Literatur
Pfälzer Autoren lesen in Kaiserslautern
Die Anthologie „Im Schatten Morgentau“ ist aus der Idee heraus entstanden, dass man ja aufgrund der Corona bedingten Restriktionen nicht verreisen konnte. Also lag es nahe, sich mit der Heimat und der näheren Region auseinander zu setzen. Die Erzählungen spannen dabei einen Bogen vom Mittelalter bis heute und lassen ein Kaleidoskop aus Zeiten und Regionen entstehen; auch Rheinhessen und eine fiktive Gegend sind dabei.
Nachdem Monika Böss aus dem Donnersbergkreis kurzfristig abgesagt hatte, stellte Lilo Beil, die in Klingenmünster geboren und im Donnersbergkreis aufgewachsen ist, heute aber im Odenwald lebt, als erste Autorin ihren Text „Sühne“ vor. „Ich hab’ zu Hause Probe gelesen, und ich kann meinen Text nicht zu Ende vortragen. Aber da es ein Krimi ist, ist ein Cliffhanger vielleicht eine gute Lösung“, meinte die Schriftstellerin mit einem humorvollen Schmunzeln. „Sie werden sehen, dass mich meine Kindheit in einem protestantischen Pfarrhaus in der Pfalz nie ganz losgelassen hat.“
Mord aus Eifersucht
Im Mittelpunkt ihrer Geschichte stehen die beiden polnischen Altenpflegerinnen Barbara und Yola. Im Rückblick beschreibt Lilo Beil ihre Erlebnisse – und dann wird auch klar, warum sie nie wieder nach Ludwigshafen zurückkehren wollen. Barbaras Arbeit ist relativ leicht, sie pflegt die gebrechliche Mutter von Helga Schmidt-Berger, die sich dafür immer durch kleine Geschenke erkenntlich zeigt. Yola dagegen muss sich um Herrn Krämer kümmern, der dement, aber körperlich fit und bösartig ist, selbst vor sexuellen Übergriffen des unangenehmen alten Herrn ist Yola nicht sicher.
Als sie beim Aufräumen alte Fotos von Herrn Krämer sortiert, findet sie eine vergilbte Aufnahme aus dem Jahr 1942, in der Barbaras Mutter als junge Zwangsarbeiterin neben Herrn Krämers Bruder Rudolf zu sehen ist; Herr Krämer steht mit verkniffenem Gesicht dahinter. Im Gespräch erschließt sich den beiden Frauen nach und nach, dass Herr Krämer wohl aus Eifersucht damals seinen Bruder getötet hat, auch wenn der Mordfall offiziell nie aufgeklärt wurde.
Tag am See
Die Zweibrückerin Barbara Franke schildert in ihrem Text „Alleingang“ einen Ferientag am See. Durch die Wahl der dritten Person lässt die Autorin ihre Zuhörer am inneren Monolog ihrer Protagonistin teilnehmen. Allein verlässt sie im Familienurlaub die Ferienwohnung und macht sich auf den Weg zum Wasser. Die Wahrnehmung anderer Spaziergänger, Naturimpressionen und ihre Gedankenassoziationen gehen dabei fließend ineinander über.
Dabei nimmt sie ihre Einsamkeit zunehmend bewusster wahr, denn andere „Alleingänger“ unterhalten sich mit dem Handy am Ohr, „ferngesteuert von einem Partner“. Andererseits fallen in dieser Situation aber auch Zwänge von ihr ab, sie fühlt sich wie selten in ihrem Leben im Einklang mit sich selbst. Selbstvergessen kann sie auf einem Bücherflohmarkt stöbern, nimmt im flirrenden Licht über Wasserfläche und Kräutergarten neue Räume wahr. Der Weg durch die Natur wird zur befreienden Chiffre für den Weg zu sich selbst.
Spaziergang im Grünen
Ein Sonntagsspaziergang im Grünen ist das Thema von Renate Demuth aus Kaiserslautern. „Zurück in meinem Zauberwald“ heißt ihr Text, in dem sie sich an das Abenteuer des Naturerlebens erinnert, ihre poetisch-bildreiche Sprache ließ dabei für ihre Zuhörer die von den Sonnenstrahlen getupften Glitzerflecken auf Wiese und Wasser lebendig werden.
Träumerei und Phantasiereisen waren hier möglich, als die materiellen Verhältnisse keine Fernreisen per Flugzeug erlaubten, sondern allenfalls Erkundungen der Nachbarländer per Auto. Doch den Detailreichtum dieser Entdeckungen mit ihrer sehr bewussten Wahrnehmung zieht sie wohl dem Jet Set-Urlaub der heutigen Generation vor.
Ringen in Worten
Eine ungemein packende Geschichte steuerte Katrin Kirchner aus Mutterstadt mit ihrem Text „Gestern war er wieder in Oggersheim“ aus dem letzten Lebensjahr des inzwischen geisteskranken Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789 bis 1845), eines der Initiatoren des Hambacher Festes, in einer Irrenanstalt in Bümpliz in seinem Schweizer Exil bei. „Erinnerungen durchdrangen den Irrgarten seiner Gedanken“, fasst sie sein Ringen in Worte. In klaren Momenten war er wieder in Oggersheim, durchlebte die wichtigsten Stationen seines Lebens noch einmal.
Humorig beleuchtete Birgit Heid aus Landau die Gespräche zweier Magdalenerinnen-Ordensschwestern über ihre Klostergeschäfte im 13. Jahrhundert. Das literarische Pfalz-Panorama rundeten „Der Weg des Schmieds“ des Südpfälzers Peter Herzer über seine Ausbildungszeit und die „Fahrt zu einem unbekannten Ort“ des Heidelberger Autors Lothar Seidler ab.