Kaiserslautern
Keine Randale, kaum Kiffer? So lief die Lautrer Oktoberkerwe
Der letzte Tag, und was für einer. Noch einmal flutet die Herbstsonne den Messeplatz mit goldenem Licht, 19 Grad, heiter, kaum wolkig. Gut, man konnte sich fast daran gewöhnen – ganz anders als 2023, da hatte es ja wie aus Kübeln gegossen über der Stadt. An neun von elf Kerwetagen. Richtiges Sch***wetter, wie der Volksmund das nennt. „Für uns war es grausam“, erinnert sich Susanne Henn-Marker heute, die Vorsitzende des Schaustellerverbands Barbarossa Pfalz-Saar. Aber jetzt? „Sobald sich der Morgennebel verzogen hat, hatten wir einige Sonnenstunden.“ Und Besucher, na klar. Auch deshalb kann Henn-Marker von einer „positiven Bilanz der Kollegen“ sprechen, doch dazu gleich mehr. Über dem Kerweplatz hängen schon am frühen Montagnachmittag die Schaschlik-Duftschwaden, erste Biere schäumen auf der Theke. Und im Kinderkarussell dreht sich zwar noch keine Gondel, aus den Boxen aber trällert Tim Toupet eine Zeile, die wie geschrieben ist für diesen Wochenstart: „Heut’ ist so ein schöner Tag.“ La-la-la-la-la.
Bei Taschenkontrolle ein paar Gramm Gras gefunden
Am Abend endet hier, zwischen Boxautos, Schaumküssen und Jahrmarktlichtern, die Oktoberkerwe 2024. 21 Uhr, ein Krachen in der Nacht, buntes Glitzer-Prasseln – das große Abschlussfeuerwerk über dem Kaiserslauterer Osten. Dann war’s das wieder bis Mai.
Was also bleibt in diesem Jahr vom größten Volksfest der Westpfalz?
Beginnen wir mit dem eher unangenehmen Part, den Zahlen zu Recht und Ordnung. Knapp 160.000 Menschen feierten ab dem 18. Oktober die Lautrer Kerwe – und ja, aus Sicht von Stadt und Polizei hätte sie kaum entspannter laufen können. Nur einen „nennenswerten Vorfall“ zählt etwa das Ordnungsamt: den unerlaubten Besitz von Cannabis. Als die Vollzugsbeamten die Tasche einer 16-Jährigen durchsuchten, spürten sie „eine geringe Menge“ der Droge auf. Wenige Gramm, nichts Wildes. Ob gegen die junge Dame überhaupt ein Bußgeldverfahren angestoßen wird, werde zurzeit geprüft, teilt die Rathaus-Pressestelle am Dienstag mit. Auf dem Festgelände sei ansonsten nur „sehr sporadisch“ Gras zu riechen gewesen, heißt es – deutlich weniger als sonst. Dass die Stadt im Voraus durch eine Allgemeinverfügung das Kiffen verboten hatte, schien also abzuschrecken. Die Zahlen stützen den Eindruck: Gegenüber der Maikerwe, als der Konsum nicht per Paragraf, aber de facto illegal war, notiert die Verwaltung einen Rückgang an Cannabis-Verstößen. Mit zeitweise zehn Leuten patrouillierte das Amt auf dem Areal. Zum Teil in Zivil.
Ähnlich die Bilanz des Polizeipräsidiums Westpfalz. Über 100 Besucher kontrollierten die Beamten, davon 53 Kinder und Jugendliche – letztlich nahm die Behörde jedoch nur „niedrige sieben Straftaten“ auf, schreibt sie auf RHEINPFALZ-Nachfrage. Im Mai waren es elf, bei rund 175.000 Gästen. Neben fünf mutmaßlichen Körperverletzungen ermittelt die Polizei nun wegen einer Sachbeschädigung und eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Keine Spur von Waffen, Diebstahl oder Sittlichkeitsdelikten. Merkte man übrigens gerade an der Anzahl von Pressemitteilungen: Bloß eine Kerwe-Meldung verschickte das Lautrer Präsidium im Laufe der elf Festtage – nachdem zwei 14- und 15-jährige Mädchen eine Zwölfjährige verprügelt hatten.
Weniger Reibereien nach Abschaffung des Festzelts
Dass es ruhig ablief, „recht friedlich“ sogar, das sagt auch Susanne Henn-Marker an diesem Montag. Peinliche Randale, Schlägereien oder andere Ausfälligkeiten hätten sie und ihre Beschickerkollegen nicht beobachtet, erklärt sie. Alles gesittet also – wie in den jüngeren Jahren, im Großen und Ganzen. „Seitdem das Festzelt abgeschafft wurde, kommt es zu weniger Reibereien“, sagt Henn-Marker. „Dort wurde halt ein bisschen mehr über den Durst getrunken.“ Und die Ur-Lautrerin weiß, wovon sie spricht, so lange ist sie im Geschäft: 1988 übernahm sie den Süßwarenstand einer Schausteller-Dynastie, in der schon ihre Großmutter die Mandeln von Hand gebrannt hatte – 2010 folgte dann der Vorsitz des Barbarossa-Verbands.
Kaiserslautern, die Stadt der zwei Kerwen. Im Mai und Oktober locken die Düfte und Attraktionen auf den Rummel, Zehntausende strömen auf den Messeplatz, das macht das Volksfest ja so besonders. Regelmäßig fahren 145 bis 150 Beschicker auf – die Zahl schwanke, sagt Henn-Marker. Wobei, im Herbst seien es naturgemäß „ein paar weniger“. „Für manche Kollegen gibt es in dieser Jahreszeit attraktivere Feste als die Lautrer Kerwe. Als Schausteller denkt man kaufmännisch“, erzählt sie.
Wenn der FCK spielt, das „macht uns zu schaffen“
Und das gerade gehörte Gerücht, dass immer weniger ihre Stände hier aufbauen, dass Lücken kaschiert werden? Können weder Stadt noch Verband bestätigen. Mit einer ganz anderen Sache müsse man sich hingegen abfinden: dem seit einigen Jahren leidenden Umsatz – aus Gründen. Samstagabend, Flutlichtpartien auf dem Betzenberg etwa. „Uns macht das zu schaffen“, sagt Susanne Henn-Marker. „Da kommt niemand vor und niemand nach dem Spiel.“ Auf dem Messeplatz also: kein dichtes Gedränge, zur besten Wochenendzeit. Aber gut, der FCK gehöre zur DNA der Stadt, weiß Henn-Marker. Machste nix. Im Mai bereits hatten die Beschicker das schmerzlich erfahren müssen – als die Roten Teufel zum DFB-Pokalfinale nach Berlin reisten, tags drauf dann auf dem Stiftsplatz empfangen wurden. Andererseits ein Grund für die Lücken in den Budenkassen: das liebe Geld. „Die Leute haben weniger, und auch wir müssen die Preise anpassen“, sagt Henn-Marker. „Das merkt man in ganz Deutschland.“ Nur in Kaiserslautern, da halt besonders. Es ist kein Geheimnis, dass ein Besuch für so viele Bürger dieser Stadt, für so viele Familien zum finanziellen Kraftakt wird.
„Umso wichtiger ist es, dass jeder ein Kerwevergnügen erleben kann, ohne einen Euro auszugeben“, meint Susanne Henn-Marker. Über den Messeplatz spazieren, vorbei an Schießständen und vernebelten Gruselkabinetten, den Bratwurst- und Pommesgeruch aufsaugen, Kumpels treffen. Eine kurze Auszeit. Mit der Resonanz in diesem Jahr sei sie zufrieden, meint die Sprecherin der Schausteller – „die Kerwe ist gewollt und für einen Lautrer ein Muss“, betont sie.
Wie gut, dass 2024, nach verregneten Monaten, das Wetter mitspielte.