Kaiserslautern Marschalls Prognose: „Mutti bleibt der Champ“

Singen im Duett: Tamássy und Mott, begleitet von Philipp Tulius.
Singen im Duett: Tamássy und Mott, begleitet von Philipp Tulius.

In ihrem Doppelauftritt – am Donnerstag und gestern Abend – analysierten die Untiere noch kein Wähler-Stimmverhalten. Vielmehr griffen die Kabarettisten in ihrem Sonderprogramm im Edith-Stein-Haus vom Politbarometer erfasste Stimmungen auf und stellten in Metaphern und Wortspielen Tendenzen fest. Das einzig Beständige in der Parteienlandschaft und parlamentarischen Repräsentativsystemen ist der Wandel, daher das Motto: „Und ewig wandern die Wähler“.

Dieses Motto arbeitet die Gruppe parodistisch, musikkabarettistisch und in Sketchen auf. Von Stimmungstief bei den Untieren aber keine Spur, sie sind – wie viele andere kabarettistische Nutznießer – die eigentlichen (postfaktischen) Gewinner, weil sie mit ihrer Revue Absurditäten und Kalamitäten aufzeigen, ohne sie verändern zu müssen. Nicht Untiere, sondern Übermenschen sind sie eigentlich, diese vier Kabarettisten um Leitwolf Wolfgang Marschall; Sie üben keine Herrschaft aus, sie prangern vielmehr deren Auswüchse und Missbrauch an. Es gelingt Marschall, formelhaft Gesetzmäßigkeiten aus der Realpolitik zu abstrahieren: so verlören Parteien zunehmend an Profil, drängten alle zur Mitte, würden dabei mittelmäßig. Bürger reagierten, so Wolfgang Marschalls Credo, darauf mit Politikverdrossenheit. Immer wieder stellt Marschall historische Analogien her, so von der Befreiung des Menschen mit der Aufklärung hin zum Fraktionszwang. Dies gipfelt nach Analysen und Bestandsaufnahmen auch in alptraumhafte Visionen: Irgendwann stünden – so seine Befürchtung – auf den Wahlzetteln Konzerne oder Banken. Zunehmende Orientierungslosigkeit der Parteiführungen, Verschiebungen nach rechts und Auflösungserscheinungen links von der Mitte zeigten die fehlende Balance, so Marschalls Beobachtung der politischen Waage, deren Zeiger nach rechts drifte. Gesetzmäßigkeiten wie das dialektische Wechselverhältnis zwischen Politik und Gesellschaft, der sogenannte „Sündenbockmechanismus“ speziell in Deutschland, der Antagonismus zwischen Populismus und etablierten elitären Interessen – all das brachte Marschall exemplarisch auf den Punkt. Man wähle aber auch ein Gesamtpaket, so Marschalls Quintessenz, wähle über die Kreuzchen auf Partei- und Personenlisten mit der Stamm- auch die Schwesterpartei und zudem auch gleich einen möglichen Koalitionspartner mit. Als Gegenleistung bekomme man dann die Maut. In flammenden Reden war aber auch von Strohfeuern die Rede, wenn der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, schon sein Pulver verschossen habe, Und als Spitze gegen seinen Parteigenossen, den Wahlkreisabgeordneten im Bundestag, Gustav Herzog, widmete sich Marschall auch den Hinterbänklern. Herzog war das von Marina Tamássy und Gaststar Petra Mott intonierte Lied da zu gewidmet. Philipp Tulius hat eine neue Paraderolle gefunden und verkörpert nach Finanz-„Minischder“ Schäuble nun auch den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer: in oberbayerischer Gebirgstracht, aber mit der Niedertracht eines Machtmenschen ausgestattet, wenn er in täuschend echt nachempfundenen Sketchen und Szenen eine Journalistin (Petra Mott) rustikal attackiert. Ob Seehofer, Schäuble oder zu vorgerückter Stunde die Kanzlerin (in Gestalt von Marina Tamássy): die Politprominenz wurde wieder vorgeführt. Meisterhaft von Keyboarder David Punstein und Marschall arrangiert war beispielsweise der „Schulz-Song“, der einen Ausschnitt aus dem Lloyd-Webber-Musical „Jesus Christ Superstar“ umtextierte und zur Kardinalfrage „Kann Schulz Kanzler?“ führte. Großartig übrigens von Petra Mott interpretiert und wieder von David Punstein im ganz großen Stil mit jazzigen Umspielungen gestützt. Überhaupt punktete wieder das harmonische Zusammenfließen aus Parodie und Musikkabarett, als Tamássy die Kanzlerin schmettern ließ: „Mutti bleibt der Champ“ und dabei der Welthit „The lady is a tramp“ von Frank Sinatra umtextiert wurde. Ebenfalls im Arrangement und der treffenden Interpretation eine Meisterleistung. Der volkstümliche Kanon des Bruder Jakob, der alles zu verschlafen droht, wurde ebenfalls neu „aufgelegt“: „Bald ist Wahltag“, intonierten die Untiere a cappella. Wer schläft da noch?

Tratschen am Stehtisch: Marina Tamássy (links) und Petra Mott.
Tratschen am Stehtisch: Marina Tamássy (links) und Petra Mott.
Warnt vorm wandernden Wähler: Ober-Untier Wolfgang Marschall.
Warnt vorm wandernden Wähler: Ober-Untier Wolfgang Marschall.
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