Interview
Neuer Dekanatskantor der Marienkirche: „Kirchenmusik ist ein Bindeglied“
Herr Uhrig, wie sind Sie zur Musik gekommen, durch das Elternhaus oder die Schule?
Das Interesse an klassischer Musik und besonders an der Kirchenmusik und dem Instrument Orgel war von früher Kindheit an bereits da. Es gab keinen direkten Auslöser. Meine Mutter (Angela Branca) ist zwar Sängerin, jedoch eher im Unterhaltungsbereich des Chansons. Sie war beim Eurovision Song Contest 1983 in München im deutschen Vorentscheid dabei und später viele Jahre mit Bands auf deutschen Bühnen unterwegs.
Können Sie sich noch an besonders inspirierende Konzerterlebnisse erinnern?
Als Jugendlicher faszinierte mich das beeindruckende Instrument der Orgel: deren Klangfülle, aber auch der Einsatz in feierlichen Gottesdiensten mit Chormusik. Schlüsselerlebnis war, als ich zum ersten Mal live ein klassisch besetztes Sinfonieorchester mit Chor im Konzert hörte. Das war damals ein Cherubini-Requiem in meinem Heimatort Ormesheim unter der Leitung von Alexander Mayer, der auch aus Ormesheim stammt und viele Jahre das Sinfonieorchester des Landkreises Kaiserslautern leitete. Hier schlägt der Zufall wohl einen Bogen in die Westpfalz.
Warum haben Sie sich für den Zweig der Kirchenmusik entschieden?
Weil es ein unglaublich facettenreiches Arbeitsgebiet ist. Von Orgel, Chor, Konzert, Gottesdienst hin zur täglichen Arbeit und Begegnung mit vielen Menschen aller Altersgruppen. Gerade in Bezug darauf ist die Kirchenmusik auch ein Medium, um Menschen in ihrem persönlichen Lebenskontext zu erreichen und zu begleiten. Es gibt also auch eine soziale Komponente, die mitschwingt. Dabei richtet sich dies augenscheinlich erst einmal an Menschen, die man als eher „kirchennah“ bezeichnen würde. Aber das tolle beim Musik machen ist, dass man auch die erreichen kann, die vielleicht zunächst mit der Kirche nicht so viel zu tun haben oder haben wollen. Die Kirchenmusik ist dafür ein Bindeglied. Sie schafft zum Beispiel, in einem Konzert mit geistlichen Werken, etwa im Advent oder zu Weihnachten, auch für diejenigen, die womöglich nicht in die Sonntagsmesse kommen, einen spirituellen Moment, etwas das einen vielleicht innerlich anrührt, bewegt. Menschen brauchen so etwas im Leben und suchen danach – die Kirchenmusik kann dafür ein gutes Medium sein, und zwar ganz vielfältig.
Zu Ihrem neuen Arbeitsgebiet: Die Marienkirche bietet mit der Denkmalorgel und der neuen Chororgel, die gerade eingeweiht worden ist, gute Voraussetzungen. Es gibt auch eine große künstlerische Tradition mit Chor-, Solisten- und Orchesterkonzerten unter ihren beiden Vorgängern Mattern und Junker. Gleichwohl gab es auch viel Kinder- und Jugendarbeit, etwa ein Angebot für Mütter und Kleinkinder wie auch eine aufblühende Chortradition mit Kinder-, Jugend- und Erwachsenenchor. Vieles wirkt noch nach, manches geriet etwas in Vergessenheit. Wie sehen Sie hier die Zukunft?
Die neu geschaffene Orgelsituation in der Marienkirche mit der großen historischen Klais-Orgel und dem großartigen Chororgel-Neubau der Firma Kuhn aus der Schweiz ist natürlich etwas Besonderes. Beide Instrumente werden zur Wiedereröffnung der Kirche im September in hervorragendem Zustand sein – das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Natürlich werden wir – also das Team der haupt-, neben- und ehrenamtlichen Musikschaffenden in der Pfarrei – versuchen, diese tolle Ausgangslage auch entsprechend zu nutzen. Durch die mehrjährigen Renovierungsarbeiten an der Kirche sind natürlich manche Angebote zwangsläufig zurückgefahren worden oder zeitweise verschwunden. Die neue Gesamtsituation der rundum renovierten Marienkirche spornt aber natürlich dazu an, an frühere künstlerische Traditionen anzuknüpfen und zugleich aber neue Formate zu entwickeln. Natürlich sollen die beiden Orgeln künftig auch im Gottesdienst und Konzert entsprechend in Szene gesetzt werden. Zugleich möchte ich einen Schwerpunkt auf die Chorarbeit setzen. Diese war hier immer schon wichtig und das soll auch weiterhin so bleiben und ausgebaut werden. Hier bin ich bereits mit den bisher Verantwortlichen, die in der Vakanz eine tolle Arbeit geleistet haben, in Kontakt. Ab Oktober werden wir dies dann fundiert und wohlüberlegt gemeinsam angehen, um ein ansprechendes und gutes Angebot im Bereich der Chorarbeit weiterzuentwickeln.
Wie sehen Sie denn in der Gesellschaft die kirchenmusikalische Entwicklung und welche der genannten Facetten möchten Sie favorisieren, intensivieren oder als Schwerpunkte betrachten? Breitenarbeit oder herausragende künstlerische Ereignisse, „Gebrauchsmusik“ oder Monumentalwerke?
Natürlich wird in nächster Zeit viel Arbeit anstehen, um neue Konzepte und Formate zu entwickeln und das bestehende Angebot bestmöglich darin zu implementieren. Aber es liegt in jeglicher Hinsicht eine sehr gute Ausgangssituation vor, auf die sich gut aufbauen lässt. Zunächst wird es wichtig sein, dass ein stabiles Grundgerüst für das kirchenmusikalische Angebot steht. Darauf aufbauend kann sich im besten Fall vieles an guten Ideen entwickeln. Die Kirchenmusik allgemein, aber auch hier vor Ort verbinde ich mit dem Gedanken eines Netzwerks. Dazu gehört natürlich auch der Blick über den Kirchturm mit musikalischen Gästen und Gruppen verschiedener Stilrichtungen und Genres. Das Angebot soll für möglichst viele Alters- und Gesellschaftsgruppen etwas bereithalten, sodass man sich selbst – als aktiv Teilnehmender und als Rezipient – irgendwo wiederfindet. Sicherlich wird es dann in kommender Zeit auch herausragende künstlerische Angebote und größer angelegte Chor- und Orchesterkonzerte geben. Aber auch ein ausgewogenes Angebot im Sinne einer Breitenkultur und vor allem in der musikalischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist davon ein wesentlicher Bestandteil.
Zur Person
Timo Uhrig, geboren 1988 in Saarbrücken, ist seit März 2023 Dekanatskantor im Pastoralen Raum Merzig (Bistum Trier). Er ist in Mandelbachtal im Saarpfalz-Kreis aufgewachsen, dem saarländischen Teil des Bistums Speyer. Beim BKI in St. Ingbert machte er auch seine ersten kirchenmusikalischen Schritte und war Organist und Chorleiter in seiner Heimatpfarrei Ormesheim. Nach dem Studium an der Hochschule für Musik Saar und der Universität des Saarlandes in den Fächern Kirchenmusik, Musikwissenschaft, Schulmusik und Katholische Theologie, folgten Stellen als Kantor des Klosters am Rande der Stadt, Saarbrücken und eine Tätigkeit als Kirchenmusiker an der Katholischen Hochschulgemeinde der Universität des Saarlandes. Uhrig war von 2017 bis 2023 Assistent der Dommusik Trier. Hier arbeitete er intensiv mit allen Chören der Dommusik, vor allem mit den Kinder- und Jugendchören. Zusätzlich zur Arbeit an der Hohen Domkirche Trier, leitet er seit 2012 den Leibnizchor am Leibniz-Gymnasium St. Ingbert.
Termin
Am Sonntag, 15. September, 17 Uhr, findet ein Konzert zur Einweihung der neuen Chororgel in der Marienkirche mit Organist Stefan Schlipf statt. Auf dem Programm stehen vorrangig Werke süddeutscher Barockkomponisten. Außerdem wird die historische Klais-Orgel erklingen.