Pfälzische Musikgeschichte Punklegenden Walter Elf und Spermbirds gewürdigt

Die Akteure vor ausverkauftem Haus im Theodor-Zink-Museum.
Die Akteure vor ausverkauftem Haus im Theodor-Zink-Museum.

So wird Musikgeschichte der 80er Jahre, werden Musikgeschichten lebendig: Eine umfangreiche Schau im Kaiserslauterer Theodor-Zink-Museum würdigt die Punklegenden Walter Elf und Spermbirds, die es bis in die Vereinigten Staaten geschafft haben. Und bei der Einführungssoiree gab es auch die ein oder andere Überraschung.

Die Ausstellung „No Punks in K-Town: Walter Elf und Spermbirds – Punk in Kaiserslautern“ ist schon außergewöhnlich. Die einführende musikalisch-literarische Soirée am Vorabend der Ausstellungseröffnung war es erst recht. Und: Es war ja auch zu erwarten gewesen.

Wenn im Rahmen einer ehrenden Ausstellung nach 40 Jahren Bühnen-Präsenz die Beteiligten aufeinandertreffen, dann gibt das „eine größere Sache“, wie schon im Vorfeld zu hören war. Mehr noch: Die ausverkaufte Veranstaltung im Theodor-Zink-Museum Kaiserslautern wurde zu einem richtigen – und hier passt der strapazierte Ausdruck ausnahmsweise mal – Event: eine in dieser Form wohl noch nie zusammengestellte Melange aus Literaturlesung, Konzert, Talkrunde und Familientreffen.

Sie waren (fast) alle gekommen, all die aktuellen und einstigen Mitglieder der Walter Elf und der Spermbirds, die nach längerer Zeit wieder einmal gemeinsam im Rampenlicht stehen sollten: Sänger (und Schlagzeuger) Matthias „Beppo“ Götte, Sänger (und Trompeter) Alex Hoffmann, die Gitarristen Jürgen Schattner, Frank Rahm und Roger „Thorn“ Ingenthron, Bassist Markus Weilemann und Schlagzeuger Joachim „King“ König. Dazu kamen im Publikum musikalische und unterstützende Weggefährten, Familienmitglieder der Musiker und viele alte und neue Fans aus der gesamten Region. Nur ausgerechnet einer konnte an diesem Abend nicht dabei sein: Sänger und Autor Lee Hollis, Gründungsmitglied der beiden Punkbands, musste seine Teilnahme an der Zusammenkunft krankheitshalber absagen.

Thees Uhlmann ist ein Fan

Abgesehen von diesem Wermutstropfen entwickelte sich aus dem vielschichtigen Treffen eine ebensolche Veranstaltung. Nach dem Grußwort von Museumsleiter Bernd Klesmann und der launigen Laudatio des Special Guests Thees Uhlmann, versierter Sänger der Band Tompte, kompetenter Autor und erklärter Fan der beiden Gruppen, gab es fortan einen abwechslungsreichen Reigen unterschiedlicher Formate.

So erzählten etwa Götte, Hoffmann, Schattner, Ingenthron und König in einer ersten von zwei amüsant-informativen Talkrunden unter anderem über ihre frühen Musiker- und Tournee-Jahre, berichteten dabei zur Gaudi des Publikums etwa von den Veranstaltern zur Verfügung gestellten staubigen Matratzen-Unterkünften und extra-kargen Frühstücken. Untermalt wurden die Ausführungen von Projektionen alter Fotos der Band – ebenfalls öfters ein Quell der Heiterkeit. Nur an einer Stelle des Abends wurde es ernst: als man von Auftritten im damaligen Jugoslawien zu Kriegszeiten sprach.

Feine Hörproben inklusive

Zwei Höhepunkte bestimmten das Event in besonderer Weise. Zum einen las Matthias Götte in Vertretung für Lee Hollis dessen Kurzgeschichte „Many injured, more dead“ über einen total aus dem Ruder gelaufenen Auftritt. Zum anderen wurde erwartungsgemäß ein nur kleiner, aber feiner Konzert-Teil mit drei Titeln gegeben – mehr oder minder unplugged und dennoch den Geist der alten Zeiten zeigend. Abseits der ganz frühen, für gestandene Männer um die 60 eher unpassenden Titel, hatte man unter anderem „Diese Stadt“, eine Abschiedshymne an Kaiserslautern, ausgewählt. Irgendwie passend für eine Party, deren Gäste danach bedauerlicherweise wieder in alle Winde zerstreut werden würden.

Aber in diesen musikalischen Momenten herrschte noch und wirkte nach – eine besondere Stimmung. Die alten Lieder, die vertrauten Musiker, an einer Seite der „Scheune“ passenderweise eine Art Punk-Food-Buffet mit Dosenbier und Chips, draußen vor der Tür ein Geraune und Rufen wie weiland zu den „echten“ Konzerten. Das war eine Mini-Zeitreise außerhalb der denselben Eindruck erweckenden großen Ausstellung. Mensch, Leute, kann man da nur sagen: Wollt ihr nicht vielleicht doch noch mal so „richtig“... Was die Stones-Mannen mit 80 herum können... Ihr wisst schon...

Die Ausstellung

Zeitreisen kann es nicht geben. Sagen die Wissenschaftler. Stimmt nicht. Sagten sich die Kaiserslauterer Bands Walter Elf und Spermbirds. Und organisierten die Ausstellung „No Punks in K-Town: Walter Elf und Spermbirds – Punk in Kaiserslautern“ im Stadtmuseum. Zahlreiche interessante Exponate und Infos aus vier Jahrzehnten Bandgeschichte für alle Boomer, die jene Zeit als Jugendliche live miterlebt haben, aber auch für alle Nachgeborenen mit Interesse speziell an den 1980ern und der damaligen Pfälzer (Punk-)Musikszene machen den Trip 40 Jahre zurück seit Samstag möglich. Und: Die Reise in die Vergangenheit per Ausstellung lohnt sich in allen Etappen.

Ja, Etappen. Denn die Macher haben nicht nur etwa einfach physisches Material zusammengetragen, sondern alles, was noch abrundend zum Thema gehört, sauber aufbereitet. So erfährt man in Texten auf zahlreichen Tafeln und Bannern auch etwas über den zeitlichen Hintergrund des Jahres 1983, dem Gründungsjahr der beiden personell und historisch miteinander verbandelten Punk-Bands. Damals waren national etwa die Aufrüstung und die Friedensbewegung ein Thema. Fokussiert auf Kaiserslautern und die Region war nachzulesen: Theo Vondano war Oberbürgermeister, die Lautertalbahn wurde 100 Jahre alt, und der Wadgasserhof (heute zusammen mit dem Theodor-Zink-Museum das Stadtmuseum) wurde in diesem Jahr renoviert.

Wenn der Punk abgeht

Auf dieses zeitgeistige und historische Ambiente aufbauend, gibt es viele Infos von Bandmitgliedern darüber, wie die Walter Elf und die Spermbirds überhaupt zu ihrem Metier fanden. Langeweile in einer als trist empfundenen Stadt, diverse Unzufriedenheiten, pubertäre Phantasien vom Erwachsenwerden und dem Wunsch (auch in und mit der Musik), „alles anders machen“ zu wollen – das und noch einiges mehr führte demnach zu ersten musikalischen Gehversuchen in und mit Bands, die damals eine gewisse Bedeutung hatten. Namen wie K-Town-Xdreamists, Arts and Decay und Cinq A Sec klingen oft noch bis heute bei reiferen Musikfans nach. Diese zahlreichen Formationen werden auch ausdrücklich in der Ausstellung genannt. Es macht heute richtig Spaß, als damals aktiver Musikfan diesen Namen und den damit verbundenen Erinnerungen nachzuspüren. Für alle anderen mag es den Blick eröffnen in eine musikalisch hoch aktive Lautrer Zeit.

Besonders intensiv ging bei den beiden gewürdigten Gruppen „der Punk ab“. Entsprechend ausführlich informieren die Texte über deren Werdegang, Erfolge und Wirkungen. So liest man etwa von den vom US-Amerikaner Lee Hollis initiierten Band-Anfängen, von ersten Auftritten in Kaiserslautern und im Saarland, schließlich von den ganz großen Touren der Spermbirds quer durch Europa und schließlich sogar bis nach Übersee. Minutiös in Tabellen festgehalten sind alle diese Konzerte übrigens auf sechs großen Roll-Up Bannern, inklusive Datum, Ort und Anmerkungen beispielsweise zu Publikumsgröße, Stimmung im Saal und Höhe der Gage. Alles ist dann noch einmal auf einer großen Weltkarte visualisiert.

Benzin im Tank

Auch allerlei unterhaltsame Anekdoten speziell aus dem Umfeld jener Tourneen werden thematisiert. Benzin im dieselgetriebenen Tour-Bus zum Beispiel, eine gestohlene Band-Kasse, ein Stromausfall mitten im Auftritt, den man ganz profilike a cappella fortsetzte – allein diese Geschichten lohnen schon das genaue Hinsehen und Durchlesen der Texte. Apropos Texte: Etliche Zitate aus Presseartikeln ergänzen die musikalische Zeitreise. Es finden sich sogar Ausschnitte aus Rezensionen, die der überraschte Schreiber dieses Artikels als junger RHEINPFALZ-Mitarbeiter vor fast 40 Jahren geschrieben hat.

Die Hauptattraktion der Ausstellung sind indes all die greifbaren Exponate rund um die beiden Gruppen: ein Skateboard im Spermbirds-Design, an den Wänden und hinter Glas unzählige Konzertplakate und Eintrittskarten aus verschiedenen Zeiten und Ländern, bunte Fan-Shirts, ungezählte Schallplatten, Skurriles sogar wie ein Satz Punker-Quartett-Spielkarten – jeder Blick kann in dieser Ausstellung etwas Bemerkenswertes zu Tage fördern.

Zeitreisen gibt es nicht? Und „No Punks in K-Town“? Stimmt beides nicht. Bis ins neue Jahr hinein kann man sich bei einen Besuch der Punk-Ausstellung persönlich davon überzeugen.

Ausstellung

Bis 14. Januar im Stadtmuseum Kaiserslautern; Öffnungszeiten: mittwochs bis freitags von 10 bis 17 Uhr, samstags, sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr; Weihnachtspause vom 24. Dezember bis 3. Januar.

Sänger Beppo Götte.
Sänger Beppo Götte.
Moderator Thees Uhlmann.
Moderator Thees Uhlmann.
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