Filmfest München „Ein Neuanfang“: Kaiserslauterer Regisseur Thorsten Klein über seinen neuen Film
Sie haben die Weltpremiere des Films in Guadalajara gefeiert. Dort lebte die Britin Leonora Carrington von 1942 bis zu ihrem Tod 2011. Das Land wurde ihre neue Heimat, nachdem sie aus dem deutsch besetzten Frankreich floh, wo sie kurz mit Max Ernst liiert war und einen psychischen Zusammenbruch hatte. Wie wurde der Film in Mexiko aufgenommen?
Mexiko war sehr aufregend. Nicht nur, weil dort fast jeder Leonora Carrington kennt, sondern weil Elena Poniatowska, auf deren Roman der Film basiert, eine der wichtigsten mexikanischen Schriftstellerinnen der vergangenen 100 Jahre ist. Wir hatten daher enormes Interesse der Presse. Dass die Zuschauer und die Journalisten den Film so sehr mochten, ist umso schöner.
Von Ihren drei Spielfilmen sind zwei Biografien. Woher stammt diese Vorliebe?
Meine Interessen, meine Intuition und die jeweilige Geschichte bestimmen, was passiert. Im Fall meines Films „Adventures of a Mathematician“ haben mich die Memoiren von Stanislaw Ulam bereits als 13-Jährigen begeistert. Er beschreibt darin, wie all die rationalen Überlegungen, die zur Entwicklung der Atombombe geführt haben, in diesem Akt des Wahnsinns enden konnten. Im Fall von Leonora Carrington hat mich dagegen der Weg aus dem Wahnsinn interessiert. Es ist ein Film über einen Neuanfang.
Stanislaw Ulam und Leonora Carrington eint, dass sie emigrierten und eine neue Heimat finden mussten. Was interessiert Sie an dem Thema?
Alte Ideen und Identitäten in eine neue Welt zu überführen. Im Falle von Leonora die Konfrontation mit einem Land, das André Breton das surrealistischste Land der Erde genannt hat. Ohne Mexiko ist die Kunst Leonora Carringtons nicht zu verstehen. Sie hatte eine große Furcht vor dem Tod, und Mexiko ist ein Land, das dem Jenseitigen offener gegenübersteht als das durch die Aufklärung geprägte Europa. Hier konnte sie die volle Kraft ihrer Bilderwelten entfalten.
Lassen Sie sich bei der Auswahl Ihrer Stoffe von literarischen Vorlagen leiten?
Ich suche nicht gezielt nach verfilmbaren Stoffen. Es war reiner Zufall, dass ich in einer Bibliothek auf den Bestseller „Frau des Windes“ von Elena Poniatowska gestoßen bin, eine Mischung aus journalistischem Porträt und literarischem Werk. Die Romantisierung des Wahnsinns im Surrealismus hat mich sofort fasziniert. Ich hatte ein Bild aus dem Roman im Kopf, wie Leonora in Südfrankreich ihren Verstand verliert und gleichzeitig die Welt um sie herum durch den Zweiten Weltkrieg auseinanderfällt. Das war der Ausgangspunkt für den Film.
Leonora Carrington war lange vor allem als Lebenspartnerin von Max Ernst bekannt. Wollten Sie sie endlich auch als unabhängige Künstlerin zeigen?
Wer sich mit den Surrealisten beschäftigt, kommt an dem zwielichtigen Begriff der Muse nicht vorbei. Viele Frauen sind an dieser Rolle zerbrochen, das beschreibt zum Beispiel André Breton in seinem Roman „Nadja“ sehr gut. Die Frau, die den Verstand verliert, wird zur Inspiration der Kunst. Leonora war unzähmbar, hat sich diesen Zwängen entzogen und sich dafür den Abgründen ihrer Psyche gestellt. Sie hat sich neu erfunden und ihre eigene Mythologie erschaffen. So verstehe ich auch den Titel des Films. Als einen Neuanfang.
Nachdem Leonora Carrington es über Spanien und Portugal nach Mexiko geschafft hat, bekommt sie auch ihre Krankheit in den Griff. Diesem Kampf geben Sie großen Raum.
Ich habe zu Anfang meiner Recherche versucht, sie nicht nur als Malerin zu sehen. Mich interessierte ihre Krankheit, die sie nach der Flucht nach Spanien nach einem Zusammenbruch in eine Heilanstalt gebracht hat. Ihre Symptome und die Behandlung hat sie ja selbst sehr detailliert beschrieben. Eine Psychologin der Charité hat diese Symptome für mich analysiert. Leonora wollte nie Opfer ihrer Krankheit sein und hat sie durch ihre ureigene Unbezähmbarkeit und Renitenz zurückgedrängt. Als stark und fragil gleichermaßen wurde sie von ihren engsten Freunden beschrieben.
Inwieweit wollten Sie die Zeitgeschichte als Hintergrund einbetten?
Nur insofern sie für Leonora eine Rolle gespielt hat. Leonoras Geschichte erzählt von einem Neuanfang und der Rolle der Fantasie. Sie kann uns helfen, nicht an der Welt zu verzweifeln und Trost in einem größeren Zyklus zu finden, der sich auch in Leonoras eigener Mythologie und ihren Symbolen sehen lässt. Ich denke, Leonoras persönliche Geschichte, der Kontrast zwischen der materiellen Welt und den spirituellen Bedürfnissen, die wir alle teilen, ist typisch für das ganze 20. Jahrhundert.
Und wie finanzieren Sie solche internationalen Koproduktionen?
Meine Produzentin Lena Vurma hat mit „Leonora im Morgenlicht“ eine mexikanisch-deutsch-britisch-rumänische Co-Produktion auf die Beine gestellt. In allen Ländern haben wir staatliche Filmförderung erhalten. Zusätzlich konnte Lena Private Equity für den Film gewinnen. Nach mittlerweile zwei internationalen Koproduktionen haben wir viele Kontakte aufgebaut. Auch das Team ist sehr international. Mit Cutter Matthieu Taponier, der für „Son of Saul“ den Oscar gewonnen hat, und dem Kameramann Tudor Vladimir Panduru haben wir nun bereits zum zweiten Mal zusammengearbeitet. In Rumänien wurden die digitalen Effekte für den Film gemacht. Das alles war richtig harte Arbeit für Lena, weil es inzwischen sehr schwer geworden ist, eine internationale Koproduktion mit diesem Budget zu finanzieren.
Zum Film
Werke der gebürtigen Britin Leonora Carrington (1917–2011) erzielen heute Höchstpreise auf dem Kunstmarkt, doch war ihr Schaffen in Europa lange wenig bekannt. Wie viele ambitionierte Frauen stand Leonora Carrington in den 1930ern im Schatten eines Mannes. Im Kreis der Surrealisten galt die Künstlerin, die schon in ihrer Heimat gegen gesellschaftliche Konventionen rebellierte, lange als Muse und Gefährtin von Max Ernst.
Die Filmbiobiografie „Leonora im Morgenlicht“ von Lena Vurma und Thorsten Klein, der sich international Thor Klein nennt, begleitet Carrington über die Jahre des Zusammenlebens mit dem deutschen Maler und schildert ihre Flucht nach Mexiko, wo sie ihre künstlerische Heimat findet. Die Lebensstationen werden nie chronologisch abgehandelt: Geschickt springt der Film immer wieder zwischen ihrer Ankunft in Frankreich bis zu ihrem Durchbruch in den 1950er-Jahren hin und her. Rückblenden in die Kindheit runden das Bild ab. Lange Abschnitte widmen die Filmemacher Carringtons Kampf mit ihren schweren Depressionen und den Reaktionen ihrer Umgebung auf die Krankheitsschübe. Immer wieder wird sie in Heilanstalten eingewiesen, wo sie Elektroschockbehandlungen in der Hoffnung ertrug, endlich ihre Dämonen zu bannen. Diese Traumata verarbeitete sie in ihren künstlerischen Arbeiten.
Olivia Vinall, die in den vergangenen Jahren zu einer der aufregendsten Schauspielerinnen auf Londons Bühnen gereift ist, überzeugt in der Titelrolle mit einer nuancierten, überzeugenden Performance. Das Ambiente des bildgewaltigen Films ist ebenso stimmig, immer wieder begegnet die Künstlerin Fabelwesen aus ihrer Kunst – zugleich Dämonen aus ihrem Kopf, die sie nie zur Ruhe kommen ließen. Allerdings bekommen Carringtons berufliche und private Beziehungen dadurch weniger Raum.
Die Surrealisten suchten in ihren Schriften und Werken nach einer Antwort auf die Frage des Verhältnisses zwischen Vernunft und Wahnsinn, womit Leonora Carrington auch innerlich konfrontiert war. Ihr Ringen mit ihrer Depression ist zugleich ein Abschied von ihren Vorstellungen. Im magischen Realismus Lateinamerikas fand Carrington ihren eigenen Zugang zu Spiritualität und Kunst.
Zur Person
Thorsten Klein, 46, kommt aus Kaiserslautern und wollte zunächst Journalist werden, schrieb für die RHEINPFALZ, später für Musikmagazine. Zunächst studierte er Anglistik und Soziologie, bevor er an die Deutsche Film- und Fernsehakademie (dffb) in Berlin wechselte. Sein Debütfilm „Lost Place“ war 2013 ein Thriller über gefährliche elektromagnetische Strahlung, gedreht im Pfälzerwald. Sein zweiter Film „Adventures of a Mathematician“ (2020) basiert auf der gleichnamigen Autobiografie des aus Polen in die USA emigrierten Mathematikers Stanislaw Ulam (1909-1984), der am Atomwaffenforschungsprogramm des US-Militärs mitarbeitete. Kleins dritter Film „Leonora im Morgenlicht“, entstanden gemeinsam mit Lena Vurma, hat am Montagabend Europapremiere auf dem Filmfest München gefeiert.