Kaiserslautern
Nach 40 Jahren mit Asbest: Kaiserslauterer Studentenwohnheim wird saniert
Judith Fiebiger steht auf dem blanken Estrich, die Prominenz an der Seite, und sie schwärmt. Man kann sich nicht so recht vorstellen, wie es hier mal aussehen wird, aber die Anfragen „werden boomen“, versichert die Architektin. Dann führt sie auf den Balkon, so hoch wie die Kiefernwipfel gegenüber: „Schöner lässt es sich doch eigentlich gar nicht wohnen“, sagt Fiebiger. Super Lage, direkter Blick auf den Pfälzerwald, ein Apartment für 115 Euro kalt – noch Wünsche? Es ist Mittwochmittag, kurz vor 13 Uhr. Im vierten Stockwerk des Studentenwohnheims in der Kurt-Schumacher-Straße, einmal komplett die Treppe hoch, fällt der Blick auf einen Rohbau. Hier oben haben sie schon angefangen, die Ausstattung rauszureißen, den Boden, die Tapeten und das alles. Nur ein Ventilator hängt noch von der Decke und wirbelt Luft durch das aufgeheizte Obergeschoss. „Nach 40 Jahren brauchen die Wohnungen mal eine grundlegende Sanierung“, hatte Doris Ahnen vor ein paar Minuten verkündet, unten im Hof. „Für Kaiserslautern ist das eine gute Geschichte“, sagt die rheinland-pfälzische Finanzministerin jetzt. Eine, die auch Druck vom Wohnungsmarkt nehme.
Der 208-Betten-Komplex ist heute in Teilen marode
20,6 Millionen Euro – diese stattliche Summe macht das Land über seine Investitions- und Strukturbank (ISB) locker, um die vier Blöcke im Uni-Wohngebiet einer Rundumerneuerung zu unterziehen. Vor der Kulisse des wuchtigen Baus überreicht Ministerin Ahnen an diesem Mittwoch den ersehnten Förderbescheid. Laut Pressemitteilung der ISB wird der Komplex mit seinen 208 Betten von Grund auf saniert. Und zwar nach den Maßstäben „der neuesten Energiestandards“, betont Judith Fiebiger.
Im Jahr 1983 war es, als ihr Schwiegervater, der Kaiserslauterer Stadion-Architekt Folker Fiebiger, das von ihm geplante Gebäude einweihte. Lise-Meitner-Haus, auf diesen Namen wurde das Wohnheim später getauft; benannt nach der weltbekannten Kernphysikerin aus Wien. Auch damals sponsorte das Land großzügig das Projekt – mit neun Millionen D-Mark. Gut 40 Jahre später ist von der einstigen Modernität nur wenig übrig. Der Komplex, der heute der Erlangener FDA-Stiftung gehört: in weiten Teilen marode, aus der Zeit gefallen. Krebserregendes Asbest am Dach, undichte Stellen, durch die die Wohnungen feucht werden, ausfallende Heizungen, Rohrbrüche und eine veraltete Dämmung – nur einige der Mängel seien das, sagt Judith Fiebiger. „Das Haus heizt sich wahnsinnig auf“, schildert die Planerin. „Unter dem Dach steht gerade immer noch die Hitze aus der vergangenen Woche.“ Wie ein Schadstoffanalytiker festgestellt habe, sei die Grundbausubstanz allerdings völlig in Ordnung. Ihr Augenmerk, so Fiebiger, liege auf der energetischen Erneuerung.
Und das bedeutet, in allen Details? Eine stramme Liste von Sanierungsmaßnahmen. Zu viele, um sie einzeln aufzuzählen. Da wird dem Wohnheim zum Beispiel ein neues Zinkblechdach aufgesetzt, obendrauf begrünt und mit Photovoltaik-Anlagen ausgestattet. Ein Wärmedämmverbundsystem soll das Haus außerdem optimal isolieren. Und eine frische Fassade, ein „neues Kleid“, wie Fiebiger sagt, kriegt es auch: Gestrichen in hellen, freundlichen Farben, werde verhindert, dass sich das Gebäude zu arg aufheize, erklärt die Architektin. Was bleibe, seien die charakteristischen, hervorstehenden Balkone – sie verschatten und kühlen die gepflasterten Wege vor den Blocks. Auch in den Wohnungen, die möbliert gemietet werden können, werde fleißig geschafft, heißt es. „Leben und Arbeiten in einem Raum“, so beschreibt Judith Fiebiger das Konzept. Eine Prämisse sei die Barrierefreiheit. „Die nächsten 50, 60 Jahre soll das schon halten“, sagt sie.
Arbeiten sollen pro Block ein Semester dauern
Carola Zembsch ist die Geschäftsführerin der im fränkischen Erlangen ansässigen FDA Studentenwohnheime, der Eigentümerin. FDA, das steht für: Förderung der Ausbildung. Nach eigenen Angaben ist es das Ziel der gemeinnützigen Stiftung, jungen Menschen erschwinglichen Wohnraum anbieten zu können. So günstig, wie eben möglich.
„Wenn wir davon ausgehen, dass Studierende drei Jahre in einer Wohnung bleiben, dann haben hier seit 1983 über 3000 Studenten gelernt und gelacht“, sagt Zembsch. In fünf Städten unterhält die FDA insgesamt sieben Unterkünfte – die in Kaiserslautern ist die einzige außerhalb Bayerns. Bald müsse die Stiftung auch allen Studenten, die hier leben, den Mietvertrag kündigen, sagt Zembsch. Untergebracht werden sie in anderen Häusern. Die 20,6 Millionen Euro aus Mainz decken übrigens alle Sanierungskosten, heißt es. Gearbeitet werden soll ein Semester pro Block, am Ende also zwei Jahre. Man kann nun auf die Idee kommen, dass die FDA für den üppigen Millionenbetrag aus staatlicher Kasse gleich einen ganzen Neubau in die Kurt-Schumacher-Straße stellen könnte. Könnte sie, vielleicht. „Aber eine Baugenehmigung für diese Anzahl an Plätzen hätten wir nicht gekriegt“, so Zembsch. Und auch darum gehe es ja: viele Zimmer, viele Betten. Auf der Warteliste des Studierendenwerks stehen aktuell über 500 Menschen, die eine Wohnung suchen.
Wenn Judith Fiebiger, die beauftragte Architektin, an diesem Mittwoch durch den entkernten vierten Stock läuft, dann spricht sie von „unschlagbar günstigem“ Wohnraum, den sie hier im Süden der Stadt auf den neusten Stand bringen. Alexandra Wüst von der ISB sagt: „Mit den Fördermitteln tragen wir dazu bei, dass die Preise niedrig bleiben.“ Ab März 2026 werde die Sanierung so richtig starten. Wieder komplett belegt sein soll das Wohnheim im Frühjahr 2028.