaltungsleiterin Melanie Lorch haben das gut im Griff.
Wie sieht es mit den Erweiterungsplänen aus, die mittlerweile seit einigen Jahren im Raum stehen?
Wir bräuchten dringend eine neue Mehrzwecksporthalle und eine eigene Radtrainingsbahn. Bisher müssen unsere Radfahrer ins Trainingslager nach Frankfurt an der Oder fahren. Wenn sie hier bei uns trainieren könnten, wäre das besser für den Sport und die schulischen Leistungen der Sportler. Außerdem ist es ein Faktor bei der Schulwahl: In Köln, Schwerin und Nürnberg entstehen derzeit neue Radrennbahnen. Die Sportler gehen dahin, wo es Bahnen gibt. Leider ist in unserem Fall noch keine Entscheidung getroffen worden.
Woran liegt das?
Für den Leistungssport ist das Innenministerium zuständig, für den Schulbetrieb das Bildungsministerium. Ich habe den Eindruck, dass die Angelegenheit zwischen diesen beiden Ministerien hin- und hergeschoben wird, weil die Zuständigkeit nicht eindeutig geklärt ist. Aber diese Hängepartie macht uns fertig und ist unwürdig. Es muss eine Entscheidung getroffen werden: entweder ja oder nein. Natürlich wäre es eine große Investition, aber die Universität könnte die Sportstätte ebenfalls nutzen, für uns als Schule wäre es ein Standortvorteil und die Existenzsicherung der „Eliteschule des Sports“.
Hat die Corona-Pandemie den Schulalltag dauerhaft verändert?
Corona war eine riesige Herausforderung, nun sehen wir, dass sich dadurch bei vielen das Verhalten geändert hat. Wir sind alle unglaublich digital geworden. Schüler und Lehrer wollen vermehrt von zu Hause aus arbeiten. Viele meiner Kollegen hätten zudem gern alle Konferenzen in digitaler Form, aber das geht in den Schulen noch nicht. Jetzt ist es wichtig, eine gute Mischung zwischen Digital und Präsenz zu finden. Lehrer prägen durch ihre Persönlichkeit und ihre Engagement die Schule. Als Schulleiter wünscht man sich Lehrer, die für ihren Unterricht und ihr Schüler brennen. In Zeiten der Life-Work-Balance ist das nicht immer leicht.
Wie sieht es bei Ihnen in puncto Lehrermangel aus?
Landesweit sind nie 100 Prozent der Lehrerstellen abgedeckt, wir gehen mit 145 Vertretungsstunden in das kommende Schuljahr. Das sind beinahe sechs Planstellen, die nicht besetzt sind. Das bringt viel Unruhe für die Schüler und für die Lehrer, die die Vertretung übernehmen, ist es auch nicht einfach. Kaum sind sie integriert, müssen sie wieder weg. Das geht allen Schulen so. Hat man eine offene Planstelle, ist es nicht einfach, sie zu besetzen, da es für gesuchte Fächer kaum Nachwuchs gibt, der auch bereit ist, nach Kaiserslautern zu kommen. Leider ist die ADD bei der Vermittlung auch nicht so hilfreich, wie man es sich wünscht.
Wird aus Ihrer Sicht genug dafür getan, Nachwuchs zu gewinnen?
Das Land muss für gute Arbeitskräfte gute Arbeitsbedingungen schaffen. Solange die Menschen in der Wirtschaft mehr Geld verdienen, gehen sie dorthin. Hier könnten die Länder viel aktiver daran arbeiten, Lehrer zu gewinnen. Denn ohne Lehrer geht es nicht. Es würde sich lohnen, über neue Wege nachzudenken.
Welche Rolle spielt das Ehrenamt in Ihrem Leben?
Ich habe mich seit ich 16 Jahre alt bin immer aktiv im Sport engagiert, besonders in der Leichtathletik. Als ich jung war, war ich aktiver Sportler, danach war ich als Trainer und Übungsleiter tätig. Seit Jahren habe ich verschiedene Funktionen bei Sportverbänden inne, derzeit bin ich Vizepräsident im Sportbund Pfalz und im Landesportbund und Vorstandsvorsitzender in der Sportstiftung Rheinland-Pfalz. Besonders stolz bin ich, dass sich mein Sohn auch ehrenamtlich im Sport betätigt, er ist Vorsitzender des Sportvereins Fischbach.
Was haben Sie sich für Ihr letztes Berufsjahr vorgenommen?
Ich freue mich darauf, dass wir im nächsten Jahr das 75. Jubiläum unserer Schule feiern. Das steht zwar eigentlich im November 2022 an, aber mit Blick auf Corona feiern wir es im Mai 2023. Weiter würde ich gerne unsere neuen Sportarten ausbauen. Dazu zählen das Klettern, die Leichtathletik und Handball. Bereits etabliert sind die Sportarten Badminton, Radfahren, Tennis, Judo und Fußball. Auch die Ganztagsschule und die Betreuungsangebote würde ich gerne weiter entwickeln. Wenn dann noch eine Entscheidung in Sachen neuer Sporthalle getroffen werden würde – am besten natürlich eine positive –, wäre es für mich eine ganz runde Sache.
Und was kommt nach Ihrer aktiven Schullaufbahn?
Ich würde gern wieder mehr Musik machen. Ich spiele Klavier, Orgel, Bratsche, Geige und habe im Chor gesungen. Das würde ich gerne wieder aufgreifen. Ich bin ein großer Opernfreund und würde gerne die Opernhäuser der Umgebung besuchen. Im Sport will ich mich weiter ehrenamtlich engagieren und meine Expertise einbringen. Mit meiner Frau werde ich weiter Golf und Tennis spielen, auch wenn sie viel besser spielt als ich. Die ein oder andere Reise nach Frankreich ist auch schon geplant. Egal, was kommt: Ich bin für jede gute Idee und Neues offen.
Zur Person
Ulrich Becker, Jahrgang 1956, stammt aus Hagen in Westfalen und ist studierter Sport- und Deutschlehrer. Er promovierte mit einer sportsoziologischen Arbeit über das Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern. Seit seiner Jugend engagiert er sich in der Leichtathletik: Als Sportler, als Trainer, als Funktionär. Becker arbeitete sieben Jahr im Kultusministerium Nordrhein-Westfalen, bevor er 1994 die Schulleitung des Heinrich-Heine-Gymnasiums übernahm. Die Familie hat zwei Kinder: Eine 31-jährige Tochter, die als Zahnärztin in Landau arbeitet, und einen 27-jährigen Sohn, der in Weilerbach in der IT-Branche tätig ist.