Kaiserslautern „Kunst kommt eben doch eher von Kochen“
Samstagnachmittag in Speyer, der Große Purrmann-Preis und zwei erste Purrmann-Förderpreise wurden verliehen. Und die Ausstellung zum Wettbewerb ist eröffnet worden. So war’s.
Schon auch selten, dass sich jemand so in eine Sackgasse navigiert wie Klaus Heinrich Kohrs am Samstag in Speyer. Ein Musikwissenschaftler. Der Jury-Vorsitzende des Purrmann-Preises. Dazu der Redner und Laudator bei der Preisverleihung. Kohrs war früher stellvertretender Generalsekretär der Studienstiftung des deutschen Volkes. Speyers Ratssaal leuchtete immer noch prächtig vor sich hin. Und Kohrs machte sich einigermaßen lustig über das geschwollene Reden über Kunst. Danach aber blieb ihm aus Binsen-Vermeidungsangst statt einer Preisträger- Würdigung nur der Rat an die Zuhörer, sich die Werke der Wettbewerbsausstellung nachher doch selbst anzusehen. Die Preise wurden also verliehen. Meriten, allein schon wenn man das Renommee der Großkünstler-dominierten Jury kalkuliert. An Sabrina Fritsch, eine 1979 geborene Kölnerin aus Neunkirchen, Saar, der Große Hans-Purrmann-Preis der Stadt Speyer, dotiert mit 20.000 Euro. Zwei erste Förderpreise, jeweils 6000 Euro, denn die Münchner Purrmann-Stiftung hatte das Preisgeld extra aufgestockt, an Catherine Biocca, 1984 in Rom geboren, lebt jetzt in Berlin; und an den Münchner Steffen Kern, der Jahrgang 1988 ist. Ein Foto noch mit Regina Hesselberger-Purrmann von der Stiftung und Hansjörg Eger, Speyers Oberbürgermeister. Klavier-Musik (Moritz Erbach). Über den Hof ging es jetzt in die Wettbewerbsschau in die Städtische Galerie. Heftig flammte es im Freien Propangas aus einer Laterne, vom Berliner Förderpreisbewerber Johannes Vogl sinnig als Werk „Laterne“ (2013) aufgestellt. Oben im Saal wirbelte ein von Vogl installierter Globus inständig um die eigene Achse. Sein, „Autobahn“ betitelter Radioapparat vermeldete in Dauerschleife Gefahrenmeldungen. „Gefahr durch einen Bilderrahmen“, „Gefahr durch Rollrasen“, „Gefahr durch ein Klappbett“, „Gefahr durch einen älteren Mann“. Die Tonspur lag als heiterer Dauer-Angstmacher über dem Areal mit den neun Finalisten für den Förderpreis, darunter mit Maria Kropfitsch eine 1976 in Germersheim geborene Ludwigshafenerin. Mit Bleistiftzeichnungen hat sie es in die Schlussrunde geschafft, träumerisch verrätselten Figuren mit langen Zöpfen, die unentschieden zwischen Frau und Mädchen, Ernst und Melancholie in Leerraum posieren. Ein Riesenerfolg ist die Finalteilnahme für sie bei diesem hochkarätigen Wettbewerb mit über 130 Bewerbern. Selbst wenn Kropfitsch wie Kollege Johannes Vogl, was die Auszeichnungen betrifft, leer ausging. Wobei, zumindest den Preis für die witzigste Selbstinterpretation hätte Spaßmacher Vogl ja schon verdient gehabt. „Kunst“, zitiert ihn die ausliegende Blätter-Broschüre, „kommt eben doch eher von Kochen.“ Und dabei hätte man nach Ansicht des minimalistischen Werks „Detach/adjust/connect“ (2014) von Rasmus Sondergaard Johannsen, Berliner aus Brovst, Dänemark, eher eine Herkunft aus dem Forstwesen vermutet. Schön gereiht standen Johannsens bis über zwei Meter große Holzstämme, teilweise überzogen mit einer pockennarbigen Haut aus extrahiertem Harz und gemahlener Kohle. Er beschäftige sich mit der „Dekonstruktion der Systeme“ ließ sein Erklärtext verlauten. Die Französin Garance Arcadias nimmt derweil unausgesprochen Bezug zur Raumausstatterei. Blaue Baumwolllaken hatte sie vor drei Fenster im Saal getackert. „Sonnenbrand“ nennt sie ihr Werk, das noch, wie es heißt, „im Entstehungsprozess“ begriffen ist, unfertig. Daneben leuchteten die Arbeiten des frisch gekürten Förderpreisträgers Steffen Kern als sofort reife Leistung ein. Bis ins Hochdiffizile perfekte Kohlezeichnungen sind seine Werke, die ganz genau aussehen wie unheimlich aufgeladene Fotografien. Zu sehen, ein abgedunkelter Raum, in dem der Fernseher Weiß gleißt. Ein anderes Bild „ohne Titel“ könnte die Nachtaufnahme des BASF-Geländes darstellen, aufgelöst in Lichtpixel in der Ebene des Rheins. Oder digitales Rauschen. Der Künstler stütze sich auf einen Pool von Metabildern in seinem Gedächtnis, heißt es dazu, gespeist durch Filme, Fotografien und Popkultur. Und so stand man dann plötzlich einigermaßen überrascht vor den Werken der Förderpreisträgerin Catherine Biocca. „Industry Marker auf Wachstuch“ war zur Machart angegeben. Im Jurytext stand: „In ihren Bildern und Installationen untersucht sie die Beziehung zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, zwischen Bildträgern und Oberflächen, Skulptur und Grafik und ihren verschiedenen malerischen Ausdrucksformen.“ Jurypräsident Kohrs hatte ihn offensichtlich nicht redigiert. Zu sehen war zum Beispiel die Comic-hafte Überzeichnung einer Orange (?) mit Bedeutungsüberschuss. Weiter ging der Rezensent ins Untergeschoss zu den sieben Finalisten des Hauptpreiswettbewerbs, um sich bei den „Überwindungsübungen“ des Künstlerduos Wermke/Leinkauf davon zu erholen. Ein Werk der Stunde. Gleichmäßig tackerten die Projektoren im Saal. Die Dias zeigen, wie die beiden Künstler über Zäune klettern, über Mauern bergsteigen, riesige Betonwände mit einer Leiter anzugehen versuchen, also über Grenzen sich hinwegträumen. Wohin? Vor den intellektuell sinnlichen Bildern der – zurecht - Hauptpreisträgerin Sabrina Fritsch, 2015 schon mit dem art-cologne-Preis geehrt, blieb man dann schlussendlich stehen. Angekommen. Vor allem vor zwei Riesenformaten. Titel „Eve“, und „Zoa“, beide 2016, Öl, Acryl auf Jute (!). Eins ganz in Schwarztönen, das andere tendiert zu Beige und trägt hellorangefarbene Liniaturen. Reliefs eigentlich, direkt aus der Tube gedrückt, wie am Rand zu erfahren war. Sehen aus wie Stuckornamente. Wer näher ranggeht, spürt, wie sie als Begrenzung fungieren. Auf dem hellen Bild als Dächer von Rechtecken, die aus der unterschiedlichen Struktur des Bildträgers entstehen. Manchmal laufen sie auch nur kurz mit. Auf dem schwarzen Bild sind die schwarzen Acrylreliefs eher unregelmäßiger verteilt. Wirkt wie Archäologie. Ist ein Spiel von Kräfteverhältnissen. Oder Poesie? Sabrina Fritsch sagt im Begleittext: „Mich interessiert das Bild als Gegenüber“. Aber sehen Sie selbst, null Gefahr. Die Ausstellung Purrmann-Preis-Wettbewerbsschau , bis 12. März in der Städtischen Galerie in Speyer. Donnerstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr