Kaiserslautern
Otterberg: Mittelaltermusik entführt in den Zaubergarten
Einen Hochgenuss des A-cappella-Gesangs erlebten am Samstagabend die viel zu wenigen Besucher in der Otterberger Abteikirche. Das Konzert des Trios Mediaeval mit John Potter und mittelalterlicher Musik vom südöstlichsten Punkt Europas war wieder ein ganz besonderer Höhepunkt der Konzertreihe.
Diese Stimmen! Sanft gleiten die Stimmen der drei norwegischen Sängerinnen aus dem Chor und schweben durch das gewaltige Mittelschiff, lassen Töne schwellen und schwinden und verbinden sich harmonisch mit dem zarten Tenor John Potters. Geschlossene Augen in allen Reihen. Empfindliche Ruhe. So empfindlich, dass man den eigenen Atem anhalten möchte. Diese Musik verlangt einen kontemplativen Hörer, der sich ungestört von allen Geräuschen der Außenwelt in den Geist dieser reinen, ganz ohne aufgesetzten Zierrat auskommenden Musik versenken kann.
Der Vortragsstil des Ensembles ist streng, klar und meditativ gehalten. Die Stimmen des Quartetts wirken wie ein Organismus. Die Homogenität des Klanges und der Phrasierungskunst dürfte schwer zu überbieten sein. Anna Maria Friman, Linn Andrea Fuglseth, Jorunn Lovise Husan und John Potter, 18 Jahre lang Mitglied des weltberühmten Hilliard Ensembles, demonstrieren mit ihrem Gesang höchste Virtuosität und bringen ungewohnte, mysteriöse Klangfarben auf die Palette.
Mysteriöse Manuskript-Quellen
Mysteriös sind auch die Quellen des als Codex Turin J.II.9 bekannten Manuskripts und gleichzeitig eine der bedeutendsten Quellen für Polyphonie und Choräle des späten 14. Jahrhunderts, den das Quartett präsentiert. Bekannt ist, dass das Manuskript für den Hof von König Janus von Zypern (1398 bis 1432) in Nikosia zusammengestellt wurde. Wer aber die Urheber waren und wie diese formvollendete französische Musik nach Zypern gelangen konnte, ist eines der großen Rätsel der Musikgeschichte. Erstaunlich sind an der Sammlung unter anderem einige Stücke, die von Guillaume de Machaut beeinflusst zu sein scheinen, der jedoch schon 1377 gestorben war und Zypern nach heutigem Kenntnisstand nie bereist hatte.
Das Programm unter dem Titel „Si tres grant melodie: Machaut und die Könige von Zypern“ vereint Werke dieses außergewöhnlichen und möglicherweise von Machaut inspirierten zyprisch-französischen Repertoires mit anderen Werken des Komponisten für vier Stimmen. Die bekannte Messe von Machaut durfte dabei nicht fehlen, zumal verschiedene ältere Messen zum Kernrepertoire des 1997 in Oslo gegründeten Trios Mediaeval gehören.
Raumakustik verstärkt den Schwebezustand des Gesangs
Die Raumakustik der grandiosen Abteikirche verstärkt noch den Eindruck des Schwebezustandes des Gesangs. Die akustischen Verhältnisse nutzen die Vier gekonnt aus als Resonanzraum. Präzise Artikulation und Phrasierung, sowie die kristallklare Reinheit der Intonation und die bis in die Extreme reichende Dynamik der Lautstärke verblüffen ein ums andere Mal den Hörer.
Man hört seinen Puls pochen, wenn die ersten gesummten Töne des „Ego autem dum michi“ sich zu einem sanften Klangteppich erweitern. Mit schier unendlich vielen Verzierungen und Bindungen singen sie das Kyrie und Gloria. Beispiel: Das „Amen“ am Schluss des Credo oder das „Benedictus“ im Sanctus intonieren sie mit schier unendlich vielen, verschlungenen Bindungen und Schleifen, dass es wirkt wie das Tasten durch ein Labyrinth. Ihr Gesang hat dennoch nichts Aufgesetztes, nichts Gezwungenes. Ihre Klangsprache entwickelt sich organisch aus der Tradition. So vermitteln sie das richtige Gespür für die Eigenarten dieses außergewöhnlichen Werks, besonders dieser sehr verfeinerten Kompositionskunst der französischen Ars subtilior.
Der klangschöne Tenor von John Potter begeistert
Auch solistisch bezaubern die Vier mit ihren eloquenten Stimmen, die so perfekt produziert und kontrolliert sind, dass sie mit dem feinsten Pianissimo noch den Hörer in der letzten Reihe erreichen. Stimme und Ausdruck von Anna Maria Friman sind zu erfühlen: der Klang von Melancholie und Passion. Ihr Singen hat Poesie. Lyrische Intensität besitzt die Stimme von Linn Andrea Fuglseth, Gefühlstiefe und kontinuierliche Intensität sind die Prädikate von Jorunn Lovise Husan, während John Potter mit seinem klangschönen Tenor und dem Gespür für den Charme der Musik zu begeistern weiß.
„Die selten aufgeführte Musik aus Zypern ist für alle Mitglieder dieses besonderen Quartetts ein Sprung ins Unbekannte“, sagte eingangs Holger Wittgen vom Kultursommer Rheinland-Pfalz. Es war aber kein Sprung ins kalte Wasser. Es war der Spaziergang durch einen Zaubergarten. Lange, lange anhaltender Applaus im Stehen. Eine wunderbare Zugabe.