Kaiserslautern Kein Lebenssaft

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In seinem Stück „Kollaps“, das am Sonntag in Wiesbaden uraufgeführt wurde, verhandelt Philipp Löhle ein großes Thema mit sarkastischem Understatement. Inszeniert hat Erfolgsregisseur Jan Philipp Gloger.

Löhle und Gloger, der 36-jährige Autor und der 33-jährige Regisseur, arbeiteten schon häufiger zusammen, zuletzt am Mainzer Staatstheater. Inzwischen haben in Mainz wie Wiesbaden die Intendanten gewechselt, weshalb das Erfolgsteam nun auf die andere Rheinseite gegangen ist. Was soll da schon schief gehen: Löhle ist einer der gefragtesten Autoren und Gloger ein überaus stilsicherer, dem Text zugeneigter Regisseur, der auch schwierige Vorlagen souverän umzusetzen weiß. Zuletzt bewiesen hat er das mit Elfriede Jelineks „Schatten (Eurydike sagt)“ in Karlsruhe. Philipp Löhle nun aber legt einen schwachen Text vor. „Kollaps“ ist ein Auftragswerk, in dem er einmal mehr ein anspruchsvolles Thema mit boulevardesker Leichtigkeit verhandelt. Man hat aber den Eindruck, dass er die Sache zu leicht genommen hat. Der Text tut so, als ginge es um den Supergau: Das Internet fällt aus, dann bleibt der Strom weg, es gibt kein Wasser mehr, und in der Luft soll Gift gemessen worden sein. Wir sind in einem Weltuntergangs-Szenario à la Roland Emmerich. Am Ende ist aber alles heiße Luft. Die Apokalypse bleibt aus. En detail funktioniert das so: Sophie und Marco haben zwei Kinder und sich anscheinend noch lieb. Doch Sophie hat was mit Ronny. Der hat ein Badezimmerarmaturen-Unternehmen geerbt und lernt Verena kennen, die in Indien ein Start-Up mit auf die Beine stellte. Am Ende stellt sich auch hier heraus: Ist doch nicht so. Verena weiß bislang nur, sich selbst zu vermarkten. Bliebe noch Sven, ein Industriemechaniker, den Marco, der bei der Arbeitsagentur arbeitet, als Wachmann in Ronnies Firma vermittelt. Sven will aber nicht, und dann kommt ja sowieso dieser Kollaps. Philipp Löhle wartet mit Figuren auf, die in mittelständischer Bedeutungslosigkeit versumpfen. Den Katastrophenphobikern fehlt alles, was Hollywood Akteuren solcher Untergangsszenarien mit auf den Weg gibt. Der Hormonkick zum Beispiel, der zur Folge hat, dass jeder zumindest das eigene Fleisch und Blut retten will. Kann ja nicht anders sein, könnte man sagen, schließlich geht es Löhle offenkundig um eine Katastrophen-Travestie. Dumm nur, dass seinem Text auch Lebenssaft fehlt. Die Figuren dialogisieren vor sich hin, als sei Wochenende und man habe lediglich vergessen, den Kühlschrank aufzufüllen. Sophie und Marco sperren ihre Kinder während des vermeintlichen Weltuntergangs einfach ein und kümmern sich vornehmlich um sich selbst. Nach dem Wiedereintritt ins „normale“ Leben parlieren sie das lässig weg. Löhle wollte wohl das Ungeheuerliche in der biederen Normalität aufspüren, liefert aber nur Klischees. Wir sehen Schauspieler (Judith Bohle, Barbara Dussler, Stefan Graf, Janning Kahnert und Toomas Täht), die ihr Bestes geben, aber einen besser gewürzten Text verdient hätten. Im Vergleich zu manch verkrampftem Versuch anderer Autoren und Regisseure ist das natürlich ein immer noch unterhaltsamer Theaterabend. Das Team Löhle/Gloger hat die Messlatte aber selbst höher gelegt: zum Beispiel vor zwei Jahren mit einem Stück, das wie ein Essay zur Wahrscheinlichkeitsrechnung wirkte: „Nullen und Einsen“, in Mainz uraufgeführt.

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