Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Landstuhl: Die Untiere bieten bestes Kabarett in der Stadthalle

Als „außerparlamentarische Ohnmachtsdarsteller“ unterwegs: Marina Tamássy und Philipp Tullius.
Als »außerparlamentarische Ohnmachtsdarsteller« unterwegs: Marina Tamássy und Philipp Tullius. Foto: VIEW

Einmal Untier, immer Untier. Am Samstagabend gastierte das Lauterer Kabarett-Ensemble Die Untiere in der Landstuhler Stadthalle und wies eindrucksvoll nach, dass ihm in puncto Bissigkeit und Schärfe kaum einer das Wasser reichen kann. 250 Besucher erlebten 140 Minuten lang bestes Kabarett und eine unterhaltsame Nachhilfestunde über Gallenröhrlinge.

Wolfgang Marschall möchte eine Lanze brechen. Noch seien die Drecksäcke in der Minderheit. Das biologische Gleichgewicht auf Baumarkt-Basis sei noch gegeben. Trotzdem aber dominiere die Minderheit der Drecksäcke in der Öffentlichkeit. So komme es, dass ein einziger Gallenröhrling, der Dobrindt der Pilze, ein ganzes, wohlschmeckendes Steinpilzgericht verderbe. Ein einsamer Steinpilz jedoch gehe in der Menge der Gallenröhrlinge unter. Wieso, fragt er sich, könne sich die Minderheit der Drecksäcke in der großen Mehrheit der Anständigen halten?

Aggressiv im Ton, scharf mit der Sprache, analysierend im Text, entlarvend in der Aussage, in dieser Höchstform beginnt das Ober-Untier den Abend. „Ich kann das Wort Parallelgesellschaft nicht mehr hören“, konstatiert Marschall. Es gebe ja auch die Parallelgesellschaft der „Gartennasen“, in der alles nach Vorbild der Baumärkte angebaut werde. „Da sind die Nacktschnecken die Wirtschaftsflüchtlinge des Nachbargartens.“ Es gebe aber auch die Parallelgesellschaft der Banken und der Politiker. Und am Beispiel des Gesellschaftsspiels „Monopoly“ erklärt Marschall, wie eine homogene Gesellschaft sich verändern könne. Experimente hätten gezeigt, dass die Spieler, die bei Spieleröffnung mit dem doppelte Startkapital ausgestattet wurden, die Reichen, sich schon nach kürzester Zeit als die Überlegeneren, die Tüchtigeren und Intelligenteren fühlten.

Die Energiesparlampen sind schuld

Sein genialer Vortrag ist nur so gespickt mit Seitenhieben gegen „die da oben“, gegen Rassisten und Rechtsradikale. Ihr Fett weg erhält Julia Klöckner, die sich hochschunkeln wolle zur Kanzlerin und deren Auge jede Kamera förmlich anziehe. „Warum wird die Menschheit immer blöder?“, fragt er, und findet die Lösung in den Energiesparlampen. Die verlören Quecksilber, und jeder Atemzug Quecksilber mache die Menschen blöder. „Je blöder die Untertanen, desto leichter sind sie zu regieren.“ Genial spielt Marschall mit der Sprache und führt seine schneidenden Monologe auf Pointen zu, die das Kabarett zur Blüte führen. Dem Hörer gibt er dabei manch harte Nuss zum Nachdenken. „Der gesprochene Nichtgedanke ist die Notdurft des grübelnden Geistes“, verrät er zum Schluss, und man sieht förmlich, wie die Köpfe der Besucher rauchen.

Als „außerparlamentarische Ohnmachtdarsteller“ lesen auch Marina Tamássy und Philipp Tullius den Mächtigen gehörig die Leviten. Die beiden stehen in einem Verhältnis zueinander wie Faust und Mephisto: Die eine forscht und entdeckt unentwegt und kitzelt immer wieder überraschende Statements heraus, der andere stichelt und zweifelt. Grenzen akzeptieren sie dabei überhaupt nicht. Unnachgiebig bringen sie die Gedanken immer wieder auf den Punkt, wo es den Politikern vor allem weh tut.

Uli Hoeneß und das Saarland

In schönstem Bayerisch und beißend dazu parodiert Tullius den Seehofer, der sich vom Saarland verfolgt fühle: „Als hätte die Heimsuchung aus der Uckermark nicht gereicht.“ In Merkel sehe Seehofer „Honeckers Rache wegen des Mauerfalls“. „Übernehmen Sie das Saarland“, lässt er Seehofer sagen. „Mein Freund Uli Hoeneß unterstützt dafür den FCK, dass er wieder in die Bundesliga kommt!“ „Du bist mein Schreckgespenst. Merci, dass du bald gehst. Du bist der Kuhfladen, in dem ich immer steh“, singt der vermeintliche Seehofer über die Kanzlerin und lässt dabei die E-Gitarre göttlich aufheulen. Nicht von schlechten Eltern ist das.

Und dann kommt sie: Die Kanzlerin höchstpersönlich, könnte man meinen. Scharfzüngig und respektlos seziert Marina Tamássy „Muttis“ Beitrag zum Klimaschutz. „Das Darben des einen und das Prassen des anderen steht bei mir und meinem Mann im Gleichgewicht“, verrät sie. Und „Überfliegerwitze“ wie über Olaf Scholz oder Seehofer hat sie ebenso parat. In Gestik, Mimik und Diktion parodiert Tamássy Merkel unübertrefflich. „Der Schäuble wird noch sehen, wie sehr er mir fehlt. Regieren ist halt nicht einfach“, mümmelt sie, während Seehofer ihr aus der Hand frisst und sich mit den Worten „du bist die Kanzlerin meines Herzens“ bei ihr einschmeichelt. Lang anhaltender, begeisterter Beifall im Stehen. Zwei Zugaben.

x