Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Lesung mit Martina Berscheid: Von der biederen Eva und der extravaganten Agnès

Autorin Martina Berscheid (geboren in Kaiserslautern, lebt und arbeitet in Homburg/Saarland), schreibt neben diesem zweiten Roma
Autorin Martina Berscheid (geboren in Kaiserslautern, lebt und arbeitet in Homburg/Saarland), schreibt neben diesem zweiten Roman vor allem Kurzgeschichten,

Ein Buch „nur“ zu lesen ist die eine Sache. Den Inhalt aber auch zu hören, speziell vorgelesen von der Autorin persönlich, das ist dann noch einmal etwas anderes. Dann kommen Nuancen, die nur die Urheberin kennt und schätzt, zum Tragen, dann werden Inhalt und Sprache auf eine bisweilen intensivere Art und Weise erfahrbar.

So war es auch der Fall bei der Lesung der Homburger Schriftstellerin Martina Berscheid, die am Samstagvormittag in der bis auf den letzten Platz besetzten Pfalzbibliothek aus ihrem aktuellen Roman „Die Klassenkameradin“ las.

Das Werk erzählt die Geschichte der biederen Eva, die in einem kleinen Dorf ein tristes und unzufriedenes Leben führt. Das ändert sich nach dem Besuch eines Klassentreffens, bei dem sie ein Vierteljahrhundert nach dem letzten Schultag die einst unscheinbare, jetzt sich ungemein extravagant und selbstbewusst präsentierende Agnès wiedertrifft. Eva ist fasziniert von der ehemaligen Klassenkameradin und beginnt, deren aufregendes Leben zu kopieren. Und das hat Folgen – für sie selbst, für ihre Familie und auch für Agnès.

Unerwartete Wendungen

Interessant erschien am Samstag allein schon der Aufbau und Inhalt der Lesung. Der von etlichen unerwarteten Wendungen durchzogene Gesellschafts- und Entwicklungsroman enthält tatsächlich ja auch einige spannende, vom klassischen Thriller entlehnte Elemente zwischen Gewitterstimmung und physischer Bedrohung. Ein wenig gelang es Berscheid in der von Bibliotheksleiterin Claudia Germann eingeführten Lesung nun sogar, diese interne Gespanntheit auf die Organisation der Lesung zu übertragen.

Denn die Autorin beschränkte sich bei der Auswahl der zu lesenden Texte auf fünf Passagen, in der vor allem die Ausgangslage für die gesamte Handlung beschrieben wird: Die öde Arbeit Evas in der Dorfkneipe, das erste und schon vieles Wichtige vorausdeutende Zusammentreffen der Protagonistin mit der illustren Agnès (eine der Lieblingsstellen der Autorin, wie sie hervorhob), schließlich die Szene in einer fremden Wohnung, in der Eva erstmals in eine neue Rolle schlüpft. Das ergibt einen guten Teil des tragenden Werk-Fundaments. Die weitere Entwicklung und das überraschende Ende von „Die Klassenkameradin“ blieb zur Wahrung der ständig zu spürenden Spannung an jenem Samstag freilich unerwähnt.

Erst die Figuren, dann die Handlung

Dafür ließ Berscheid zwischen den Lese-Partien Interessantes über den Akt des Schreibens an sich durchblicken. Sie erklärte etwa, dass bei ihr zuerst die Figuren da seien, um die herum sich dann die Handlung bilde. Und dass ihr hier die Figur der Eva am meisten am Herzen gelegen habe. Manchmal habe sie glatt vergessen, dass es sie gar nicht real gibt. Wäre es so, so war sich Bescheid sicher: „Wir hätten uns gut verstanden“.

Auf andere Art gut verstehen konnten die zahlreichen Literatur-Interessierten in der Pfalzbibliothek – sogar Stehplätze wurden genutzt – die rezitierten Texte, die nun, in der unmittelbaren, gesprochenen Form noch mehr als beim Selbst-Lesen an Intensität gewannen. Berscheids bekannt anschauliche Beschreibungen à la „fischgrätige Strommasten“ oder wie jene der Tische in einem Lokal, auf denen je eine „Armada von Gläsern“ stünden, stachen nun besonders aus den Sätzen heraus. Sie machten zusammen mit bewussten Betonungen aussagekräftiger Textstellen und nicht zuletzt auch mit jenen eingeschobenen Erläuterungen der Autorin selbst diese Lesung zu einem guten Erlebnis für die Anwesenden.

Unter ihnen befanden sich übrigens tatsächlich auch viele „reale“ einstige Klassenkameradinnen der in Kaiserslautern geborenen Autorin. Keine von ihnen, so versicherte Martina Berscheid augenzwinkernd, sei ein Vorbild für den Charakter der Agnès gewesen ...

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