Interview
Pfalzklinikum-Psychiater: Verlangsamen der Psyche der Menschen und gegen das Coronavirus
Herr Fernandez, fangen wir mal ganz praktisch an. Wie vermeide ich es, mir ins Gesicht zu fassen? Welche Tricks kennt da der Psychiater?
Das Gehirn ist so konstruiert, dass es nicht nicht denken kann. Denke ich also an die Nase oder die Wange, die juckt, und will nicht daran reiben, werde ich erst recht daran denken. Da sollte man dem Gehirn einen Ersatz anbieten - beispielsweise einen Gummiball kneten oder mit einem Stift spielen und an diese Handlung bewusst denken.
Ein weiterer Tipp ist es, sich regelmäßig besonders sorgfältig die Hände zu waschen. Wie schnell wird das denn zwanghaft?
Einem solchen Waschzwang liegt oft eine Angsterkrankung zugrunde. Bei Menschen mit einer grundsätzlichen Ängstlichkeit kann es durchaus einen Zwang auslösen. Doch das ist nichts, was spezifisch auf das Coronavirus zurückzuführen ist.
Wie gehe ich, beispielsweise in häuslicher Quarantäne, damit um, meine Wohnung über 14 Tage oder drei Wochen nicht verlassen zu dürfen?
Wichtig ist, den Tag dennoch zu strukturieren, nicht nur wie ein Couch-Potato vorm Fernseher abzuhängen. Dazu gehören auch geregelte Nachtschlafzeiten und körperliche Betätigung. Die ist selbst in kleinen Wohnungen möglich. Im besten Fall sogar noch mit anderen über Skype oder mit Facetime. Denn Isolation heißt, man darf nicht raus – und nicht, dass man keine sozialen Kontakte pflegen darf. Die sind sogar sehr wichtig.
Jetzt wird nach Monaten das Wetter besser, erste Sonnentage liegen hinter uns. Und für die Psyche sind die Sonnenstrahlen ja ebenfalls extrem wichtig ...
Das stimmt. Wer nicht gerade wirklich in Quarantäne ist, sollte unbedingt rausgehen – aber sich nicht gerade in größeren Menschengruppen aufhalten. Im Pfälzerwald gibt’s genügend Wege, auf denen man kaum Menschen begegnet. Und wenn doch: Gegen einen kurzen Plausch mit ausreichend Abstand ist nichts zu sagen. Wer Haus oder Wohnung nicht verlassen darf, sollte sich auf den Balkon setzen oder mindestens ans offene Fenster und die ersten Sonnenstrahlen trotz allem genießen.
Fast alle Gespräche drehen sich aktuell ums Thema Corona, eine wahre Informationsflut bricht da über die Menschen herein. Wie sollte ich damit umgehen?
Besonders der Rummel in den sozialen Medien verunsichert viele Menschen. Hier ist es wichtig, sich an die zu wenden und an denen zu orientieren, die wirklich die Expertise haben. Beispielsweise im Fall des Coronavirus’ das Robert-Koch-Institut. Fakten klären und nicht alles glauben.
Offenbar ist vielen Menschen nicht bewusst, was das eigentliche Problem mit dem neuen Virus ist – sonst hätten sich nicht so lange es möglich war noch größere Gruppen getroffen ...
Den Eindruck habe ich auch. Viele vergessen, dass wir in einer Solidaritätsgemeinschaft leben. Man sieht sich selbst nicht in Gefahr, gefährdet aber andere Menschen. Beispielsweise Senioren oder Menschen mit Vorerkrankungen. Stattdessen könnten wir diese außergewöhnliche Zeit nutzen, um uns zu verlangsamen. Das Leben aufs Wesentliche zu reduzieren. Ich brauche nicht 50 Rollen Klopapier und keine 20 Steaks. Ich kann achtsamer und maßvoller mit mir selber umgehen. Das täte uns allen gut.
Es hat den Anschein, dass es wieder einmal nur zwei Extreme gibt: Die Menschen, die sich am liebsten im Keller einsperren würden und überaus vorsichtig sind, und diejenigen, die alles abtun und verharmlosen.
Das ist eine Frage, wie ich als Mensch mit einer stressigen Situation umgehe. Das sind Abwehrmechanismen, die jeder Mensch hat. Während manche dazu neigen, Dinge nicht ernst zu nehmen oder herunterzuspielen, um damit besser klar zu kommen, fühlen sich andere nur sicher, wenn sie alles unter Kontrolle haben. Aber eine absolute Kontrolle gibt es nicht. Und die dazwischen sind unsicher und orientieren sich, was ist gerade der Standard, wie man mit etwas umgehen sollte. Die Menschen sind sehr unterschiedlich.
Was manche Gespräche miteinander schwierig macht ...
Ich glaube, der maßvolle Umgang und Kommunikation ist wichtig. Das heißt, offen und ehrlich die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Dabei spielt Respekt eine wichtige Rolle. Einige haben auch noch nicht so recht verstanden, dass wir von einer Pandemie sprechen. Vorschläge wie „Masernpartys“, damit alle schnell das Virus bekommen, sind völliger Unsinn. Wir wollen ja gerade nicht, dass es viele gleichzeitig bekommen, sondern es geht um Verlangsamung.