Kaiserslautern „Nachts glauben die Leute alles“

Sein Name garantiert Millionenauflagen: Jussi Adler-Olsen zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren Europas. Allein in Deutschland hat der 64-jährige Däne mehr als fünf Millionen Bücher verkauft. Soeben ist „Verheißung“ erschienen, der sechste Fall der weltweit veröffentlichten Serie um den Kopenhagener Polizisten Carl Mørck. Rätselhafte Todesfälle und der Selbstmord eines Kollegen führen seine Sondereinheit diesmal in die Esoterik-Szene. Jussi Adler-Olsen führt damit sogleich die Bestsellerlisten an.
Zurzeit gehe ich lieber joggen. Aber es gab schon zweimal Phasen in meinem Leben, in denen ich regelmäßig Yoga gemacht habe. Es hat mir geholfen, entspannter und ruhiger zu werden. Dass die Übungen Körper und Geist aufbauen, kann ich also bestätigen. Betrachten Sie sich als spirituellen Menschen? In gewisser Weise schon. Wir haben doch alle eine spirituelle Seite. Wenn ich eine Sternschnuppe sehe oder einen blinkenden Stern, halte ich natürlich inne und wünsche ich mir etwas. Ich bin übrigens auch ziemlich abergläubisch. Wie äußert sich das? Wenn ich Auto fahre und vor mir eine schwarze Katze auftaucht, werde ich unruhig und male mir schreckliche Dinge aus, einen Total-Crash oder so etwas. Ich hasse solche Situationen. Außerdem denke ich immer, dass es schief läuft, wenn jemand extrem selbstbewusst verkündet, dass er etwas ganz locker schafft. So wie unsere dänische Handball-Nationalmannschaft, die Anfang des Jahres in allen Interviews verkündete, dass sie garantiert Weltmeister wird. Als ich das sah, meldete sich mein Aberglaube und signalisierte mir: Die werden verlieren. Und so kam es dann leider auch. In Ihrem neuen Roman passieren Verbrechen in einer „transzendentalen“ Organisation. Haben Sie sich durch eigene Erfahrungen zu dieser Geschichte inspirieren lassen? Nein. Meine einzige Verbindung zur esoterischen Szene besteht darin, ihr im Fernsehen zuzugucken. Wie meinen Sie das? Mehrere Monate pro Jahr lebe ich mit meiner Frau in Barcelona. In unserer dortigen Wohnung können wir keine anspruchsvollen Programme empfangen, vor allem spät abends und nachts nicht. Also gucke ich manchmal schrägen Moderatoren zu, die Tarotkarten legen und ihren Zuschauern voller Überzeugung sofortige Heilung versprechen. Ein Kanal wendet sich direkt an Homosexuelle und bietet ihnen an, sie von ihrem angeblich sündhaften Lebensstil zu erlösen. Auf einem anderen Kanal tut ein sehr schwuler Moderator genau das Gegenteil: Er hilft seinen Zuschauern, homosexuelle Partner zu finden. Auch Schamanen, Pendelexperten und viele andere esoterische Anbieter treten auf. Um drei Uhr nachts glauben die Leute alles. Sie nicht? Nein. Aber ich mache mich darüber nicht lustig. Ich respektiere, dass einsame oder kranke Menschen Hilfe und Rat suchen und einen vielleicht sehr speziellen Glauben entwickeln. Wenn dieser ihnen Freude und Entlastung bringt, ist das völlig okay. Mein neuer Roman soll keinesfalls die spirituelle Szene pauschal in ein schlechtes Licht rücken. Ich beschreibe darin allerdings, wie sinnsuchende Leute mit esoterischen Telefonhotlines abgezockt werden. In „Verheißung“ kommt außerdem ein Guru vor, der auf ziemlich brutale Weise seine Macht missbraucht. Stimmt. Ich habe ja schon öfter über Machtmissbrauch geschrieben: beim Militär, in der Politik, unter Ärzten, in Heimen. Wer seine Macht dazu nutzt, um Schwächere zu demütigen oder egoistische Ziele zu verfolgen, den verachte ich. Seitdem Spiritualität ein so großes Geschäft geworden ist, gibt es natürlich auch dort schwarze Schafe, über die ich schreiben wollte. Besonders perfide am Machtmissbrauch im Esoterik-Umfeld ist, dass Menschen darunter leiden, die sowieso schon schwach sind. Sie hoffen darauf, dass sich etwas in ihrem Leben ändert, sie suchen Hilfe und vertrauen sich anderen an – und genau dann werden sie auch noch ausgenutzt. In Ihrem Buch trifft es vor allem Frauen. Lassen sich Männer nicht so leicht von charismatischen Gurus blenden? Ich glaube nicht, dass Frauen leichtgläubiger sind. Allerdings stehen sie meist viel mehr zu ihren Schwächen und sind eher bereit, daran zu arbeiten. Die meisten Männer schämen sich davor, im Kreis einer Gruppe von ihren Problemen zu sprechen. Auch aus diesem Grund stellen Frauen die große Mehrheit der Teilnehmer spiritueller Kurse. Das macht sie häufiger zu Opfern. Wie gehen Sie mit Ihrer eigenen Macht als Bestsellerautor um? Ich mag Macht, wenn sie gut gehandhabt wird. Macht ist sogar sehr wichtig, um die Welt in einem positiven Sinne zu verändern. Ich selbst genieße den Einfluss, den ich als Autor habe, und gehe sehr verantwortungsvoll damit um. Meinen Lesern und allen, die mit meinen Büchern zu tun haben, versuche ich, immer auf Augenhöhe zu begegnen; ich bin nicht besser als sie, und ich bin auch kein Blender.