Kaiserslautern Lautmalerische Eskapaden auf Westfälisch

Gastierte zum ersten Mal im Kammgarn-Club: Sebastian 23.
Gastierte zum ersten Mal im Kammgarn-Club: Sebastian 23.

Flink, frech und frei nach Bochumer Art kam der Poetry-Slammer, Autor, Philosoph und Gitarrist Sebastian 23 am Mittwochabend in der Kammgarn daher und stattete dem Kulturzentrum seinen allerersten Besuch ab. Mit Schiebermütze, Notizbuch und Gitarre bereitete er dem Lautrer Publikum einen amüsanten Abend mit sinnhaft-unsinniger Lyrik, lustigen Liedern und leichtem Charme, der Laune machte.

Sein Bühnenkollege aus München bekommt beim Einmarsch auf die Bühne Schlüpfer und Plüsch-Nagetiere zugeworfen, Sebastian 23 bekommt bei seinem Einmarsch auf die Cotton Club-Bühne – Stille! Absolute Stille! Kein Problem. Denn ein echter Poetry-Slammer ist daran gewöhnt, sich sein Publikum und seinen Applaus zu verdienen. Und Sebastian 23, mit bürgerlichem Namen Sebastian Rabsahl, gehört zu den bekanntesten Dichtern der deutschen Poetry-Slam-Szene – und das auch noch als gebürtiger Bochumer. An sich ist ja nichts Schlimmes daran, aus Bochum zu kommen. Es sei denn, man ist des Türkischen mächtig. Da bedeutet Bochum nämlich in etwa: „meine Scheiße“. Genauer: „bok“ für „Scheiße“ und „um“ für „meine“. Das haben die Sprachrecherchen von Sebastian 23 ergeben. Und wenn es um Sprache geht, kennt sich der Poet aus dem Ruhrgebiet aus. In seinem fünften Soloprogramm „Hinfallen ist wie Anlehnen, nur später“ spielt Sebastian 23 gekonnt mit der deutschen Sprache, geht dem Zeitgeist auf den Grund und „bohrt nach Metaphern, bis es knistert“, so heißt es in seiner Ankündigung. Klingt interessant, ist aber vor allem amüsant. Zweimal 45 Minuten lang stellte Sebastian 23 seine Texte mit viel Gestik, Mimik und seltsamen Lauten vor – lebendig, ja beinahe energisch. Er ließ es tatsächlich im Ohr knistern mit schönen Vokalgedichten auf „i“ und „u“, dann sogar mit netten lautmalerischen Eskapaden im westfälischen Dialekt. Die Lautrer verstanden zwar nicht viel, belohnten aber mit fröhlichem Gelächter. Was die deutsche Sprache angeht, lehnt er sich nicht sachte an, er fällt vielmehr Kopf über in das Wort-Wirrwarr hinein und zieht das Publikum gleich mit in den Schlamassel. Sebastian 23 geht aber auch auf die Wünsche seines Publikums ein und bastelt sein Programm drumherum. Zum Beispiel kam aus dem Publikum der Wunsch „Kaffee“. Schon brachte Sebastian aus seinem schlauen Büchlein den Text „Rapide Rapante“, eines seiner früheren Lyrik-Werke aus 2007 über all die Dinge, die er tun kann, wenn er den „kolumbianischen Zaubertrank“, das „Ambrosia für die Mittelschicht“ zu sich nimmt. Mit einem Affenzahn ratterte er die Zeilen runter wie ein „hyperaktiver Kolibri auf Koks“. Danach wurde ein wenig Antiagressionstraining mithilfe eines Katzen-Kalenders betrieben, und noch ein paar lyrische Spielereien später vereinte der „Philosoph“ mit der Schiebermütze seine beiden Leidenschaften, Lyrik und Mathematik, zu einem sehr ulkigen Text namens „Numerisches Meeting“. Und der ging etwa so: „Einst in der Zweigstelle einer Dreisten Vierfma, fünf entsechsliche Gestalten versieben aus Achtlosigkeit den neun Trend der (S)zehne.“ Jetzt schnell die Zahlen darin finden und Applaus für diesen Ideenreichtum. Das Ganze gab`s dann auch noch auf Französisch. Schön war auch die Fragerunde mit dem Publikum: Die Zuhörer hatten während des gesamten Abends Zeit, Sebastian nach allem zu fragen, was sie wissen wollten. Eine der dringlichsten Fragen lautete: „Was sollen Serviervorschläge auf Müsli-Packungen?“ Sebastian antwortete auf diese Fragen natürlich mit viel Humor und infantilem Charme: „Um davon abzulenken, dass dein Müsli in Wirklichkeit mehr ist als altes Katzenstreu, in den jemand Zucker beigefügt hat.“ Fazit: Sebastian 23 ist ein flinker Wortakrobat, spitzzüngiger Poet, agiler Reimer, lustiger Musikant und ein durch und durch sympathischer Kerl – für Stand-up-Comedy vielleicht noch etwas zu seicht, die Gags noch etwas tapsig und unbeholfen.

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