Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Lange Nacht der Kultur in der Fruchthalle: Auf den Spuren legendärer Vorbilder

Toll: das Luca Sestak-Trio, Luca mit Sestak (Piano), Johannes Niklas (Drums) und Michael Goldman (Bass).
Toll: das Luca Sestak-Trio, Luca mit Sestak (Piano), Johannes Niklas (Drums) und Michael Goldman (Bass).

Die 24. Lange Nacht der Kultur setzte in der Fruchthalle wieder auf das langjährige und größtenteils noch ursprüngliche Konzept, einen anderen Rahmen als gewohnt zu schaffen.

Der Raum öffnet sich für eine neue Art der Begegnung, es kommt zu Bewegungen und Besucher-Verschiebungen, die neue Chancen bieten, gleichzeitig aber auch Risiken bergen.

Wenn Sitzgelegenheiten für viele fehlen, beginnt irgendwann ein Rotieren und Flanieren (wer will und kann schon lange stehen?) und die Aufführungen werden sozusagen en passant nicht immer so gewürdigt, wie sie es alle aufgrund langer und intensiver Vorbereitungszeit verdienen. Das ist zu überdenken. Es zeigte sich auch, dass diejenigen die besten Chancen haben neue Besucher-Zielgruppen zu gewinnen, die nicht ein Repertoire nur abspulen, sondern interaktiv mit dem Publikum direkt den Kontakt suchen. Beispielhaft hier die „Rosevalley-Sisters“, die hier als Vokaltrio sehr erfolgreich in die Spuren legendärer Vorbilder wie Jacob Sisters in Deutschland oder Andrews Sisters in Amerika treten und mit Swing-Klassikern dieser Zeit (In the Mood oder Chattanooga Chou Chou) sängerisch und stilistisch genau diesen Impuls treffen. Dazu bauen sie rhetorisch mit einer Mischung aus Moderation und Entertainment eine Brücke zum Publikum, würzen diese Show mit tänzerisch-choreographisch lebendig wirkenden Einlagen und punkten auch beim Boogie Woogie mit einer erfrischend „frech-freien“ Note: Kokettierend, mit Spielfreude auftrumpfend und unbedingt ansteckend. Allerdings würden diese Beiträge von Sarah Heinz, Saskia Wrobel und Elli Tzinara durch dazu gespielte Live-Musik der 30er und 40er Jahre noch gewinnen.

Saxophon-Ensemble im Foyer

Zumal unten im Foyer ein Saxophon-Ensemble der Städtischen Musikschule diesem nostalgischen Trend stilistisch auch folgte – aber nicht nur: Neben Jazz-Standards ab den 60er Jahren wie „Hello Dolly“ in einer kapriziösen kunstvollen Bearbeitung und dem Erfolgstitel von Ray Charles (Hit the road jack) präsentierte Helmut Engelhardt einen repräsentativen Querschnitt des Jazz mit Latin (Tango „El Choclo“) und dann etwas freier im Stil des Lennie Niehaus, was alles gut ausgearbeitet war: Die Arrangements gehen wie am Beispiel von Gershwins Klassiker „Summertime“ über das Verarbeiten von thematischer Substanz weit hinaus, haben raffinierte Ein- und Überleitungen und neue Einschübe und hätten die Möglichkeit für eine werbende Präsentation gegeben. Spielerisch solide aber klanglich mit drei Alt- und je einem Tenor- und Baritonsaxophon nicht immer homogen. Dazu meist in Einheitsdynamik – so gingen allerdings in einer Nische im Eingangsbereich diese Finessen guter Arrangements etwas unter. Zumal nicht alles angesagt wurde und die angedeutete Interaktion mit dem Publikum so fehlte.

Da hatte es das Klavier-Duo vierhändig aber mit einem Konsens in allen Stil- und Klangfragen oben im Saal leichter: Wurde auf einer Bühne stolz erhoben präsentiert und nutzte auch die Gunst der Stunde eines (ausnahmsweise mal) in sich ruhenden Publikums, um Preziosen aufzuführen. Es entspricht der Tradition der bürgerlichen Salonmusik im 19. Jahrhundert, wenn Orchesterwerke wie die Peer-Gynt-Suite von Grieg ohne die damals noch fehlenden Tonträger und Medien in Klavierfassungen gespielt und goutiert wurden. Anna Anstett und Sandra Urba vermittelten die unterschiedlichen Stimmungsbilder in pastosen nuancierten Klängen und in erlesener pianistischer Spielkultur: In klanglicher Akkuratesse und bei Sätzen wie „Morgenstimmung“ endlich mal eine Deutung, die nicht auf drängenden Impuls, sondern auf die subtile durchsichtige und ruhig strömende melodische Entwicklung Wert legt und bildhafte Assoziationen so besser weckt. Ein Bravourstück wie die ungarische Rhapsodie von Liszt wurde zwar zum Feuerwerk feuriger Csardas-Charakteristik, blieb aber bei aller Brillanz stets sehr kontrolliert und kultiviert.

Forsch und furios

Noch immer ist das Klavier in der Schul- und Hausmusik sowie als Grundlage für verschiedene Formationen (auch als Keyboard) das am meisten gespielte Musikinstrument in Deutschland. Daher war es naheliegend und in dieser Kombination dann mit dem Luca Sestak-Trio aufschlussreich die überaus vielen klanglichen und stilistischen Möglichkeiten aufzuzeigen. Nach dem Klavier-Duo mit Streben nach Authentizität oder Stil- und Werktreue als oberstes Gebot folgte hier ein Trio, das sehr forsch und furios andere, eigene Wege geht. Der „Wahnsinns-Pianist“ Luca Sestak fegt wie ein Wirbelwind über die Tasten, kann immer noch bei einer Stretta einen Zahn zulegen und reißt dabei den Bassisten auf Kontrabass und Bassgitarre (Michael Goldman) ebenfalls zu Höchstleistungen mit und der Schlagzeuger Johannes Niklas braucht „nur“ noch den Bach (und andere) zum lebhaften Pulsieren und Swingen zu bringen und schon wird sogar das Vorbild wie Jacques Loussiers Trio sogar noch getoppt, weil es hier noch atemberaubender, virtuoser und extremer zugeht. Zumal der Pianist auch andere Stilbereiche entdeckt und frei bearbeitet und diese „Grenzgänger“ zwischen Klassik, Jazz und Rockelementen sprengen einfach den gewohnten Rahmen, bleiben aber dennoch thematisch klar geordnet „im Bild.“ Grandios! Hier zeigte sich, je eindrucksvoller, origineller und virtuoser eine Formation auftrumpft, umso größer war die Resonanz und umso länger die Verweildauer: Dem konnte man sich nicht entziehen.

Erfrischend frech: The Rosevalley Sisters.
Erfrischend frech: The Rosevalley Sisters.
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