Otterberg
Orgelkonzert in der Abteikirche
So brachte das Orgelkonzert die volle Bestätigung einer gelungenen Einheit aus Klang, Raum, Akustik und Instrument, was andernorts vielfach diskutiert wird. Auf den ersten Blick spielte der Wuppertaler Gast eigentlich nur das, was als Präludium, Postludium oder Intermezzo (Zwischenspiel) in der liturgisch gebundenen Orgelmusik Usus ist: Alles dreht sich um den zugrundeliegenden Choral, der im Konzert über Jahrhunderte von Buxtehude, Bach bis hin zu zeitgenössischen Bearbeitungen eine interessante stilistische Wandlung erfährt. Dass der gleiche Choral („Nun danket alle Gott“ oder „Lobe den Herren“) gleich mehrfach nacheinander in verschiedenen Bearbeitungen vorgestellt wurde, machte den besonderen Reiz der Darbietungen im Sinne eines klingenden Kompendiums aus: Man hörte, wie eine Melodie entweder umspielt sowie variiert wurde.
Mitunter blieb er dabei – wie meist im Barock – als Cantus firmus in seinem melodischen Verlauf vollständig erhalten. Oder er wurde nur als Ausgangspunkt für eine eigene Weiterspinnung genommen – wie etwa bei Uso Seifert und Max Drischner über den Choral „Lobe den Herren.“ Ob nun als konzertante Umspielung in kunstvoller Ausgestaltung barocker Verzierungslehre oder in freierer spätromantischer Ausprägung, stets zeigte der Wuppertaler Gast, dass er im Vergleich zu regionalen Kantoren noch herausragen kann.
Die drei Gs sind auch dabei
Die drei Gs gelten derzeit als Synonym für Geimpfte, Genesene und Getestete. Bei Enk assoziiert man dagegen Geläufigkeit, Geschmeidigkeit und Gelassenheit: Vor allem letztere Tugend ist beneidenswert, kämpft und ringt doch jeder Interpret mit den spielerischen Hürden. Nicht so der Wuppertaler Organist: Ihm gehen filigrane Spielfiguren selbst im raschen Laufwerk stets „locker von der Hand“, er wirkt souverän und selbstsicher und nicht angespannt. Er macht so harmonische Entwicklungen, spielerische Finessen und Besonderheiten bewusst wie zum Ausklang bei der Choral-Fantasie von Martin Mans, dem niederländischen Organisten, Komponisten und Improvisator.
Dieser setzte mit der Choralfantasie über den von Luther getexteten Choral von großer Symbolkraft „Ein feste Burg ist unser Gott“ ein Zeichen, das der Organist dankbar aufgriff: Diese Choralfantasie ist nicht mehr eng an den Text und seine Prosodie gebunden, sondern deutet diesen frei aus: Es entstand so eine Art Klanggemälde spätromantischer Art, fast so monumental wie die Orgelsinfonien Widors.
Die Barockzeit neu entdeckt
Selbst beim Barock verleitete Enk das Publikum zu neuen Entdeckungen, da im Schatten von Großen auch vermeintlich Kleinmeisterliches entstand: So zeigen die vier Klangbeispiele von Johann Gottfried Walther interessante Gestaltungsmöglichkeiten auf. Walther – übrigens ein entfernter Vetter von Bach – bearbeitete nicht nur Choräle für seine Orgeldienste an der Erfurter Thomaskirche, sondern auch italienische Orchestermusik für Tasteninstrumente. Dem heutigen Musikwissenschaftler ist er als Herausgeber des 1732 in Leipzig erschienen „Musikalischen Lexicons“ bekannt, dem „Urvater“ heutiger Musik-Enzyklopädien. Kompositorisch sind seine Choralbearbeitungen – und das machte das Konzert eindringlich bewusst – mehr als typische Beispiele ihrer Zeit: Sie erreichen durch die mehrstrophig ausgerichtete Darstellung eine Art Suitenform – und verwenden viele Ornamente des damaligen französischen Stils. Allein dies verlangt eine spielerische Akkuratesse, die Enk zweifellos erreicht.
An dieser Stelle ist ein Loblied auf die Orgel angezeigt: Die vielen Zungen- und Labialregister in der Klangfarbe von unterschiedlichen Rohr- oder Blockflöten sowie Holzblasinstrumente machen in der Subtilität und dem täuschend echt nachgebauten Klang freischwingender Rohrblätter (Oboe, Schalmei etwa) den besonderen Reiz der Orgel und dieser subtil vermittelten Musik aus. Das Konzert brachte also auch eine Bestätigung der bisherigen Aufführungen und steigerte spielerisch noch den bisherigen Glanz.