Kaiserslautern
Kaiserslautern: Kabarettist Alfons im Interview
Interview: Der Kabarettist Emmanuel Peterfalvi alias Alfons hat am 28. Oktober in München den Bayerischen Kabarettpreis erhalten. Scharfzüngig seziert er in seiner orangefarbenen Trainingsjacke und mit überdimensioniertem Puschelmikrofon bewaffnet den deutsch-französischen Alltag. Am Donnerstag, 14. November, 20 Uhr, gastiert Alfons mit seinem Programm „Le best of“ im Cotton Club der Kammgarn. Walter Falk unterhielt sich mit dem „Kulturreporter in Diensten des deutschen Fernsehens“.
Monsieur Peterfalvi, was erwartet die Besucher in Ihrem Programm „Le best of“?
„Le best of“ ist Französisch und heißt auf Deutsch: „Greatest Hits“. Ich zeige den Zuschauern nicht nur meine schönsten Umfragen und Reportagen, sondern erzähle ihnen auch meine Lieblingsgeschichten, die ich immer wieder gerne präsentiere. Aber es wird auch viel Neues dabei sein, was die Leute noch nicht kennen.
Sie sezieren ja in Ihrem Bühnenprogramm messerscharf die allgemeine Nachrichtenlage. Gehen Sie dabei auch auf den Anschlag auf die Synagoge in Halle, auf die Diskussionen um den Brexit oder auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump ein?
Die verrückten Zeiten, in denen wir leben, sind immer Thema, wenn ich auf die Bühne gehe. An Trump kommt man nur schwer vorbei, aber ich verspreche, ich werde versuchen, Ihnen einen Trump-freien Abend zu präsentieren. Klar, Brexit ist auch ein Thema – der größte Fehler, den die Engländer jemals begangen haben, seitdem sie das erste Mal Pfefferminz-Sauce über einen Braten gekippt haben. So schreckliche Ereignisse wie Halle spreche ich auch mal an, wenn sie gerade passiert sind. Hoffen wir, dass ich das in Zukunft nicht mehr tun muss. „Le best of“ ist aber vor allem ein Programm zum Lachen, das aber auch das Herz und den Verstand anspricht.
Unsere Bundesrepublik Deutschland ist ja auch nicht ohne. Finden Sie, dass viele Abgeordnete der AfD sich als geistige Brandstifter geben? Nach dem Prinzip der Gedanke ergibt das Wort und aus dem Wort wird die Tat.
Das klingt nach einem Fall für einen Verhaltensforscher – ich bin nur ein französischer Reporter, der froh ist, wenn er den Reißverschluss an seiner Trainingsjacke zu bekommt. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass, wenn jemand immer und immer wieder schlimme Dinge wiederholt, die irrationale Ängste schüren oder den Anschein erwecken, es wäre okay, immer aggressiver zu werden und die Rechte von anderen Menschen zu missachten, dass dann ein Gewöhnungseffekt einsetzt, dass Dinge normal scheinen, die nicht normal sind. Wie eben Fremdenhass oder Diskriminierung. Sachlich mit Leuten zu reden, die extreme Ansichten vertreten, wird einem in diesen verrückten Zeiten immer schwerer gemacht. Und da denke ich, vielleicht kann man mit Humor und Satire, mit Geschichten für Herz und Verstand einen Gegenpol schaffen.
Sie widmen sich ja den kleinen Fundstücken aus dem bundesdeutschen Alltagswahnsinn. Können Sie uns ein paar Beispiele nennen?
Wo fange ich da an? Es gibt viele Beispiele. Zum Beispiel Frankreich ist Weltmeister im Streiken. In Frankreich fängt man erstmal an zu streiken – ein Grund findet sich schon. Der Deutsche möchte auch gerne streiken. Aber er muss arbeiten. Deshalb hat der Deutsche den Warnstreik erfunden. Er streikt eine Stunde. Muss dann aber aufhören, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Und dann schneller arbeiten, weil er ja die eine Stunde aufholen muss. In meinem Programm geht es um viele solcher Dinge, aber nicht nur. Es ist aber genau das Richtige für Leute, die schon immer mal sehen wollten, wie die Deutsche Bahn einen Workshop zur Bedienung ihrer Fahrkartenautomaten gibt oder wie ein Gottesdienst für Hunde in Deutschland aussieht.
Sie beobachten die Deutschen wie Ihre eigenen Landsleute wie durch ein Brennglas, aber mit viel Liebe und Herzblut. Was ist Ihnen am Verhalten der Deutschen „in freier Wildbahn“ aufgefallen?
Zum Beispiel rote Ampeln. In Frankreich, eine rote Ampel ist ein Vorschlag. In Deutschland, eine rote Ampel ist eine Vorschrift – man bleibt als Fußgänger stehen. Auch im strömenden Regen. Auch wenn die Straße, die zur roten Ampel gehört, noch gar nicht gebaut ist. Das würde in Frankreich niemand machen.
Jetzt leben Sie ja schon seit über 25 Jahren in Deutschland und Sie sind noch „deutscherer“ geworden. Was ist der Grund, dass Sie es so lange hier ausgehalten haben? Haben Sie jetzt die Deutschen verstanden?
Ich hab meinen Freunden in Frankreich gesagt, ich bleib solange in Deutschland, bis ich die Deutschen verstanden habe. Ich bin immer noch da. Ich mag die Deutschen einfach. Sie sind ein herzliches Volk, von dem man viel lernen kann – Pünktlichkeit, Ingenieurwesen, Haftpflichtversicherung. Und Deutschland hat aus seiner Vergangenheit gelernt. Deutschland hat alles abgeschafft, was nicht gut war: Nazis – abgeschafft. DDR – abgeschafft. Modern Talking – abgeschafft.
Stimmt es, dass Sie die französische Staatsbürgerschaft sicherheitshalber behalten haben?
Ich hatte kein Bedürfnis nach einem persönlichen Frexit. Aber ich hatte Lust, auch Deutscher zu sein. Man darf nicht vergessen, die deutsch-französische Freundschaft, das war der Grundstein für die EU und mehr als 70 Jahre Frieden in Europa. Das ist etwas, was mir sehr am Herzen liegt. Und was symbolisiert diese Freundschaft besser als eine doppelte Staatsbürgerschaft? Deutsch und Französisch. Curry-Wurst und Froschschenkel. Haftpflichtversicherung und Generalstreik.
Gerade in der Pfalz gibt es viele Frankophile. Sie reisen gerne nach Frankreich. Welche Erklärung haben Sie für Frankreichs Beliebtheit?
Zum einen: Frankreich wird nicht von Trump regiert – das ist ein großes Plus. Zum anderen: Frankreich hat so viel zu bieten, selbst die Chinesen haben es nicht geschafft, es zu kopieren und günstige Imitate davon auf den Markt zu werfen. Dass Frankreich guten Wein, schöne Landschaften und tolles Essen zu bieten hat, das weiß man ja inzwischen. Aber das hat die Pfalz auch zu bieten. Ich denke, Frankreich bietet aber auch eine andere Lebenseinstellung. Nehmen Sie nur die roten Ampeln. Oder den ersten Kratzer an einem neuen Auto: Der Deutsche geht gleich damit in die Werkstatt. Der Franzose, beim ersten Kratzer, er feiert eine Einweihungsparty! Ich glaube, dieser etwas entspanntere Lebensstil hat auch seinen Anteil an der Beliebtheit Frankreichs.
Haben sich die Deutschen und die Franzosen im Laufe der 25 Jahre verändert?
Vieles hat sich verändert. Ich hab sogar einen Franzosen kennengelernt, der ist mal pünktlich zu einem Termin gekommen. Der war in Frankreich wochenlang in den Schlagzeilen. Inzwischen ist er in Behandlung. Aber mal Scherz beiseite. Ich glaube, Deutsche und Franzosen haben sich zusammen verändert. Es ist kein Zufall, dass Deutschland und Frankreich in der EU den Ton angeben. Die haben kapiert, dass man in einer globalen Gesellschaft zusammenhalten muss. Die Deutschen lernen von den Franzosen und die Franzosen von den Deutschen. Das find ich toll. Das war nicht immer so. Inzwischen Deutschland und Frankreich machen sogar Forschungsprojekte zusammen. Die haben zusammen einen Satelliten gebaut – und der hat funktioniert! Der ist auf einem 300 Millionen Kilometer entfernten Asteroiden gelandet und hat stundenlang Fotos gesendet. Dann war der Akku alle. Da hat wohl jemand vergessen, das Landekabel einzupacken. Im deutsch-französischen Team. Ich hab eine Vermutung, wer das war ....
Sie haben gerade den Bayerischen Kabarettpreis verliehen bekommen. Wie groß war Ihre Freude darüber, jetzt zu den „Besten der Besten“ zu gehören, wie es in der Begründung hieß?
Sehr groß. Eine große Ehre. Und für mich auch ein Zeichen der Hoffnung für Europa: Wenn ein Franzose, der in Hamburg lebt, in Bayern einen Preis bekommt, dann ist alles möglich.
Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg als Kunstfigur Alfons?
Ich glaube, Alfons ist nicht nur ein Teil von mir, er ist auch ein Teil von jedem von uns. Ein Kind, das vergessen hat, erwachsen zu werden. Jemand, der ganz naiv und unschuldig auf die Welt guckt, der aber von einem tiefen Gerechtigkeitssinn angetrieben wird und gerne mal fragt, ist das eigentlich fair, was da gerade in der Welt passiert? Aber Alfons kann sich auch noch über Dinge richtig freuen und Spaß haben. Und vor allem: Egal, ob es der Mann ist, der bei der Straßenumfrage Probleme hat, die Frage zu beantworten, „Wer ist fauler – der Arbeitslose oder der Ausländer?“ oder ob es der langsamste Schwimmer ist, der je bei einer Olympiade angetreten ist, weil er vor zwei Monaten noch Nichtschwimmer war. Alfons liebt die Menschen. Und ich hoffe, dafür lieben die Menschen Alfons.
Info
Alfons präsentiert „Le best of“ am Donnerstag, 14. November, 20 Uhr, im Cotton Club und am Freitag, 29. November, 20 Uhr, ist er mit demselben Programm im Tollhaus in Karlsruhe, Großer Saal, zu Gast.