Kaiserslautern / München Regisseur Thorsten Klein über seinen Film „Leonora im Morgenlicht“
Sie hat oft Traumwesen gemalt, verfremdete Tiere, Seelengefährten – oder Manifestationen ihrer Gedanken und Gefühle, ihres Innersten. In einem berühmten Selbstporträt von 1937/38 etwa präsentiert sie als Begleiter ihres in Reithosen und Stiefel gekleideten Selbsts eine Hyäne, deutbar als Symbol des domestizierten Wilden, und zwei weiße Pferde: ein schwebendes Schaukelpferd und einen auf ein Gemälde im Hintergrund gebannten Schimmel mit Freiheitsdrang. Leonora Carrington aber fühlte sich damals nicht wirklich frei, auch wenn sie als junge Malerin zum Kreis der französischen Surrealisten gehörte. In den späten 30ern hatte sie auch eine kurze Beziehung zum älteren, berühmten Max Ernst (Alexander Scheer), auf die sie später mitunter auch reduziert worden war, obwohl sie selbst ganz eigene Kunst, auch als Autorin, schuf.
Der Britin, die von 1917 bis 2011 lebte – davon fast 70 Jahre lang in Mexiko – hat der Kaiserslauterer Regisseur Thorsten Klein, zusammen mit Co-Autorin, Produzentin und Co-Regisseurin Lena Vurma, nun seinen dritten Film nach dem Thriller „Lost Place“ und dem Mathematiker-Porträt „Adventures of a Mathematician“ gewidmet. Ausgangspunkt war ein Roman über Leonora Carringtons Leben und eine ausgiebige Recherche in Mexiko. Klein traf Weggefährten und Freunde. „Ihre Lebensgeschichte ist sehr typisch für das 20. Jahrhundert, gerade wegen ihrer Spiritualität in einer Zeit des Materialismus, in der die Menschen nach einem höheren Sinn fragen“, sagt Klein nach der Münchner Premiere.
An ihrer Kunst fasziniert ihn, dass ihre Bilder „voller kleiner Geheimnisse“ sind. Die Britin sei mit einer irischen Nanny aufgewachsen und habe dadurch Kontakt zu keltischen Mythen gehabt und diese künstlerisch verarbeitet. In Mexiko dann habe sie „die Verbindung zur indigenen Mythologie gesehen“. Auf dem Selbstporträt mit der Hyäne habe sie auch „eine Stelle bewusst verwaschen gelassen, als sei da Energie im Raum“. Diese Symbolik inspiriere auch heute noch viele Künstlerinnen. Und so spielt auch die Hyäne aus diesem Selbstporträt als Carringtons Begleiter im Film eine große Rolle. Dieses Wesen zu animieren, verlangte dem Produktionsteam einiges ab: Nachdem ein rumänischer Mitstreiter ausfiel, riefen Lena Vurma und Thorsten Klein, der sich inzwischen internationaler Thor nennt, eine Kickstarter-Kampagne ins Leben – erfolgreich.
„Was sie einzigartig macht, ist diese weibliche, diese feministische Spiritualität“, erklärt sich Klein, warum Carringtons Bildwelten gerade heute viele vorwiegend weibliche Fans haben und sie auch die meistverkaufte Surrealistin auf dem aktuellen Kunstmarkt ist. Sie hatte „ein Radar“ für Spirituelles, „und das spricht gerade viele Leute an, sie haben ein Bedürfnis danach“. Zudem sei Carringtons Werk „nicht so leicht zu durchschauen“, es sei rätselhaft. „Ein Enigma“, sagt Klein, „aber ein positiv aufgeladenes Enigma“.
Bei der Premiere in München im fast vollen Kino habe es denn auch viele Nachfragen zu Leonora Carrington, zu ihrer Kunst und zu ihrer Berühmtheit in Mexiko gegeben, was den Lauterer freut. Zum Kinostart am 17. Juli geht er auch auf eine kleine Kinotour durch Deutschland – und er würde sich freuen, „wenn der Film vielleicht auch im Union läuft“, sagt Klein mit Blick aufs Lauterns einziges verbliebenes Innenstadtkino.
Lesen Sie hier ein Interview mit Thorsten Klein.