Blickpunkt
Portugiesischer Fußball in Kaiserslautern hat eine lange Tradition
Rückblende: Am 10. September 1964 trafen nach fast dreitägiger Bahnfahrt die ersten 15 portugiesischen Gastarbeiter in Kaiserslautern ein. Die expandierende Textilbranche in Kaiserslautern suchte händeringend nach Fachkräften – und richtete dafür eigens Anwerbebüros ein. Fündig wurden Unternehmen wie Pfaff, die Kammgarn oder die Spinnerei Lampertsmühle vor allem in Portugal. Genauer gesagt im Norden des Landes. Zwischenzeitlich lebten mehr als 5600 Portugiesen in Kaiserslautern, heute sind es noch knapp 1000. Doch eines verband die Portugiesen früher und heute gleichermaßen: ihre Liebe zum Fußball.
Das erste Spiel
So verwundert es auch nicht, dass schon wenige Monate nach der Ankunft der ersten Gastarbeiter der Ball ins Rollen kam. Zwar gab es in Kaiserslautern noch keinen eigenen portugiesischen Fußballverein, doch dem runden Leder wollten die ersten Gastarbeiter der Kammgarn-Spinnerei auch in der neuen Heimat nicht abschwören. Nach mehreren Trainingseinheiten auf dem Rasen vor der firmeneigenen Sporthalle fand das erste „offizielle“ Spiel am 23. Mai 1965 auf dem Wiesenthalerhof statt.
Der erste Club
Zwei portugiesische Teams, gebildet aus Mitarbeitern der Kammgarn-Spinnerei und deutschen Lehrlingen als „Verstärkung“, lieferten sich ein erstes Kräftemessen, weitere Spiele folgten. Die portugiesischen Kammgarn-Mitarbeiter waren es auch, die wesentlich dazu beigetragen haben, dass 1966 der Portuguesa de Desportos (PDK) gegründet wurde. Der Name entstand übrigens in Anlehnung an einen portugiesischen, in Brasilien beheimateten Club. Die jungen Portugiesen wollten sich in ihrer Freizeit endlich ihrem Hobby widmen können, Kontakte auch außerhalb des Arbeitsplatzes pflegen.
Gastarbeiter-Spiele
1966. Es war auch das Jahr von Eusébio, dem großartigen Fußballspieler von Benfica, der bei der Weltmeisterschaft in England sein Team nicht nur zum dritten Platz führte, sondern mit neun Treffern Torschützenkönig des Turniers wurde. In Portugal wurden die ersten Trikots zum Stückpreis von 15 Mark bestellt, um auch in der neuen Heimat Fußball spielen zu können. Anfangs standen vorwiegend „Gastarbeiter-Spiele“ auf dem Programm. Über die Kammgarn wurden portugiesische Mannschaften in Frankfurt, Offenbach, Mainz, Wiesbaden oder Darmstadt kontaktiert, der Ball konnte endlich rollen.
Der Trainer
Als Trainer wurde der frühere FCK-Leichtathlet Fritz Seitz verpflichtet. Geleitet wurde die Abteilung von Acacio Fialho, Manuel Freitas (2007 mit dem Barbarossasiegel der Stadt ausgezeichnet), Antonio Diamantino und Carlos Pinto. Im Tor stand Acacio Fialho, der als Sozialarbeiter bei Pfaff und der Stadtverwaltung beschäftigt war, später aber eine traurige Berühmtheit durch die zweifelhafte Vermittlung von portugiesischen Leiharbeitern erlangte.
Der erste große Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: 1969 errang der PDK die Meisterschaft der in Deutschland spielenden portugiesischen Mannschaften, 1970 folgte der Titel als portugiesischer Südwest-Meister.
Der Weg zum FCK
Einige Jahre später ebneten FCK-Präsident Willi Müller, Geschäftsführer Erich Schickedanz und Platzwart Walter Herbrand den Weg des PDK in den Schoß des 1. FC Kaiserslautern, wo die Mannschaft als FCK-Portugiesen auch am offiziellen Spielbetrieb teilnahm und 1986 als Abteilung angegliedert wurde. Ein treuer Wegbegleiter der FCK-Portugiesen seit frühester Zeit war Norbert Thines, der noch heute größte Wertschätzung bei den Portugiesen in Kaiserslautern genießt.
Juventude Portuguesa
Doch schon davor hat die Harmonie zwischen den portugiesischen Fußballern in der Barbarossastadt bereits erste Bewährungsproben überstehen müssen. Da viele junge Spieler beim PDK wenig Entwicklungschancen sahen, gründeten sie 1977 einen eigenen Verein: Juventude Portuguesa. Zum Präsident wurde Antonio José Carmo gewählt, weitere Gründungsmitglieder waren Francisco Lagarto, Gaspar Cal und Francisco Pascoa. Sie wollten einen anderen, einen neuen Weg gehen, portugiesische Lebensart noch stärker betonen. Anfänglich in den Räumen der portugiesischen Mission, wurden 1982 die Clubräume in der Helenenstraße bezogen. Eine Tanzgruppe machte erste Gehversuche, Deutschunterricht wurde angeboten und eine Bibliothek eingerichtet. Fünf Jahre nach der Gründung waren 260 Mitglieder bei der Juventude angemeldet.
Die Rivalen
Aber selbstverständlich sollte auch Fußball gespielt werden. 1980 und 1981 schnappte Juventude Portuguesa dem PDK die Südwestmeisterschaft vor der Nase weg, ehe 1982 noch einmal der Rivale vom Betzenberg zum Zuge kam. Streng genommen begann 1980 der „Ernst des Fußballlebens“ für die Lauterer Portugiesen. Und auch hier hatte die Juventude die Nase vorn. Als ESC West-Portugiesen nahmen sie den offiziellen Spielbetrieb in der C-Klasse auf. Erst zwei Jahre später zogen die FCK-Portugiesen nach. Erfolgreich, wie sich später herausstellen sollte.
Die Platzierungen in den Anfangsjahren waren ambitioniert, Trainer wie Francisco Lobo, Jose de Barros und Sigfried Nowak leisteten gute Arbeit. Die Sensation gelang Trainer Carlos Pinto 1986 mit dem Aufstieg in die B-Klasse, nachdem in einem Entscheidungsspiel in Hohenecken der TuS Schmalenberg besiegt wurde.
Junge Talente
Auch die damals erfolgsverwöhnten A- und B-Jugendteams des 1. FC Kaiserslautern profitierten von den portugiesischen Talenten: Victor Oliveira, Manuel-To Perreira, Alcino Rebelo, Manuel Martins und Carlos Dourado standen im Junioren-Kader. Joaquim Goncalves schaffte es sogar vom Betzenberg in die 1. Liga Portugals zum FC Sporting Braga. Aber auch später tauchten immer wieder portugiesische Nachwuchsspieler in den FCK-Teams auf: Ricky Pinheiro zum Beispiel durchlief die gesamte Jugend des Traditionsvereins und war acht Mal in der Bundesliga im Einsatz. Oder Marcel Correia, ebenfalls ein Lauterer Portugiese.
Die FCK-Portugiesen heute
In der Kreisliga nehmen die FCK-Portugiesen in der neuen Saison einen weiteren Anlauf. Während das Team seine Heimspiele auf dem Fröhnerhof austrägt, befindet sich das Clubhaus des PDK seit 1992 in der Pariser Straße, wo mitunter auch das Nationalgericht Bacalhau (Stockfisch) serviert wird. Zuvor hatten die Portugiesen in der Mühlstraße ihr Domizil. Noch heute schwärmen viele von den zahlreichen kulturellen Veranstaltungen, ganze Familien trafen sich dort regelmäßig und sorgten so für eine pulsierende portugiesische Gemeinde.
800 Zuschauer beim Derby
Nach einer zweijährigen Pause vom Fußball wurde Carlos Pinto 1994 Trainer der ESC West-Portugiesen. „Das hat sich einfach so ergeben“, erklärt er heute. Denn um zu verstehen, was dieser „Seitenwechsel“ damals bedeutete, muss man die Rivalität der beiden Vereine zum damaligen Zeitpunkt kennen. „Das ist manchmal auch in Hass umgeschlagen“, weiß Pinto. Trotzdem erinnert er sich gerne an die Derbys dieser beiden Clubs, einmal sogar mit 800 Zuschauern. Nach dreijähriger Amtszeit gelang Pinto beim ESC West das, was ihm zuvor auf dem Betzenberg gelungen war: der Aufstieg in die B-Klasse. Auch dank eines überragenden Torjägers Albert Togo, der 35 Treffer erzielte.
Der Abstieg
Was folgte waren Zerwürfnisse und der postwendende Abstieg. Zeit also, um mit dem Rivalen vom Betzenberg ernsthaft über eine Fusion zu reden. Zu einem Zusammenschluss kam es jedoch nicht, längst hatten sich die Rivalitäten zu unüberbrückbaren Hindernissen zugespitzt. Darunter gelitten hat vor allem der jetzt wieder unter dem Namen Juventude spielende Verein, der keine feste Bleibe mehr hatte und ständig auf der Suche nach neuen Sportplätzen war. Doch sie trotzten diesen Unbillen und schafften unter der Regie von Spielertrainer Filipe Pinto 2008 mit Spielern aus den verschiedensten Ländern den Aufstieg in die Kreisliga. Niemand konnte ahnen, dass dieser Triumph der Anfang vom Ende des Clubs war.
Vergaloppiert
Auf dem Gelände des Hockeyclubs auf dem Wiesenthalerhof angekommen, scheiterte die Mission Klassenerhalt, das Ende kam dann in der Saison 2010/11. Vorstand und Trainer hatten sich nach Unstimmigkeiten und trotz einer Tabellenführung in der Kreisklasse bereits frühzeitig auf eine Trennung zum Saisonende geeinigt. Als der Coach jedoch in der Winterpause mit 14 Spielern zum SV Mehlbach wechselte, war das Schicksal endgültig besiegelt. Als Spielleiter versuchte Estevao Pires Gaspar zu retten, was noch zu retten ist. Vergeblich. Denn auch auf anderem Gebiet hatte sich der Verein vergaloppiert, verlor die Gemeinnützigkeit und wurde zwei Spieltage vor Saisonschluss vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Das Kapitel Juventude war geschlossen.
Pinto, der wie sein Namensvetter die Tradition portugiesischer Trainer in der Stadt mitgeprägt hat, arbeitete später einige Jahre sehr erfolgreich beim VfL Kaiserslautern, bevor er in diesem Sommer zum SV Enkenbach wechselte.
Sie halten zusammen
Und auch wenn es zwischen den Portugiesen untereinander nicht immer ganz frei von Konflikten blieb: Wenn es darauf ankam, hielten sie zusammen. Bestes Beispiel: Als 1998 eine Flutkatastrophe den Süden Portugals heimgesucht hatte, verabredeten sich die portugiesische Gemeinde, der Portugiesisch-Deutsche Freundeskreis, die FCK-Portugiesen und der 1. FC Kaiserslautern mit seinem brasilianischen Spieler Ratinho zu einer großen Benefizveranstaltung. 40.000 Mark wurden damals für die Menschen in Ourique im Alentejo gesammelt.