Kaiserslautern Oper: Monteverdis "Poppea" - Pop-Barock in Schwetzingen

91-97335670.jpg

Nach „L’Orfeo“ nun „L’incoronazione di Poppea“ („Die Krönung der Poppea“). Verantwortlich für eine sehr intensive, insgesamt über vier Stunden dauernde halbszenische Aufführung war am Sonntagabend bei den Schwetzinger Festspielen wieder das Ensemble „La Venexiana“. Die italienischen Spezialisten für Musik des 17. Jahrhundert bewiesen erneut, welch herausragender Musikdramatiker Monteverdi war.

Und das auch noch mit 75 Jahren. Eigentlich hatte der Komponist da sein Lebenswerk schon längst vollendet. Doch ziemlich überraschend lockte noch einmal die Oper. Zwei dieser späten Werke sind uns glücklicherweise überliefert: „Il ritorno d’Ulisse in patria“ („Die Heimkehr des Odysseus“) aus dem Jahr 1641. Die Oper beschließt heute Abend den Schwetzinger Monteverdi-Zyklus. Und eben „Die Krönung der Poppea“, die 1643 in der Karnevalssaison in Venedig gezeigt wurde. Es ist einiges passiert seit Monteverdis erster erhaltener Oper „L’Orfeo“ aus dem Jahr 1607. In Monteverdis Leben, aber auch in der Geschichte der Oper. Der Komponist hatte an San Marco in Venedig seine Lebensstellung gefunden. Er war nicht mehr abhängig von einem bisweilen sehr launischen Fürsten, sondern ein angesehenes Mitglied der städtischen Gesellschaft von Venedig. Auch die Oper selbst hatte sich in dieser Zeitspanne emanzipiert. Was als prunkvolle höfische Selbstdarstellung für ein handverlesenes geladenes Publikum begann, war längst Teil des Unterhaltungsangebots gerade in einer Stadt wie Venedig geworden. Die Bürger gingen in die zahlreichen Opernhäuser der Stadt, um sich einen schönen Abend zu machen. Aus ganz Europa kamen Vergnügungssüchtige in die Lagunenstadt, um sich im Karneval zu amüsieren. Da gehörte die Oper ebenso dazu wie die für ihre Schönheit gepriesenen Kurtisanen Venedigs. Man merkt dies alles auch der „Poppea“ an. Sinnlicher, erotisch aufgeladener als in den Szenen zwischen Nero und seiner Geliebten Poppea ging es auf der Bühne selten zu. Die Hormone schlagen quasi Purzelbäume, auch wenn uns der eigentliche Blick ins Schlafzimmer verwehrt bleibt. Die Musik verrät auch so genug. Mit extrem sparsamen Mitteln. Die Stimmen auf der Bühne werden manchmal nur vom Cembalo, dann vielleicht von Harfe und Theorbe begleitet. Richard Strauss wird 250 Jahre später mehr als 100 Musiker in den Graben pressen müssen, ohne dass er eine größere emotionale Intensität erreichen wird. Das liegt natürlich auch den Sängerinnen: an einer absolut fantastischen Giuseppina Bridelli als Nero und an Emanuela Galli in der Rolle der Poppea. Die verweigert sich mitunter dem Schöngesang und schreit und stöhnt ihre Lust geradezu heraus. Die Regie von Francesco Puleo, die ja eigentlich nur eine szenische Einrichtung ist, stellt Poppea in sündigem Rot aus, das sich in den Krawatten Neros und seiner Anhänger widerspiegelt. Schwarz ist die Welt Ottavias und Senecas, der im Rollkragenpullover den Existenzphilosophen geben darf. In unschuldigem Weiß ist lediglich Drusilla (mit wunderbarem Sopran: Silvia Rosati Franchini). Sie ist im Grunde ja auch die einzige, die sich in diesem Sündenpfuhl Roms die Hände nicht schmutzig macht. Eine Krone dominiert die ansonsten weitgehend leere Bühne, und es ist der Spiellust der Akteure zu verdanken, dass uns das Geschehen während der mehr als vierstündigen Aufführung niemals langweilt. Was natürlich vor allem ein Verdienst der Musik ist. Die hat sich im Vergleich zu „L’Orfeo“ deutlich verändert. Monteverdi verzichtet komplett auf Bläser. Das Archaische der marschartigen Bläser-Einwürfe ist ebenso abgeschliffen worden wie auch die zahlreichen Madrigal-ähnlichen Chorszenen fehlen. Dennoch erzielt Monteverdi eine spannende, aufregende Wirkung. Etwa in der großen Klageszene der Ottavia im dritten Akt, die einen Menschen des 20. Jahrhunderts vielmehr als einen des 17. Jahrhunderts zeigt. Xenia Meijer als Ottavia stottert, seufzt, verzweifelt, bricht fast schon unter ihrem Schmerz zusammen. Monteverdi gelingt hier ein hochmodernes Psychogramm seiner Opernfigur, das wir in dieser Form dann erst wieder bei Mozart entdecken können. Man muss eigentlich auch nur Davide Pezzi beobachten, um zu sehen, welches Potenzial in dieser Musik schlummert – wenn sie so gespielt wird wie von „La Venexiana“. Pezzi dirigiert ja nicht nur das hochkonzentriert agierende Ensemble, er übernimmt auch eines der beiden Cembali. Das sieht dann mitunter nicht viel anders aus, als wenn ein DJ an seinem Plattenpult steht und mit der Musik mitgeht. Er tänzelt mit weit ausholenden Bewegungen und unterstreicht: Monteverdi geht direkt in die Beine. Und ins Herz. Wie „Pur ti miro“, das Schlussduett zwischen Nero und Poppea. Am Ende einer Geschichte voller Sex, Schmutz und Intrigen dann doch reinstes Himmelsglück. Jedenfalls nicht von dieser Welt. Und nicht von Monteverdi, weil später hinzugefügt, wie die Musikwissenschaftlerin Silke Leopold im Programmheft ausführt. Egal. Das klingt wie eine Pop-Ballade, mit der man am Samstag beim ESC beste Chancen hätte.

x