Kaiserslautern „Schießt über das Ziel hinaus“

Die Kreishandwerkerschaft Westpfalz hatte gestern zur Frühjahrs-Delegiertenversammlung ins Berufsbildungs- und Technologiezentrum eingeladen. Am Rande der Veranstaltung sprach Joachim Schwitalla mit Gerrit Horn, dem Vorsitzenden Kreishandwerksmeister, über die Situation des Handwerks in der Westpfalz.
Dem Handwerk geht es recht gut. Der milde Winter hat die Arbeiten im Bau- und Ausbaugewerbe im Prinzip nicht behindert. Gibt es Unterschiede in den Branchen? Natürlich unterscheiden sich einzelne Gewerbezweige. Aufgrund niedriger Zinsen ist das Bauhandwerk sehr zufrieden. Auch das Kfz-Handwerk und persönliche Dienstleister geben positive Rückmeldungen. Dagegen steht das Nahrungsmittelhandwerk einem enormen Preisdruck und einem Verdrängungswettbewerb durch Discounter gegenüber. Die handwerklich hohe Qualität von Meisterbetrieben des Metzger- und Bäckerhandwerks wird von der Kundschaft nicht mehr so in Anspruch genommen. Das führt zu einem stetigen Rückgang der Betriebszahlen des traditionellen Handwerks. Wo drückt das Handwerk der Schuh? Die Aufzeichnungspflichten im Zusammenhang mit dem Mindestlohn stoßen im Handwerk auf Unverständnis. Obwohl es bei der üblichen Stundenabrechnung Routine ist, die Arbeitszeiten aufzuzeichnen, schießt das Gesetz über das Ziel hinaus, wenn nicht nur die Stundenanzahl, sondern auch Arbeitsbeginn, Arbeitsende und Pausen detailliert erfasst werden und vom Arbeitnehmer unmittelbar vorgelegt werden müssen. Monatliche Erfassungen sind damit hinfällig. Die Politik verspricht regelmäßig, sich für Bürokratieabbau einzusetzen. Das Gegenteil ist der Fall. Gegenstand der Delegiertenversammlung war unter anderem die Qualität in der betrieblichen Ausbildung zur Sicherung des Fachkräftebedarfs. Wie wird die Qualität in der dualen Ausbildung des Handwerks gewährleistet? Durch Kombination der betrieblichen Ausbildung, der überbetrieblichen in Ausbildungszentren und dem Besuch der Berufsschule ist sichergestellt, dass unser Nachwuchs Praxiserfahrung sammelt und gleichzeitig die theoretischen Grundlagen erlernt. Das unterscheidet unsere Ausbildung von der in anderen europäischen Ländern. Die bilden in der Regel rein schulisch aus. Mir ist ein Geselle lieber, der schon während der Ausbildung in der Werkstatt erfahren hat, was zu tun ist, als einer, der ausschließlich in der schulischen Ausbildung seinen Beruf erlernt hat. Deshalb sind Handwerksbetriebe daran interessiert, motivierte junge Menschen durch eine Lehre im Rahmen der dualen Ausbildung mit breitem Wissen zu versehen. Wie ist es derzeit um Fachkräfte im Handwerk bestellt? In welchen Bereichen mangelt es an Fachkräften? Dringend gesucht werden Installateure. Auch in anderen Handwerken merken wir deutlich, dass Bewerber auf freie Stellen fehlen. In einigen Berufen gibt es bereits nicht besetzte Ausbildungsplätze. Zu schaffen macht uns der „Akademikerwahn“. Trotz hervorragender Karrieremöglichkeiten vom Gesellen zum Meister und zum Betriebswirt im Handwerk und den Möglichkeiten für Handwerker zu studieren, entscheiden sich viele Abiturienten für eine kaufmännische Ausbildung. Welchen Zugang ermöglicht das Handwerk Migranten und Flüchtlingen in der Westpfalz zum Arbeitsmarkt? Wir sind stolz darauf, dass viele unserer Mitbürger mit weitreichenden Wurzeln einen Arbeitsplatz im Handwerk gefunden haben. Inzwischen gibt es viele Meisterbetriebe mit türkischen, italienischen und Inhabern aus anderen Ländern. Die haben sich bereits etabliert und zum Teil selbst junge Leute ausgebildet. Das Motto des Handwerks lautet: „Bei uns zählt nicht, wo man herkommt, sondern wo man hin will!“ Deshalb sprechen die Handwerksorganisationen zurzeit auch intensiv mit den Partnern im benachbarten Ausland. Den Ländern, die unter hoher Jugendarbeitslosigkeit leiden, bieten wir an, junge Menschen bei uns auszubilden. Dazu ist das Handwerk gerne bereit. Zurzeit gibt es Bestrebungen, Jugendlichen aus Portugal eine Berufsausbildung in der Region zu ermöglichen. Auch Flüchtlinge haben im Handwerk eine Chance. Da ist die Politik gefragt, die Rahmenbedingungen für eine Arbeitserlaubnis zu schaffen. Flüchtlinge hätten ein Auskommen und am Arbeitsplatz eine gute Gelegenheit zur Integration. (jsw)