Kaiserslautern Karlsruher Kunsthalle: Dichter dran

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Bildschön, wie die alte Dame da sitzt. Auf einem Sessel. Versunken. Kopfhörer auf. Vor Aert van der Neers „Schlittschuhläufern auf dem Kanal“, einem Gemälde, um 1650. Ganz Auge. Im Ohr einen Text des Schweizer Bestsellerautors Alex Capus. Die Kunsthalle Karlsruhe hat 53 Autoren, Literaten, Lyriker, Philosophen, Naturforscher, Kunst- und Sprachwissenschaftler gebeten, Texte über Landschaften aus dem Kunsthallenbestand zu schreiben. Für den Audioführer sind sie eingelesen worden. Herausgekommen ist die Schau „Unter freiem Himmel“, ein multimediales Ereignis. Es lässt die Zeit stiller stehen.

Max Slevogt, unser eingemeindeter Pfälzer Malerheld aus Landshut, der 1932 in Leinsweiler fast 64-jährig starb, meinte einmal: Das Auge „ist ein Sieb, das beim Sehen eine ganze Contrebande anderer Dinge mit durchlässt“. Es sehe voller Einbildung, voll Musik, Rhythmus und Trunkenheit. Angelika Krebs jedenfalls, eine Philosophieprofessorin, die in Basel und Princeton lehrt, hebt ab vor Slevogts Gemälde „Pfälzische Landschaft“ aus dem Jahr 1921. Wildbewegter Wald in erdigem Hellrot, Blassblau, Goldgelbgrün vor allem. Im Hintergrund wohl der Berg mit der Madenburg. „Wir segeln!“, textet Angelika Krebs , „(wir sind) eingegangen in die Landschaft, ein Teil geworden von ihr“. Und weiter: „Das Bild hat unseren Blick, unser Gefühl, unser Verständnis für den Pfälzerwald verwandelt.“ Starker Tobak. Um ihren Ergriffenheits-Text (Sprecher des Audioführers: Doris Wolters, Frank Arnold, Sebastian Mirow) zu schreiben, hat sie vorher die Gegend um das Hofgut Neukastel durchwandert. Um den weißen Turm herum. Auf Spurensuche nach dem Entstehungsort des Gemäldes – und vergeblich. Angekommen aber irgendwie doch. Es ist nicht das erste Mal, dass man sich in der von der gebürtigen Ludwigshafenerin Pia Müller-Tamm geleiteten Kunsthalle in Karlsruhe so ins Offene bewegt und Bildwerke via Text- und achtstündigem Hörbuch ins Mehrdimensionale erweitert. Also für eine Ausstellung statt ausschließlich kunsthistorische Expertisen auch fachfremde Exegesen ordert, die die Besucher dann lesend oder akustisch mit ihrer eigenen Wahrnehmung abgleichen können. Die Himmelschau ist eine Seriengroßtat. Teil eins lief vor vier Jahren. Damals wurden unter dem Titel „Unter vier Augen“ die gewohnten Text-Bild-Relationen von Porträts entfesselt. Wie heute hieß die Kuratorin Kirsten Voigt. Zu sehen sind in ihrer neuen Schau Werke aus 600 Jahren. Angefangen von „Besuch des Jesusknaben bei Johannes in der Wüste“, 1410/20, ein Werk des Oberrheinischen Meisters, bei dem die Landschaft lediglich Beiwerk der biblischen Darstellung ist. Bis zu Daniel Roths an eine Konstruktionszeichnung erinnerndes Werk „Landscape echoes“, das eine Bergkette schwebend zwischen einem Gestell aus Rohrleitungen zeigt. 61 Arbeiten sind ausgestellt, von Joachim Partinir etwa, Jacob van Ruisdeal, Claude Lorrain, Camille Pissarro oder Paul Cezanne. Acht Werke darunter sind unbedichtet geblieben. Zur völlig freien Verfügung. Für alle übrigen gibt es Vorlagen. Steilpässe sogar. Gedichte, Essays oder Kurzgeschichten von Anita Albus, Nora Bossong, Friedrich Christian Delius, Cornelia Funke, Peter Härtling, Friederike Mayröcker. Von der Feministin Marlene Streeruwitz. Oder auch dem Frankfurter Professor für Ökologie und Evolution, Bruno Streit. Wer will, kann die Schau, die das Vorstellungsvermögen anfeuert, auch als Kunstgeschichte des Landschaftsbildes lesen. Wie sich die Gattung aus dem Hintergrund biblischer Darstellungen schiebt und zum Szenario eines Seelenlebens wie bei Caspar David Friedrich und Experimentierfeld der Moderne wie bei Jawlensky mutiert. Mit einer Einschränkung, die Autoren bevorzugen Bilder, die „die Augen aufschlagen“, wie der Kunsthistoriker Frank Fehrenbach in seiner Betrachtung von Cranachs „Ruhender Quellnymphe“ schreibt. Ein erotisch aufgeladenes Gemälde, die Nymphe, ist „Playboy“-mäßig drapiert. „Freie Liebe“ betitelt Fehrenbach seinen dazugehörigen Essay. Er, Cranach, doziert Fehrenbach das Dargestellte kühl, würde mit dem Bild für eine Dimension landschaftlicher Erfahrung plädieren, „die starke, synästhetische Gefühle der Sympathie, der Resonanz, der Affirmation zwischen Mensch und Natur umfasst“. Linus Reichlin geht hitziger an die Sache heran. „Wäre ich nicht in Alice Springs gewesen, ich hätte dieses Gemälde nicht verstanden“, meint der Schweizer Krimi- und Wissenschaftsautor zu Christian Wilhelm Ernst Dietrichs dramatisch glühender „Nächtlicher Landschaft mit brennender Stadt“, also zu einem Werk eines 1712 in Weimar geborenen Malers. Der vorhin schon erwähnte Alex Capus möchte angesichts Aert von der Neers Schlittschuh-Bild selbst auf Kufen „dem Licht des großen Himmels“ entgegenfliegen, sogar. Die sanftmütige Dichterin Ilma Rakusa, empfindet den „Sog“ von Caspar David Friedrichs Bild „Kirchenpforte“ (1822) als so stark, „dass er eine fast metaphysische Wirkung entfaltet“. Im Vordergrund Dämmer, Grasboden in sanftem Braun. Ein Steinweg ansteigend. Die Kirchhofpforte steht wuchtig. Auf die Kirche dahinter fällt helles Licht. Der Blick wandert hoch, folgt den Steinplatten, Stufen, im lichten Raum hinter der Pforte, am Endpunkt: zwei schwarze Kreuze, unbedrohlich. „Bitte“, heißt es bei Rakusa flehentlich, „lasst mich eintreten, das Außen gegen das Innen eintauschen, die wilde Natur gegen die Geborgenheit. So kommt meine Reise vielleicht an ein glückliches Ende.“ Von „affektiver Resonanz“, den die Landschaftsgemälde auslösten, spricht Kuratorin Kirsten Voigt anhand solcher Empfindungen. Vom „Wallungswert der Bilder für unsere Seelenlagen“ Hermann Kinder. Brigitte Kronauer meint in ihrem sehr klugen Text über Aelbert Cuyps 1650 gemalte „Flusslandschaft mit melkender Frau“: „Malerei, die uns wirklich berührt, stellt Landschaft so dar, dass sie dem Betrachter eine Veranschaulichung seines eigenen, individuellen Seelenzustands bietet.“ Die Büchnerpreisträgerin schwärmt regelrecht von den dargestellten Kühen auf dem Bild. „Monumente der Sanftmut, Denkmäler der Geduld, Inbilder in sich ruhender Einfalt und unausrottbarer Weisheit“, nennt Kronauer sie. Das Ganze „eine beschauliche Demonstration des passablen Zusammenlebens von Mensch und faunischer Kreatur.“ Dabei ist der Horizont der Frau darauf doch der weitaus engste. Eigentlich reicht er bis zum Euter, was ihr aber offensichtlich genügt. Natürlich liest und hört und beschaut man das auf der Folie der Gegenwart. Das Frauenbild und die für Milchquoten viel zu kleinen Euter. Ein unbefangener Blick, lehrt die Karlsruher Schau: heutzutage unmöglich. Selbst Slevogt, oft als Maler romantischer Schinken missverstanden, wird darin als Umweltschützer aufgerufen, der einst mit einem Gemälde gegen den brutalen Holschlag im Bienwald bei Kandel aufbegehrte. Die stärkste Idyllenskepsis indes zeigt vielleicht der Text des österreichischen Autors Arno Geiger, immerhin Deutscher Buchpreisträger. Ihm, der als Bauernbub aufgewachsen ist, fallen zu Wilhelm Trübners wunderbar aufgeräumter „Landschaft bei Kloster Seeon mit Telegraphenstange“ (1891) schließlich eher Dreck und Ungeziefer und Kreuzschmerzen ein. „Wer weiß schon“, schreibt er geplagt, „dass ein gesunder, hochstämmiger Birnbaum bis zu tausend Kilo Birnen tragen kann und was das für den Rücken bedeutet?“ Die Ausstellung „Unter freiem Himmel. Landschaft sehen, lesen, hören“; bis 27. August in der Karlsruher Kunsthalle. www.kunsthalle-karlsruhe.de

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