Kaiserslautern Kurz, aber intensiv

Es war mit 35 Minuten Länge die kürzeste „Blaue Stunde“ aller Zeiten, von der Thematik und von der schauspielerischen Leistung Elif Esmens her zugleich eine der intensivsten, die je in der Vortragsreihe gezeigt wurden. Das seit März bereits erfolgreich als Klassenzimmerstück präsentierte „Krieg – Stell dir vor, er wäre hier“ (wir berichteten) überzeugte am Freitagabend im Casino der Volksbank auch in einem anderen Raum- und Publikums-Kontext.
Die dänische Autorin Janne Teller dreht in ihrem Werk die Perspektiven um: Man stelle sich vor, es herrscht in diesem Moment Krieg in Europa. Nicht irgendwo weit weg in einem Teil der Welt, den man nur aus den Nachrichten kennt, sondern direkt im eigenen Land, in der eigenen Stadt, vor der eigenen Haustür. Bomben fallen, Häuserwände werden weggefetzt, Menschen verstümmelt und getötet. In dieser Situation befindet sich die 14-jährige Protagonistin des Ein-Personen-Stücks. Gewalt und Hunger bestimmen jetzt ihren Alltag, bisher scheinbar selbstverständliche Dinge wie ein funktionierendes Handy gehören der Vergangenheit an. Um dem Elend zu entfliehen, beschließt ihre Familie zu flüchten – in den arabischen Kulturraum, dessen Sprache und Werte ihr fremd sind. Auch hier begegnet das Mädchen bislang unbekannten Situationen und Problemen, erlebt Langeweile, Vorurteile und Demütigungen. Das unter der Regie von Katharina Ramser (Dramaturgin: Melanie Pollmann) vorgestellte Stück, das die Sichtweisen ändert und dadurch neue Gedanken in Gang zu setzen vermochte, funktionierte an diesem Abend auch unter jenen im Vergleich zum Vorbild geänderten Bedingungen. Der jungen Schauspielerin Elif Esmen gelang es, das konzentrierte Stück auch hier kraftvoll auszuspielen und lange nachwirken zu lassen. So nutzte sie, unter Verwendung von nur wenigen Requisiten, für ihr Spiel konsequent den ganzen zur Verfügung stehenden Raum aus, sprach dabei auch einzelne Personen im recht großen Publikum direkt an. In einer Sequenz spielte Esmen mit einem bereitwillig mit auf den Seitenbereich des Haupt-Bühnenareals gehenden jungen Mann sogar kurzzeitig richtig gut Fußball. Das aktuelle Thema, die gezeigte und vermittelte Emotion in der anspruchsvollen Darbietung und nicht zuletzt jene Interaktion berührten auch und gerade das erwachsene Publikum, aus dem manche Anwesende Krieg und Flucht noch selbst bewusst miterlebt haben könnten. Für ihre starke „Blaue Stunden“-Darbietung bekam Elif Esmen an diesem Abend im „Kasino“ reichlich verdienten Applaus, unter dem sie dann gleich viermal vor den „Vorhang“ musste. Info Die nächste „Blaue Stunde“ findet am Freitag, 19. Juni, um 18 Uhr statt. Dramaturgin Melanie Pollmann und Schauspieler Oliver Burkia werden an diesem Abend aus Jan Weilers Bestseller „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ lesen.