Blueskonzert
Philipp Fankhauser verabschiedet sich von der Westpfalz
Wegen ihrer Dreadlocks bekommt die junge Musikerin Ronja Maltzahn ihren Festivalauftritt von den veranstaltenden Fridays for Future abgesagt. Grund für die Absage: kulturelle Aneignung. Eine Seniorentanzgruppe darf auf der Bundesgartenschau in Mannheim nicht mit Sombreros auftreten. Grund für die Absage: kulturelle Aneignung. Und nun das: Ein Schweizer, der bei seinen Auftritten auch noch in unverkennbarer Mundart die Ansagen macht, hat den Blues – die Urform der afroamerikanischen Musik. Wenn das mal keine kulturelle Aneignung und Grund für einen moralischen Aufschrei ist.
Dieser blieb jedoch aus beim Auftritt des Eidgenossen am Samstagabend im Kulturzentrum Kammgarn. Eher schrie und pfiff das Publikum vor Begeisterung. Und das völlig zurecht. Denn Fankhauser und seine fünf Mitstreiter absolvierten an diesem Abend ein traumschönes, atmosphärisches Konzert, das sowohl den Blues, als auch seine „Ableger“ Rock’n’Roll und Soul sowie den Twist miteinander verschmolz. Ganz nebenbei unternahm der 59-jährige Eidgenosse eine Reise in die eigene musikalische Vergangenheit. Und die hatte in der Tat etwas mit kultureller Aneignung zu tun – allerdings so ganz anders, als es die moralinschwangeren, woken Zeitgeistjünger unserer Tage so gerne anprangern.
Eine Hommage an Johnny Copeland
Denn Fankhauser stellte mit seiner neuen CD „Heebie Jeebies“ (zu Deutsch so viel wie Gänsehaut, aber auch Fracksausen), deren Nummern allesamt aus der Feder von Johnny Copeland stammen, die eigene musikalische Sozialisation vor und mithin die Hommage an einen Mann, der ihn wie kein Zweiter prägte. Sein Erweckungserlebnis hatte der Schweizer dabei 1983 auf dem Jazzfestival in Montreux, wie er in launigen Worten schilderte. Dort hörte er den US-Blueser Copeland (Jahrgang 1937, 1997 in New York gestorben) und besuchte ihn nach dem Konzert in seiner Garderobe. Wie es einem Lehrersohn vom Thunersee gelingen könne, in die Tiefen der aus Schmerz geborenen Bluesmusik vorzudringen, wollte der Youngster von dem Amerikaner wissen. Dieser habe tief geseufzt und ihm dann zu ganz viel Arbeit geraten.
Dass Fankhauser diese im Anschluss anscheinend geleistet hat, wurde Jahre später klar, als Copelands Management den Schweizer für eine gemeinsame Tour durch die Alpenrepublik und folgend auch noch durch die Vereinigten Staaten verpflichtete. Ein amtlicher Ritterschlag also. Der Vorwurf kultureller Aneignung liefe also schon angesichts dieser doch sehr persönlichen Geschichte des älteren US-Bluesers und des jungen Schweizers sowie des Umstandes, dass Fankhauser seinem Vorbild nun auch musikalisch ein starkes Denkmal gesetzt hat, ins Leere.
Botschaften der Vergangenheit
Dass Fankhauser derzeit ganz andere, existenzielle Sorgen umtreiben, kam unlängst an die Öffentlichkeit. So zwingt ihn eine heimtückische Krankheit im Sommer zu einer Knochenmarktransplantation. Das Kaiserslauterer Konzert war dementsprechend eines der vorerst letzten, und man merkte dem sympathischen Schweizer am Rande die Erschöpfung an. Doch immer dann, wenn ihn die Musik packte, verflog sie gänzlich, und Fankhauser erzählte mit seiner rauen Shouterstimme, die zwischen dem Schmusekurs eines Chris Rea und dem Gurgeln eines Tom Waits changiert, seine bluesseeligen Geschichten. Dass diese nicht immer woke seien, merkte Fankhauser, der übrigens seit 2013 Jurymitglied der Casting-Show „The Voice of Switzerland“ ist, augenzwinkernd an. So geht es textlich schonmal um das starke („May The Best Man Win“) sowie das schöne Geschlecht, beziehungsweise die Sehnsucht danach. Botschaften einer vergangenen Epoche, die zwar manchem Moralisten sauer aufstoßen mögen – aber wollen wir allen Erstes sämtliche kulturellen Äußerungen, die nicht mehr den aktuellen, woken Anschauungen entsprechen, am besten verbieten?
Die Musik des Sextetts schwebt ohnedies über solchen Fragen. Vor allem entspannt, stellenweise cool kommt sie rüber und reicht vom typischen, seelentiefen Blues über den rock’n’rollenden Twist bis hin zur schmalzigen Soulnummer. Fankhauser vollzieht damit auch die damaligen Diskussionen um den Stil des Blues sowie dessen Weiterentwicklung nach, stets personifiziert an seinem Vorbild Copeland. Zu Seite stehen ihm neben dem unermüdlich hinter den Tasten seines E-Pianos wirbelnden Hendrix Ackle, dem ebenso ausdauernden Antreiber und Bandleader Richard Spooner am Schlagzeug und dem unaufdringlich wirkenden Bassisten Andy Tolman der Tenorsaxophonist Daniel Durrer und der Gitarrist Flo Bauer. Durrer bringt die Bläserfarbe grundierend, aber vor allem auch mit soliden Soli in den Gesamtzusammenhang ein, Bauer beweist vor allem großes gitarristisches Talent und daneben auch solches am Mikrophon. Alle miteinander verschmelzen zum dichten Klangkörper, der die verschiedensten Stimmungen umsetzen kann.
Am Ende des rund zweistündigen Konzertes bleibt der Eindruck einer seelenvollen, tief empfundenen Musik. Eines Stils, der sich aus verschiedensten Quellen speist und damit dem Reinheitsgebot der woken Ideologie entgegen steht. Doch wann hätte je eine Ideologie die Realität erfasst und/oder zum Guten geführt?