Kaiserslautern
Schottische Folkrock-Band Mànran im Kulturzentrum Kammgarn
Eine der besten Möglichkeiten, einen Blick in eine unbekannte Welt zu werfen, bieten weder bewusstseinsverändernde Drogen noch Science-Fiction-Fantasien – sondern schlichtweg die Musik. Am Mittwochabend machte die schottische Folkrock-Band Mànran im voll besetzten Kasino der Kammgarn – und nicht im zunächst geplanten kleinen Cotton Club des Hauses – dafür gleich zwei Fenster auf. Durch sie quasi „hindurchhörend“ konnte man da eine ganz ungewöhnliche Klang-, Stile- und Gefühlswelt kennenlernen.
Durch das erste musikalische Fenster gewährte das Septett Zugang zur Tradition seiner keltischen Heimat. Der folkloristische Klang von Flöte (Ryan Murphy), Akkordeon (Gary Innes), Geige und Dudelsack (Frontmann Ewen Henderson) in den weitgehend selbst komponierten Liedern der Band wirkte besonders intensiv durch seine Realisierung in rasenden, wie hypnotisierend wirkenden Geigen-Läufen und stark rhythmisierten Zungenbrecher-Texten in meist schottisch-gälischer Sprache – was dann gelegentlich geradezu an moderne Rap-Passagen erinnerte.
Wenn Folk auf Rock trifft
Bis hierhin hätte Mànran – das gälische Wort bedeutet etwa so viel wie „(schöne) Melodie“ – eine einigermaßen „typische“ Folkband sein können, die vor dem geistigen Auge des Zuhörers leicht klischeehaft geheimnisvolle Bilder von nebligen Landschaften und urwüchsigen „Highlandern“ hätte erzeugen können. Aber Mànran ist mehr. Und öffnet dabei ein zweites Fenster mit einer dahinterliegenden, neuen musikalischen Welt.
Diese ist nun nicht mehr rein in Richtung Folklore ausgerichtet, sondern schließt auch noch deftige rhythmische und harmonische Elemente des klassischen Rock mit ein. Und höre da: Es entsteht, und das anscheinend besonders intensiv an diesem Abend in Kaiserslautern, speziell durch den Einsatz von Gitarre (Aidan Moodie), Bass (Marcus Cordock) und Schlagzeug (Mark Scobbie) ein ungemein kraftvoller, mitreißender „Scot Rock“-Mix, den man in dieser, die Elemente bruchlos zusammenführenden Form noch nirgends gehört haben dürfte.
Wilde Schlachten und Liebessehnen
Der klaren und ausdrucksstarken Stimme von Sängerin Kim Carnie kam dabei neben den starken Vokal-Beiträgen der männlichen Bandmitglieder (insbesondere jenen von Ewen Henderson) besondere Bedeutung in der bisweilen von überschäumender Vitalität geprägten Interpretation zu. Kein Wunder, dass schon beim dritten Titel des Abends (wenn auch erst nach Aufforderung von Gary Innes) fast alle Fans aufrecht vor ihren Stühlen standen, ausdauernd klatschten und ausgelassen (ohne Aufforderung) auf den freien Flächen im Saal tanzten. Mit dem Mitsingen gälischer Texte war das allerdings trotz einer kurzen Einführung Hendersons in die nicht ganz einfache Sprache gar nicht so einfach. Aber das willige Publikum hielt sich wacker.
In Sachen Repertoire konnte das international bis in die USA hinein erfolgreiche und mehrfach preisgekrönte Septett vor allem aus ihren seit 2011 erschienenen sechs Alben schöpfen. Die behandelten Themen reichten von wilden historischen Schlachten im Schottland vor über 500 Jahren (in einer adaptierten Version) bis hin eben zu den Inhalten der fast ausschließlich selbst geschriebenen Titel, in denen es dann abwechslungsreich vom klassischen Verliebtsein (etwa im aktuellen Titel „Annie“) bis hin zum regnerischen schottischen Wetter („Downpour“, ebenfalls recht neu und auf dem letzten Album „To the wind“ zu finden) ging.
Publikumsnähe ist Trumpf
Sie ist schon etwas Besonderes, diese schottische Band, die gerade auf großer Tournee ist und (nicht zum ersten Mal übrigens) in Kaiserslautern Station machte. Das zeigte sie nicht nur in musikalischer Hinsicht, nicht nur im Stil-Mix und in der technischen Qualität. Sogar auch in Sachen Publikumsnähe außerhalb der Bühne bewiesen die Bandmitglieder ungewöhnliches Engagement: Während der Konzertpause erholte man sich nicht etwa Backstage (was man ihnen bei der kraftraubenden Show gegönnt hätte), sondern man stand ungezwungen am Merchandise-Stand im Foyer, verkaufte eigenhändig Waren und unterhielt sich locker mit den zahlreichen Fans. So geht Showbiz auf ganzer Linie.