Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Obdachlose erzählen, wie sie auf der Straße landeten

Pawel K. und Tomasz D. im Speisesaal mit David Jörg vom Sozialdienst.
Pawel K. und Tomasz D. im Speisesaal mit David Jörg vom Sozialdienst.

Das Kaiserslauterer Obdachlosenheim St. Christophorus ist wie immer im Winter gut ausgelastet. Aufgrund der Kälte dürfen sie länger als fünf Nächte wie sonst bleiben. Zwei von ihnen erzählen, wie sie auf der Straße gelandet sind. Und wie sie von dort wieder wegzukommen versuchen.

Würde Pawel K.* neben einem im Bus sitzen, würde man ihn vielleicht für einen Handwerker halten. Oder einen Angestellten in der Verwaltung. Oder einen Selbständigen mit kleiner Firma. Akkurat rasiert, die dunkelblonden Haare nach hinten gekämmt, unter dem grauen Pulli ein Hemd. Doch wenn Pawel unterwegs ist, dann ist er nicht auf dem Weg zur Arbeit. Sondern vielleicht auf dem Weg von einer Obdachlosenunterkunft zur nächsten. Der 58-Jährige hat seit Februar kein Zuhause, und noch länger keine Arbeit.

Pawel ist Pole, mit verschiedenen Wurzeln. „Meine Oma kam aus der Schweiz, mein Opa aus Danzig“, erzählt er in gebrochenem Deutsch. Sein Blick fällt auf den von Tannenzweigen umringten Weihnachtsstern, der vor ihm auf dem Tisch im Speisesaal des Heims steht. In München wohnen sein Sohn und seine Tochter, „und meine zwei Enkelkinder, drei und neun Jahre alt.“ Sein ohnehin freundliches Gesicht blüht auf. Die Ex-Frau ist in Polen. Den Kontakt zu seinen Kindern habe er mit dem Diebstahl seines Handys verloren; aber dort unterkommen, nein, das könne er eh nicht.

„Viele Obdachlose wollen ihren Angehörigen nicht zur Last fallen“, erläutert David Jörg vom Sozialdienst der Caritas, dem Träger des Heims. Er kümmert sich zusammen mit seiner Kollegin Carolin Koppenhöfer darum, dass die Menschen, die hier stranden, in ein geordnetes Leben zurückfinden.

„Erst die Arbeit weg, dann die Wohnung“

Pawel ist ebenso wie Tomasz D.* neben ihm, den er aus München kennt, Elektriker. „Erst war die Arbeit weg, dann die Wohnung“, fasst Pawel es knapp zusammen. Und so drehte sich die Abwärtsspirale unaufhörlich weiter. Er hatte noch einen Minijob in München, dann wurde er im Bahnhof bestohlen: „Pass, Führerschein... alles weg.“ Er hatte zwar die Dokumente als Fotos im Handy – doch auch das wurde ihm gestohlen.

„Mit Führerschein hat er natürlich bessere Arbeitschancen. Doch den bekommt er nur unter Vorlage eines Ausweises oder Passes ausgehändigt. Und der kostet rund 160 Euro“, schildert Jörg die Krux. Erstens viel Geld für jemanden, der keins hat. Zweitens nicht einfach zu beschaffen als Nicht-Deutscher. „Wir schreiben in solchen Fällen die Konsulate an. Außerdem haben wir schon erwirkt, dass er jetzt Arbeitslosengeld I bekommt. “ Davon könne er auf den Pass sparen. Als nötige Postadresse für den Leistungsbezug hat Jörg St. Christophorus angegeben.

Sämtliche Nationen leben friedlich zusammen

Wie viele Nationalitäten dort leben, könne er nicht sagen. „Und ich bin selbst oft überrascht, wie friedlich alle, auch sämtliche Religionen, hier miteinander leben.“ Für die Männer gibt es 20 Plätze in Vierbettzimmern, „und im Kellerraum stellen wir bei Bedarf weitere Betten auf; derzeit haben wir 38, 39 Männer hier“. Von den neun Frauen-Plätzen in Dreierzimmern sind aktuell sechs belegt. „Der Frauenbereich ist streng getrennt, da kommen nur wir Mitarbeiter rein. Viele haben Gewalterfahrungen gemacht.“ Bei ihnen gebe es zudem mehr „verdeckte Wohnungslosigkeit: Sie gehen in Beziehungen nur wegen einer Wohnung“.

Im Regelfall dürfen Wohnungslose fünf Nächte pro Monat bleiben, erörtert Einrichtungsleiter Peter Lehmann, so laute die Vereinbarung mit der Stadt, die die Kosten trägt. Im Winter, wenn es zu kalt oder nass ist, werde diese Regel jedoch ausgesetzt. „Inzwischen kommen aber auch im Sommer immer mehr Menschen!“, hat Lehmann bemerkt. „Sie suchen Schutz vor der Hitze, wollen duschen und haben Durst.“ Länger bleiben dürfen auch Menschen, die in einer Eingliederungsmaßnahme sind. Auf Pawel, der seit August jeden Monat mit Tomasz fünf Nächte im Christophorusheim war, dürfte dies wohl nun zutreffen.

Das Mitarbeiterteam hilft laut Jörg bei Schulden, Sucht- und psychiatrischen Problemen, bei Bewerbungen und der Wohnungssuche. „Die wird immer schwieriger: Nicht nur, weil die Mieten so hoch sind, dass das Jobcenter sie nicht zahlt, sondern auch, weil Vermieter kaum noch Leute im sozialen Leistungsbezug wollen. Früher schätzten viele, dass die Miete sicher kommt.“

Auf der Straße droht der Diebstahl der Habseligkeiten

Wie hart der Kampf auf der Straße ist, mussten die beiden Neulinge Pawel und Tomasz gleich im Februar lernen: Schlafsack und Isomatte wurden ihnen gestohlen, „als es noch richtig kalt war“, schüttelt sich Tomasz. „Alltag“, bestätigt Jörg: Jeder versuche stets, an besseres Material zu kommen. „Im Mai haben wir dann bei einem Zirkus Arbeit gefunden, halfen beim Zeltaufbau und so, und reisten mit ihm mit.“ Ab August schlugen sie sich wieder auf der Straße durch.

Aufpassen müsse man, mit wem man sich umgebe, bestätigen beide. Von Leuten, die Drogen nehmen, „halten wir Abstand“, streckt Pawel abwehrend die Hände von sich. „In der Münchner U-Bahn lagen morgens fünf, sechs Spritzen auf der Toilette. Nein!“ Ein Bier im Sommer tue gut, macht Tomasz mit etwas Englisch deutlich, und Pawel fügt an: „Ein kleiner Schnaps ist okay, aber ein großer? Eine Katastrophe!“

Der Alkoholkonsum verlaufe oft in Wellen, so sei es auch bei den beiden gewesen, verrät Jörg. „Wenn die Belastung der Straße weg ist, stabilisieren sich die meisten und trinken automatisch weniger Alkohol.“ Im Haus ist der Konsum generell verboten. Wenn die Menschen im Christophorusheim aufschlagen – die Rezeption ist 24 Stunden besetzt –, seien sie oft gefrustet, weiß Lehmann. „Aber wenn man Verständnis zeigt, dann beruhigen sie sich recht schnell. In den 14 Jahren hier bin ich noch nie angegriffen worden! Noch heute habe ich Kontakt zu ehemaligen Bewohnern und werde auf der Straße gegrüßt.“

Weihnachten stimmt viele emotional

Weihnachten sei immer eine schwierige Zeit, erläutert Jörg: „Viele denken an die Familie, werden trauriger, leicht reizbar, einige ziehen sich zurück.“ Mit ihnen zu reden, helfe oft schon. Mit einem besonderen Essen, feierlicher Stimmung, Klavierspiel von Mitarbeitern versuche die Einrichtung, ihnen die Tage so schön wie möglich zu machen. Ob sie das Klavier im Speisesaal nutzen dürften, fragen aber auch mal Bewohner. „Einer, der Musik studiert hatte, hat den Speisesaal hier quasi in die Fruchthalle verwandelt!“ Und sogar eine Bescherung gibt es: Eine Kollegin erfrage vor Weihnachten die Wünsche der gerade dort Wohnenden – „von Unterhose bis Funkwecker“ –, und die Mitarbeiter erfüllen sie, mit Zuschuss der Einrichtung.

Und was ist der größte Wunsch von Pawel und Tomasz? „Arbeit und eine Wohnung!“, kommt es ohne zu überlegen. Nicht nur um die Computer dort zu nutzen, gehen sie gern in die Bibliothek. Tomasz schiebt seinen Pfalzbibliotheksausweis über den Tisch. Nicht nur um die Computer dort zu nutzen, gehen sie gern dorthin. „Wir lieben Bücher!“, gerät er mit Pawel ins Schwärmen. „Auch die gespendeten Bücher im Heim werden gut gelesen“, bestätigt Jörg. Der Traum des 52-jährigen Tomasz, der keine eigene Familie hat, ist es, mit seinen Eltern in Polen zu leben. Pawel hingegen will in Deutschland bleiben, und „Deutschkurse besuchen!“ Um in Zukunft zur Arbeit und nicht zu einem anderen Obdachlosenheim zu fahren.

* Namen von der Redaktion geändert.

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