Kaiserslautern Nur der Nörgler nervt

Stichwort Spielzeitmotto „Europa“: Das vergangene Jahrhundert hinterließ die Jahrestage zweier Weltkriege. Sie erinnern an die ruinösen Schlachtfelder Europas mit Beginn des Ersten vor 100 Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren, die zutiefst einen vernarbten Kontinent prägen. Karl Kraus (1874 bis 1936) sah dies und mehr. Von 1915 bis 1922 schrieb er es auf. Es entstand „Die letzten Tage der Menschheit“. Ein Sechstel des Panoramas menschlicher Niedertracht kommt nun auf die Bühne des Pfalztheaters. Samstagabend ist Premiere.
„Die Handlung“, so sagt Satiriker, Publizist und Pazifist Karl Kraus über seinen literarischen Text „Die letzten Tag der Menschheit“, „ist unmöglich, zerklüftet, heldenlos.“ Also musste zuerst der geeignete Regisseur dafür gefunden werden, der diese „atemberaubende Collage“ aus Gesprächsfetzen, Zeitungsartikeln oder politischen Reden inszeniert, um den monumental-komplexen Stoff überhaupt auf den Spielplan 2014/2015 des Pfalztheaters setzen zu können. Die Wahl fiel auf Dominik von Gunten. Schlichtweg erfahrungshalber. Denn er war es, der Ende 2012 den ebenfalls komplexen Frisch-Klassiker „Andorra“ auf die Bühne gebracht hatte. Nun also Kraus. Nun also Weltkriegsszenarien. Beide Male ist es sein jeweils erstes Mal, und er meint, dass die lange Vorbereitungszeit unbedingt nötig war. Allein schon um mit seiner Dramaturgin Andrea Wittstock die 220 Szenen auf 500 Seiten im Original auf rund ein Sechstel zu kürzen und – eine Lauterer Besonderheit – mit historischen Ereignissen des Folgejahrhunderts zu ergänzen. „Wir wissen noch immer nicht, was letztlich auf der Bühne bleibt“, bekannten beide unisono bei der Einführungsveranstaltung vor einigen Tagen. Eines jedoch wissen alle: Jeder Gedanke, jeder Satz, jedes Zitat ist original gehört und gelesen, sowohl im Werk Kraus’ als auch in den Ergänzungen. Beispielsweise kommt die „Achse des Bösen“ vor. „Obwohl der Österreicher in vielerlei Hinsicht einem Propheten glich – das Bush-Zitat aus dem Jahr 2002 konnte er natürlich nicht ahnen“, gibt von Gunten zu. Wer weiß, ob Kraus es aufgegriffen hätte? Gepasst hätte es. Denn was er in willkürlicher Folge aneinanderreiht, ist das Empören über Hirne, die kriegerisch denken, kriegerisch handeln: „Kraus ist sowohl Pazifist als auch Sarkast, weil ihn erschüttert, wie sich Menschen verbiegen lassen“, so der Regisseur, „so dass sie am Ende ein Vielfaches an Energie für das Töten anstatt für das Leben aufbringen.“ Kraus selbst sparte nicht mit „satirisch, krassen Ausdrücken“ gegenüber Regenten, Kaiser und den neu aufkommenden Medien. Im Stück zitiert Kraus Realitäten von Meinungen, die kein Wissen beinhalten und collagierte sie zur wortgetreuen, situativen Realsatire. Anstatt notgedrungen zu weinen über das, was Menschen verdrängen und nicht wissen wollen, macht er lachen. Sein Witz ist grotesk. Steckt er doch mal im Tausch des Kontextes, mal im fragmentarischen Sehen und Wiedergeben. Stilistisch übrigens bereits gemäß des angehenden Kubismus’. Kraus erging sich in „bissiger Medien- und Gesellschaftskritik“ (Wittstock), wie etwa das berühmteste Zitat „Serbien muss sterbien“ zeigt. Doch Kraus’ Protest gegen diesen ersten modernen, da industriell dimensionierten Krieg blieb unerhört: Es folgte gar ein zweiter Weltkrieg. Was die Sprache samt zerstörten Sätzen im Parolen- und Propaganda-Jargon angeht, weiß von Gunten zu berichten, dass es ob allgemeiner Verständigungsschwierigkeiten sogar ein spezielles Lexikon, „mindestens drei Zentimeter dick“, gibt. Am Pfalztheater geben anonyme Feldpostbriefe Verständigungshilfen. Welches Collageschnipsel mag nun der Regisseur besonders? „Es ist ein hintersinniger Satz, der noch nicht vorkommt, jedoch unbedingt noch rein muss. Er lautet: ,Der Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt, dass er die Menschheit besser machen kann!’ und stammt von Kraus selbst.“ Und die Horrorpassage? „Sie ist kein Zitat. Sie war die Recherche, das Anlesen des Themas, die Gräuel des ersten Weltkriegs.“ Im Stück erhebt – vereinsamt – nur der Nörgler (Kraus’ Alter ego) seine Stimme gegen den monumentalen Kriegsirrsinn. Elf Schauspieler besetzen rund 100 Rollen unterstützt von Statisten. Die große Herausforderung jedoch, so von Gunten, „wird der Versuch sein, ein unlösbares Problem zu lösen: sich schnell genug umzuziehen“. Erwähnte Textstrukturen überträgt Bühnenbildner Philipp Nicolai überwiegend durch das Schablonieren quadratischer Elemente. Es entsteht ein wandelbares Landschaftsszenario, das auf die kurzatmigen Dialoge reagiert und Szenenwechsel mitmacht. Auch die beiden Komponisten Kathrin Vellrath und Trevor Lee Larson orientierten sich an den Szenenwechseln. Ihre Musik untermalt atmosphärisch und benennt im Wiederholen wiederkehrende Orte. Einen Ort im übertragenen Sinn wünscht sich der 62-jährige Regisseur: „Wenn es uns auf der Bühne gelingt, den Blick etwa für heutige Flüchtlingsdramen zu öffnen, haben wir gewonnen. Ich hoffe, dass es ein Stück ist, das diskutiert wird.“ Ein Angehen gegen die Apokalypse letzter Menschheitstage. (igs)