Ramstein
Kabarettistin Lisa Fitz begeistert Publikum – mit Ausnahmen
Den Herrschenden, den Mächtigen auf die Finger zu schauen und zu hauen: Das ist die Mission des vielfach ausgezeichneten Kabarett-Urgesteins Lisa Fitz. Das tat sie in legendären Sendungen wie Dieter Hildebrandts „Scheibenwischer“, aber auch in ihren durchweg selbst geschriebenen Soloprogrammen – auf stolze 4500 Sologastspiele kommt sie inzwischen nach eigenen Berechnungen. Mit ihrem selbstfomulierten Anspruch scheint sie das Wesen des Kabaretts an sich zu verkörpern und hat sich seit einigen Jahren dennoch inhaltlich vom Gros ihrer Kollegen entfernt.
So stellt ihr Parforceritt unter dem Titel „Avanti Dilettanti“ eine Generalabrechnung mit schier allen Reizthemen der Zeit dar: Eine woke Gesellschaft mit ihren zugegebenermaßen manchmal schwer vermittelbaren Auswüchsen bekommt ebenso ihr Fett weg wie die Medien, wie die Werbewelt, wie all die Übeltäter dieser Zeit vom Terroristen bis zum Pipeline-Sprenger und nicht zuletzt wie Politiker aller Couleur. Aller? Nein: Lediglich die AfD verschont Fitz mit dem Hinweis, dass die ja von ihren Kollegen mehr als genug bedacht würde, was ja nunmal leider nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Immerhin geißelt sie noch den Rechtsruck in der Gesellschaft als Folge des Politikversagens.
Realität übertrifft Satire
Lässt sich an dieser Stelle eine gewisse Einseitigkeit – nur unter umgekehrten Vorzeichen – konstatieren, so krankt ihr Programm jedoch viel mehr an zwei Zeiterscheinungen, mit denen freilich auch viele ihre Kollegen zu kämpfen haben. Dass die Realität oftmals die Satire übertrifft – etwa wo es um die Realitätsverweigerung von Mandatsträgern geht –, lässt dabei nicht wenige Kabarettisten ratlos zurück. Über was spotten, wenn schon der Grund an sich absurd und damit die reinste Satire – also Realsatire – ist?
Daneben stellen die jüngsten drängenden Ereignisse (Trump-Wahl, Ampel-Aus) in ihrer Ballung eine Herausforderung dar: Wie das alles in das fertige Programm einer laufenden Tournee einarbeiten? Lisa Fitz begnügt sich da weitgehend mit einer Umetikettierung. Man solle ihr regierungskritisches Programm dann eben eher als eine analytische Rückschau sehen. Und so finden sich auch „gut abgehangene“ Themen in „Avanti Dilettanti“ wieder: Bauernproteste etwa, die Davos-Tagung, der „Great Reset“ oder auch das äußere Erscheinungsbild von Ricarda Lang. In vielen Fällen reißt sie dabei das Sujet nur an, oftmals genügt den dankbaren Zuschauern ein Stichwort für einen Lacher.
Ovationen am Ende
Reichlich Applaus und zum Schluss sogar stehende Ovationen erntet die joviale Bayerin vom Großteil des rund 300-köpfigen Publikums damit trotzdem – auch wenn sich durchaus drängendere Themen der satirischen Betrachtung angeboten hätten. Und auch aller Oberflächlichkeit zum Trotz, mit der die Kabarettistin diesmal den Preis ihrer ungeheuren Themenflut bezahlt. Weniger wäre auch an dieser Stelle eindeutig mehr gewesen und hätte die Chance zur inhaltlichen Vertiefung und damit Profilierung bedeutet.
Wie auch immer ist es am Ende jedoch wichtig, dass in einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft auch (kabarettistische) Stimmen abseits eines sich zunehmend verengenden Meinungsspektrums ihre Bühne bekommen – eben Stimmen wie eine Lisa Fitz oder ein Dieter Nuhr –, ohne dass man sie reflexartig mit einem der üblichen Verdikte belegt. Denn Pluralismus und Vielfalt (um mal nicht das vielbemühte und hochtrabende Schlagwort „Diversität“ zu bemühen) kann eben auch das bedeuten: Dass man andere Meinungen hören kann, sie teilweise auch aushalten muss und sich bestenfalls in eine Auseinandersetzung damit begibt. Lisa Fitz’ Programm „Avanti Dilettanti“ bietet dazu reichlich Gelegenheit, selbst wenn es die nicht allzu hohe Toleranzschwelle mancher (vor allem linker) Zeitgenossen durchaus strapazieren mag.