Kaiserslautern
Pflegeprofi im Klinikalltag: Neuer Ansatz, bessere Betreuung
Auf der Station für Herz-, Gefäß- und Lungenchirurgie im Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern steht Patient Reinhold Geiger kurz vor der Entlassung. Er ist glücklich, wieder besser atmen zu können, ein Stück Lebensqualität zurückgewonnen zu haben. Eine Frage aber stellt er sich dann doch: Warum gab es am Vortag oder am Entlasstag kein Arztgespräch?
Das ist die Stunde von Patrick Länger. Er erklärt dem Patienten, dass dieser während der Visite am Tag zuvor beim Ultraschall war. Und bei der nächsten Visite schon gar nicht mehr da sei. Eine Erklärung, die für Geiger plausibel klingt. Er ist zufrieden, zumal ihm Länger alles darlegen und mitgeben kann, was wichtig ist. Schließlich kennt er den 49-Jährigen vom ersten Tag an, weil Länger dafür gesorgt hat, dass es läuft.
Das Alleinstellungsmerkmal
Auf dieser Station ist das mittlerweile die Regel. Länger gehört seit anderthalb Jahren zum Team und hat dabei ein Alleinstellungsmerkmal. Er ist der bislang einzige „Advanced Practice Nurse“ oder APN, über den das Klinikum verfügt. Eine gute Übersetzung für APN gibt es nicht, grob gesagt, heißt es Pflegeexperte oder -expertin. Pflegefachkräfte, die sich so nennen dürfen, haben sich akademisch weitergebildet. Ginge es nach Pflegedirektorin Andrea Bergsträßer, „hätten wir mindestens zehn davon“. Stationsleiterin Elisabeth Bardens kann nur beipflichten. „Ihren“ APN Länger würde sie jedenfalls nicht hergeben, die Schaltung zum Patienten sei direkter, die Zufriedenheit höher.
Um diesen Imagegewinn geht es der Pflegedirektorin, seit es das relativ neue Berufsbild APN gibt. Das Ziel lautet, wissenschaftliche Erkenntnisse ganz konkret praktisch umzusetzen – zum Vorteil der Patienten, aber eben auch zum Vorteil des Stationsteams und des Klinikums insgesamt. Um beim Beispiel Patrick Länger zu bleiben: Er ist seit anderthalb Jahren auf der Station für Herz-, Lungen- und Gefäßchirurgie und dort vor allem für das Entlassmanagement zuständig.
Gezielt drauf hingearbeitet
Am Bett der Patienten sitzt er ab deren erstem Tag, er bespricht mit ihnen Dinge wie Atemtherapie, wann die Schläuche entfernt werden, er koordiniert, sorgt für klare, nachvollziehbare Abläufe, die er bei seinem Studium kennengelernt hat. Und er gibt auch neue Impulse, die sich – wissenschaftlich belegt – als ideal herausgestellt haben. Dazu gehört die schnelle Mobilisation eines Patienten, was für diesen den Vorteil hat, früher entlassen werden zu können, was sich umgekehrt auch für das Klinikum rechnet.
Patrick Länger macht diese Aufgabe Spaß, und er hat gezielt darauf hingearbeitet. Der Saarländer war 30 Jahre lang an der Universitätsklinik in Homburg beschäftigt, hat dort seine Ausbildung als Krankenpfleger absolviert und ununterbrochen in der Abteilung für Thorax- und Herz-Gefäßchirurgie gearbeitet. Nachdem er alle Beförderungen durch hatte, suchte er eine neue Herausforderung. Eine interne Fortbildung brachte ihn in Kontakt mit der Möglichkeit APN, aber nur im eigenen Fachbereich.
Kein Anhängsel der Ärzte
Den letztlich entscheidenden Schritt wagte er mit einem berufsbegleitenden Studium an der privaten Steinbeis-Hochschule in Essen. Start war 2021, der Bachelor-Abschluss folgte 2024. Der Überbegriff seines Studiengangs lautete Pflege- und Gesundheitswissenschaften, „dann kann man sich spezialisieren“. Wie wichtig Länger dieses Studium war, belegt sein Einsatz: alles in der Freizeit, alles selbst finanziert.
Den Reiz einer solchen akademischen Weiterbildung beschreibt Pflegedirektorin Bergsträßer so: mehr Qualifikation, mehr eigenständiges Arbeiten, mehr eigener Handlungsspielraum. Einfach gesagt, könne man noch stärker dem Eindruck entgegenwirken, „Anhängsel der Ärzte zu sein“. Zwar gebe es bei der allgemeinen Pflege, landläufig als Grundpflege bezeichnet, auch Dinge, die allein das Pflegepersonal verantworte, doch sei die Weiterbildung zum APN noch mal eine ganz andere Hausnummer.
Perspektive in Westpfalz
Weil er am Westpfalz-Klinikum bessere Perspektiven sah, wechselte Patrick Länger vor rund anderthalb Jahren nach Kaiserslautern. Um den neuen APN optimal einsetzen zu können, war ein wenig Vorarbeit wichtig, mussten auch Bedenken ausgeräumt werden. Andererseits war der Chefarzt der Herz-, Lungen- und Gefäßchirurgie, Manfred Dahm, sofort bereit, den neuen Ideen in der Person Längers eine Chance zu geben. „So, wie wir vor anderthalb Jahren angefangen haben, war es genau richtig“, zieht die Pflegedirektorin Bilanz.
Wie die Pflege insgesamt, die ja nicht nur den Krankenhausbereich betrifft, wartet auch Bergsträßer darauf, dass das neue Berufsbild APN endgültig in einen Gesetzestext gegossen wird. Auf den Weg gebracht wurde es als Bestandteil eines „Pflegekompetenzgesetzes“ vom damaligen Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Die neue Berliner Koalition soll es demnächst als „Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege“ verabschieden. Bergsträßer hofft darauf, dass der Bund die gesetzlichen Regeln so ausformuliert, wie es sich die Pflege vorstellt: eine genaue Festlegung einschließlich Erweiterung der Kompetenzen, „kein Wischiwaschi mehr“.
Bislang eine Minderheit
Demenz, psychische Erkrankungen, Onkologie – die Pflegedirektorin kann sich etliche andere Bereiche vorstellen, die von einem oder einer APN profitieren würden. Ein finanzielles Problem sieht sie nicht, da es sich „um echte Pflege am Bett“ handele, und diese werde zu 100 Prozent erstattet. Das eigentliche Nadelöhr sei, „dass es zu wenige solcher Pflegeexperten gibt“. Das Klinikum will seine Quote auf jeden Fall erhöhen – weil damit die Chance besteht, dass es für die Patienten selbst bei Ärzte- und Pflegermangel gut läuft.
Insofern wirbt die Pflegedirektorin auch innerhalb des Westpfalz-Klinikums mit seinen Standorten Kaiserslautern, Kirchheimbolanden, Kusel und Rockenhausen für diese akademische Weiterbildung. In die Karten spielt ihr, dass es mittlerweile auch in der Region mit den Universitäten in Trier und Saarbrücken einen solchen Studiengang gibt. „Und die Hochschule Ludwigshafen will im nächsten Jahr nachziehen.“
Und jetzt der Master
Patrick Länger ist übrigens schon wieder mittendrin. Im Herbst startet er in Saarbrücken sein Master-Studium. Der Arbeitgeber-Wechsel vor anderthalb Jahren war dabei durchaus von Vorteil. Denn laut Bergsträßer versucht das Westpfalz-Klinikum, „seine Mitarbeiter je nach Art der Weiterbildung bestmöglich zu unterstützen“.