Lesung
Rainald Grebe hat in der Kaiserslauterer Kammgarn jede Menge zu sagen
Wer den guten Rat seines Arztes, etwas kürzer zu treten, befolgt, heißt nicht Rainald Grebe. Der Liedermacher, Kabarettist und Schauspieler leidet an einer seltenen Autoimmunerkrankung, die sein Hirn angreift. Trotz dieser schweren Erkrankung, die ihm schon elf Schlaganfälle beschert hat, ist er nach Kaiserslautern gereist.
Anders aber als bei seinem Auftritt 2011 zu seinem 40. Geburtstag in der Berliner Waldbühne, reitet er am Abend des 22. November 2023 in der Pfalz nicht mit weißem Federschmuck auf einem weißen Pferd ein. Mit einem Bücherstapel im Arm betritt Grebe, der 1971 in Köln geboren wurde und heute in der Uckermark wohnt, die Kasino-Bühne. Von den 170 Besuchern, die aus der ganzen Pfalz und dem Saarland angereist kamen, wird er euphorisch begrüßt. Unbeirrbar steht er wieder auf dem Podium, und er hat jede Menge zu sagen und zu singen. Das ist Rainald Grebe, wie er leibt und lebt, voller Energie und Tatendrang.
„Da war Rainald baff“
„Nur ne Lesung. Nur“, beginnt er in seiner schnodderigen Art und brabbelt leise vor sich hin. Vieles habe er vergessen. Seit Corona. „Alles irgendwie im Lockdown hängengeblieben.“ Da habe er sich auch infiziert. In Brandenburg. ’Ne Abordnung eines Dresdener Kleinverlags habe ihn angesprochen, ob er nicht eine Biografie schreiben wolle. „Da war Rainald baff!“ Die hätten ihn angemacht: „Du wirst nächstes Jahr 50! Hast du nicht Lust zu schreiben?“ „Das geht nicht, kommt nicht in Frage“, habe er geantwortet, sich dann aber doch überreden lassen. Was solle er beschreiben, fragte er sich. „Meine Geburt? Meinen Tod? Das dazwischen?“ Es war einfacher: „Die ham’ so Fragen auf Tonband vorbereitet. Und dann laberst du drauf los und gibst es ab: Da steckt mein Leben drin.“
Nach Hirnblutungen „Wolken“ im Kopf
Dann erzählt Grebe von seinen Einblutungen im Gehirn, die „Wolken“ in seinem Kopf verursacht hätten. „Ich musste mich am Riemen reißen“, sagt er. „Wenn ich meinen Kopf nicht in den Griff kriege, werde ich vielleicht nie wieder auftreten können. Dann helfen auch keine Spickzettel mehr. Dann ist Sense.“ Und er ergänzt: „Üben, üben! Sonst gibt’s bald keinen Rainald mehr.“ Einen „Sack voll Medikamenten“ zählt er auf, die ihm in der Neurologie verabreicht wurden: „Prednisolon, ASS, Amlodipin, Ramipril, Pantoprazol … und 3000 Nahrungsergänzungsmittel aus den Tiefen der Rocky Mountains.“
Mit abgehackten Sätzen und vielen Unterbrechungen, um das Gelesene genauer zu erläutern, berichtet er von Geburt und Einschulung und zeigt die passenden Fotos auf der Großleinwand. Beim Besuch seiner Schwester in Konstanz habe er einem Konzert von Marius Müller-Westernhagen beigewohnt. Anschließend sei er „relativ breit durch die Stadt gelaufen“. In einem Park habe er sich auf eine Bank gesetzt. „Da flog Marius Müller-Westernhagen auf einer Bastmatte vorbei.“ Bewegungsbad, Logopädie mit Korken im Mund, Qigong und Hydrojet beanspruchen seinen Alltag in der „Neuro“. „Ich sollte eine Uhr aufzeichnen mit der aktuellen Uhrzeit“, berichtet er. „Danach der Key-Search-Test: Man soll mit Linien darstellen, wie man seinen verlorenen Schlüssel auf einer Wiese suchen würde.“
Das Publikum reagiert begeistert
Am Internationalen Tag der seltenen Krankheiten habe sein Arzt ihm gratuliert: „Und sie sind selten!“ Der habe nochmals Grebes MRT angeschaut: „Überall Läsionen. In jeder Region. Kleinhirn, Frontlappen, Hyppothalamus. Wie Couscous.“
Man kann Grebe gut zuhören. Der Schauspieler kennt seinen Part bestens. Er liest mit unterschiedlichen Stimmen, betont hervorragend, aber hektisch, und schwadroniert zwischen Dada und Sparkasse. Bei dem Meister des Absurden klingt jede Berliner Schnoddrigkeit elegisch. Aber vielleicht findet man die Wirklichkeit ja am ehesten, wenn man sich möglichst weit davon entfernt. Diese Wirklichkeit ist, dass Grebe direkt ist und klar, bis an die Schmerzgrenze und auch darüber hinaus geht, dass er ein großes Herz hat, welches er unter seiner Trainingsjacke versteckt, dass er schlagfertig ist und dass man bei ihm weiß, wo man dran ist.
Ein Aspekt fällt allerdings fast völlig durch den Buchdeckel: seine Kreativität, resultierend wohl aus der Notwendigkeit, sich dauernd zu verändern, sich neu erfinden zu müssen, geprägt vom Rhythmus rastloser Schnelllebigkeit.
Begeisterter Applaus. Eine Zugabe.