Kaiserslautern
Kultkabarettisten Die Untiere über ihren nächsten Streich
Wir schreiben das Jahr 2006. München erlebt seinen ersten „Aschermittwoch der Kabarettisten“ in der Philharmonie am Gasteig. Durch den Abend mit Lisa Fitz, Richard Rogler und anderen Größen führt der bayerische Kabarettist Christian Springer alias Fonsi, bereits im Jahr darauf ist das Spektakel im Bayerischen Fernsehen zu sehen.
Zeitgleich, also 2006, organisieren das Pantheon-Theater Bonn und Arnulf Ratings Maulhelden-Büro den ersten öffentlichen Politischen Aschermittwoch in der Arena Berlin, aufgezeichnet vom WDR für sein Hörfunkprogramm. Niemand Geringeres als Kabarett-Legende Dieter Hildebrandt gibt sich dabei die Ehre, außerdem mit im Boot: Georg Schramm, Arnulf Rating, Hagen Rether und Volker Pispers. Kein Wunder, dass sich die solchermaßen prominent besetzten und als Pendant zum Politischen Aschermittwoch erdachten Veranstaltungen zum Dauerbrenner an verschiedenen Orten entwickeln.
Ein ambitioniertes Vorhaben
Auch Kaiserslautern mischt schon recht früh mit im Konzert der satirischen Spitzen zum Fastnachtsende. Federführend sind dabei – wen wundert’s – die heimischen Kabarettisten der Untiere. 2010 gestalten sie mit Gästen ihren ersten Aschermittwoch im Kulturzentrum Kammgarn. Seitdem sind sie jährlich – mit einer pandemiebedingten Ausnahme – zum Fastnachtsende am Start.
Die 14. Ausgabe ihres Kabarettistischen Aschermittwochs steht nun in ihrer aktuellen Spielstätte, dem SWR-Studio, an. Und wieder haben sich Marschall & Co. ein spannendes Programm vorgenommen, von kommunal bis national durch die Politebenen, aber auch durch die gesamte Geschichte der Bundesrepublik. Ein ambitioniertes Vorhaben.
Du bist ein Geschenk
Wer die Untiere kennt, der weiß, dass sie in ziemlich alle Richtungen austeilen (können). „Es gibt keine Partei mehr, für die ich meine Hand ins Feuer legen würde“, bekennt das Ex-SPD-Mitglied Marschall. Sonder- oder Schonbehandlungen, wie im traditionell linksorientierten Kabarett nicht selten anzutreffen, gibt es bei ihnen also eher nicht. Folglich knöpfen sie sich auch auf kommunaler Ebene gerne mal die sozialdemokratische „Elite“ vor. Und wie ehedem Klaus Weichel liefert nun die noch recht neue Oberbürgermeisterin Beate Kimmel den ein oder anderen Ansatz, wie Wolfgang Marschall im Gespräch augenzwinkernd verrät.
So habe das von den Untieren gerne auch mal als „O-Böse“ bezeichnete Stadtoberhaupt in seiner Neujahrsansprache betont, dass die Stadt neben einer kritischen Begleitung auch ihre Liebhaber und Liebhaberinnen brauche, also jemanden, der die Westpfalzmetropole wertschätze und dies auch zum Ausdruck bringe. Mit seiner (Bühnen-)Partnerin Marina Tamassy habe er sich daraufhin gefragt, wie sie diese Rolle wohl ausfüllen könnten und konkret: „Was können wir unserer Stadt schenken?“ Dass die Antwort darauf nur satirisch ausfallen kann, liegt auf der Hand. Und so feilen die Untiere derzeit an einer „bombastisch überhöhten Hymne an die Stadt“ in Form einer umgetexteten Version der „Schicksalsmelodie“ (aus dem Film „Love Story“), die bei ihnen zur „K-Town-Melodie“ wird. Sicherlich ein klangvolles Geschenk an die Stadt.
K wie Kultur
Feuer und Flamme sind die Kabarettisten daneben für die neuen Pläne der Einkaufsmall, in die nun über Ateliers und Theateraufführungen die Kultur einziehen soll. „Wir haben schon vor langer Zeit gefordert, dass das K in ,K in Lautern’ für Kultur und nicht für Konsum stehen soll“, erinnert sich Marschall an jene satirischen Spitzen, mit denen die Untiere seinerzeit den Bau und in diesem Fall auch die Namensgebung der Mall begleiteten. Manchmal sei es eben kurioserweise so, dass satirisch überspitzte Themen zur Realität würden.
Weniger Realsatire als traurige Realität ist für den Kabarettisten das Thema Waffenlieferungen. „Dass wir jetzt auch den Saudis Waffen liefern – ich fürchte, wir haben da die Büchse der Pandora geöffnet“, findet er deutliche Worte für den Bundestagsbeschluss, der ebenfalls zum Thema des Kabarettistischen Aschermittwochs werden soll. Überhaupt, die Bundespolitik: Einen Abriss der Geschichte nach 1945 hat sich Marina Tamassy in ihrer Rolle als Mannemer „Aus-Wut-mach-Mut“-Aktivistin Berta vorgenommen. „Von Adenauer bis AfD“ reiche ihr gesungener Parforceritt durch bundesrepublikanische Lebenswelten zur Musik von Billy Joels „We Didn’t Start The Fire“.
„Gepflegte Bosheiten“
Damit nicht genug, haben sich die Untiere auch diesmal wieder Verstärkung mitgebracht. Neben dem dritten Untier im Bunde, dem Musikus Willi Haselbeck, und dem Lauterer Saxophonisten Helmut Engelhardt mischt Sarah Hakenberg als Gast beim Kabarettistischen Aschermittwoch mit. Die gebürtige Kölnerin, die in Oberbayern aufwuchs, begann bereits während ihres Studiums der Theaterwissenschaft, Literatur und Philosophie (Abschluss 2005) eigene Geschichten zu schreiben und bei Poetry-Slams vorzutragen.
Dabei begleitet sich die 45-Jährige, die schon als Kind Musikunterricht bekam, selbst – vor allem auf dem Klavier. Neben skurril-komischen Beziehungsgeschichten, mit denen Hakenberg ein größeres Publikum auf sich aufmerksam machte, behandelt sie in ihren Nummern gesellschaftliche Themen wie Klimaschutz, Gleichberechtigung und Rechtsextremismus. Vom SUV-Fahrer über den Schalke-Fan bis zum Kinderfest der NPD erstreckt sich dabei ihr Spott in Noten und Worten.
Angekommen ist die Kabarettistin und Liedermacherin damit inzwischen auf bedeutenden Bühnen wie der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Und der Deutschlandfunk bescheinigte ihr in einer einstündigen Porträtsendung das „Feiern gepflegter Bosheiten“ – man darf also gespannt sein.
Info
Kabarettistischer Aschermittwoch der Untiere am 14. Februar, 20 Uhr, im SWR-Studio; Karten in Kaiserslautern bei Thalia, im Netz über www.die-untiere.de und bei eventim.