Zweibrücken / Homburg
Saarpfälzer Filmemacher stellen in Berlin ihr neues Werk vor
Frage: Die Hauptdarstellerin des Films, Rhim Ibrir, eine der Frauen, die Sie für Ihren vorherigen Film „Havarie“ (2016) interviewt haben…
Scheffner: Wir haben ihren Ehemann kennengelernt in Algerien. Er hat uns erzählt, dass er damals versuchte, über das Mittelmeer nach Frankreich zu kommen, weil seine Frau da lebte. Da haben wir gefragt, ob wir sie mit der Kamera besuchen dürfen. So ist der Kontakt entstanden. Wir haben sie besucht und gedreht, in „Havarie“ sind aber nur die Tonaufnahmen drin. Da spricht sie über ihre Situation, in ärztlicher Behandlung zu sein zwischen körperlicher Begrenzung und staatlicher Begrenzung. Die Geschichte und die Person haben uns fasziniert, ihre Präsenz vor der Kamera. Wir hatten den Eindruck, dass über den Film ein Vertrauensverhältnis entstanden ist und hatten sie gefragt, ob sie Lust hätte, mit uns einen zweiten Film zu machen.
Wie haben Sie beide zueinander gefunden? Es ist ja ihr erster gemeinsamer Film.
Scheffner: Es gibt wahnsinnig viele Berührungspunkte in unserer Geschichte und unserem Umfeld. Wir kannten uns vom Namen her ganz lange, ich kannte seine eigenen Filme und Filme, wo er als Kameramann fungiert hat. Ich war auf der Suche nach jemanden, der den Menschen in der Architektur abbildet und jemanden, der das mit mir zusammen entwickeln kann, weil ich im Spielfilmbereich keine Erfahrung hatte.
Sattel: Irgendwann hast du angerufen und gefragt, ob ich Interesse hätte. Da ich auch deine Filme kannte und die ästhetisch-analytische Vorgehensweise in deinen Filmen mich sehr angesprochen hat, war das toll. Ich hatte mir erhofft, dass es eine Entwicklungsarbeit wird, die abweicht von den klassischen Erzählkinokonventionen. Du hattest dir schon viele Überlegungen zur Kamera gemacht und wir hatten im Vorfeld eine lange Auseinandersetzung geführt, wie du mit deinen Darstellern, die Laien sind, geprobt hast.
Scheffner: Was ich an der Zusammenarbeit toll fand: Es gab so eine gemeinsame Neugier und einen Spaß, reinzugehen mit einer klaren Vorstellung, aber einer Haltung, die die Vorstellung immer wieder überprüft hat. Volker und ich sind im Vorfeld mehrmals nach Châtellerault gefahren, Volker hat ganz viele Fotos gemacht. Bei uns hieß das immer: in Kontakt treten mit den Leuten vor Ort, weil wir in einem überschaubaren Kreis drehten, in einem kleinen Vorort, wo jeder jeden kennt. Wo es wichtig ist, dass man im sozialen Raum auftritt, und die Leute einem Zugang geben zu Bildern, Sequenzen. Wir konnten aus einem Riesenschatz von Fotos den Film komponieren. Wir hatten sogar ein Storyboard anhand der Fotos entwickelt. Wichtig ist auch, dass Volker ein Mann ist, der den Ton mitdenkt. Die Konzeption des Tons und des Bildes ist hier so verschränkt, dass Bilder aufgrund des Tons ausgesucht wurden.
Können Sie ein Beispiel nennen, wie Ton und Bild zusammenkamen?
Sattel: Eine der größten Herausforderungen war die Verschiebung des Bildausschnitts im zweiten Teil. Dass man die gewohnte Perspektive verlässt, um das Unsichtbarwerden zu zeigen.
Scheffner: Im dritten Teil ist die Protagonistin wieder da, aber wir Zuschauer wissen weniger als die Protagonistin. Das Konzept war, dass der Ton nur dann vorkommt, wenn auch die Tonquelle im Bild ist. Wenn ein Auto durchs Bild fährt, dann hört man das Auto erst, wenn es im Bild zu sehen ist. Sobald es aus dem Bild ist, ist auch der Ton weg. Weil wir klar machen wollten, dass die Kamera eine Grenze markiert. Wir mussten uns Einstellungen suchen, wo wir Tonquellen mit eindenken. Ist da irgendwo eine Uhr im Innenraum, die ein Geräusch machen kann? Wenn sie nicht im Bild ist, dürfen wir das Geräusch nicht haben.
War das kompliziert zu filmen?
Sattel: Was ich lernen musste: Wenn man einen Spielfilm dreht, muss man alles herstellen. Das war hier von einer anderen Größenordnung, zumal in Frankreich für Spielfilme gesetzliche Regelungen gelten. Das hat zu Drehschwierigkeiten geführt: Dass man Dinge, die man gerne gemacht hätte, nicht machen konnte und umdenken musste. Am Anfang gibt es eine lange Busfahrt. Philip und ich waren gewöhnt: Ja, man setzt sich in den Bus. Aber für den Spielfilm wird ein eigener Bus engagiert, Komparsen, man muss jedes Detail instruieren, möchte aber trotzdem nicht die Realität nachbauen, sondern eine eigene schaffen.
Scheffner: Es gab auch Widerstände in der Stadtverwaltung, dass wir da drehen wollten. Bei den Gesprächen ging es darum, dass es ja ein Spielfilm sei, nach dem Motto: Dann nehmen wir einen anderen Bus und eine andere Stadt, das merkt keiner. Aber wir insistierten: Der Bus soll der reale Bus sein, der durch die Stadt fährt, mit dem realen Busfahrer, den jeder kennt. Das hat zu Fragezeichen in den Gesichtern der Verwaltungsleute geführt. Letztendlich konnten wir alles drehen, aber es war ein langer, langer Kampf.
Scheffner: Ein kleines technisches Stilmittel. Normalerweise sieht man, dass die Schärfe ganz bewusst irgendwo hingelegt wurde, und der andere Teil des Raums ist unscharf. Hier hat man ein Bild, das vom nächsten bis zum entferntesten Teil identifizierbar bleibt. Der Raum bekommt dadurch eine andere Präsenz, und es ist eine Einladung an den Betrachter, genau zu beobachten.
Haben Sie die Gespräche im Ort selber geführt? Sie kommen ja beide aus dem südwestdeutschen Raum. Können Sie Französisch sprechen?
Sattel: Ich habe es in der Schule gelernt, aber ich hatte mir auch Hilfe geholt, der Oberbeleuchter konnte gut Französisch.
Scheffner: Wir waren eine deutsch-französische Co-Produktion, große Teile des Teams kamen aus Frankreich, alle Protagonisten sprechen Französisch, die meisten auch Arabisch. Ich hatte nur Schulfranzösisch und habe mir im Vorfeld Filmspezifisches auf Französisch angeeignet. Es herrschte ein großer Mischmasch von Sprachen auf den Set. Aber es wäre nicht gegangen ohne die massive Unterstützung der Leute, die im Ort wohnten. Das Hineinschmelzen in den Ort kannten wir von unserer dokumentarischen Arbeitsweise.
Wann wurde „Europe“ gedreht?
Sattel: 2019 im Dezember, dann gab es einen Nachdreh 2020 wegen der Sommerhitze.
Warum hat es so lange gedauert, wenn die Dreharbeiten 2019 schon begannen?
Scheffner: Wir hatten das Problem, dass wir im August drehen wollten. Dann sind die meisten Bewohner in Urlaub und der Ort ist leer. Davon wollten wir profitieren - und von der Stimmung, die dann herrscht. Dann mussten wir die Dreharbeiten um ein Jahr verschieben, weil wir die Drehgenehmigungen nicht bekommen haben, was auch mit dem realen Aufenthaltsstatus unserer Hauptdarstellerin zu tun hatte.
Aber Sie haben der Hauptdarstellerin Arbeit gegeben. Wird dann nicht die Aufenthaltserlaubnis verlängert?
Scheffner: Das sind die Überlegungen, die wir uns auch alle gestellt haben. Und sie bedürfen manchmal monatelanger Lobbyarbeit, dass die Präfektur das auch so sieht. Der Film kommt aus einer realen Lebenssituation und daraus wird ein Film, der wiederum starke Auswirkungen auf das Leben der Hauptdarstellerin hat. Da greift der fiktionale Film sehr massiv in das reale Leben ein. Rhim lbrir ist immer noch in Frankreich, der Film hat ihr andere Möglichkeiten eröffnet, was ihren Status angeht. „Der Film war ein Kampf, aber am Ende war es ein Sieg.“