Jiu Jitsu
Kämpfer des Otterbacher Zen-Bogyo-Do starten bei WM in Belgien
Vier Jahre lang ist es her, dass in Gibraltar der letzte Wettkampf dieser Art stattgefunden hat. Diese inoffiziellen Weltmeisterschaften werden normalerweise jährlich vom internationalen Dachverband „United Nations of Ju Jitsu“ durchgeführt. Nach Jahren der Entbehrung fiel die Wahl in diesem Jahr auf die belgische Hafenstadt Ostende.
Die Wettkämpfe bündeln sich am Samstag. Wie wichtig dabei das Zusammenspiel und die Harmonie der beiden Partner ist, wird bereits bei der Demonstrationskategorie „Pairs“ (Paare) deutlich: Gemeinsam müssen Leon Weilemann und Daniel Breunig (beide 7. Kyu) eine Abfolge aus Angriffen und Verteidigungstechniken demonstrieren.
Angriff auf der Matte
Beim anschließenden „Random Attack“ wird dagegen die Einzelleistung des Wettkämpfers beurteilt. Die beiden Wettkämpfer nehmen ihren Partner mit auf die Matte. Auf ein Kommando hin laufen die Partner zu einem Kampfrichter, dieser zeigt eine Technik, wie die Partner die jeweiligen Wettkämpfer angreifen sollen. Der Wettkämpfer weiß nicht, wie er angegriffen werden soll. Während Weilemann mit seinen 17 Jahren bei den Jugendlichen antreten wird, muss sich der ein Jahr ältere Breunig mit den Erwachsenen messen.
Seit seinem fünften Lebensjahr betreibt Leon Weilemann Kampfsport. Erst Judo, dann Karate und seit 2014 schließlich die Kampfkunst Jiu Jitsu. Beim Otterbacher Verein „Zen-Bogyo-Do“, gleichzeitig Bundesleistungszentrum, fühlte er sich von Beginn an wohl. „Man kam wöchentlich, um sich selbst zu verbessern, und traf Menschen, die mit der Zeit zu guten Freunden wurden.“
Trainingseifer und Nervosität
Im Mai 2018 dann der erste große Wettkampf: Die deutsche Meisterschaft in Erftstadt bei Köln. Der Trainingseifer stieg, aber auch die Nervosität. Während es in der Kategorie „Pairs“ für Leon und Daniel nichts zu holen gab, schaffte Leon beim „Random-Attack“ den Sprung ins Halbfinale. Im „Team“-Wettbewerb hat es dann geklappt, gemeinsam mit seinen Mitstreitern holte Weilemann die deutsche Meisterschaft.
„Ein herber Schlag“
Zwei Jahre später sollten in Otterbach dann die Weltmeisterschaften ausgetragen werden, nachdem der ursprüngliche Austragungsort ausgefallen war. Die Planungen waren bereits weit fortgeschritten, Hotels in der ganzen Region gebucht. Corona machte all dem einen Strich durch die Rechnung. „Das war schon ein herber Schlag, doch trotzdem trainierten wir weiter und sind am Ball geblieben“, erinnert sich Weilemann.
Jetzt also Ostende. Das Training lief lange Zeit normal weiter, „nur manchmal sah man, dass die Trainer doch genauer hinschauten“, wie Leon bemerkt hat. Auch der Meisterschaftsbeauftragte Fabian Scherer schlich während des Trainings immer öfter durch die Halle und ließ seinen Blick über die Athleten streifen. „Ich hatte von Anfang an gehofft, mitfahren zu dürfen. Ob meine Leistungen dafür jedoch noch ausreichend waren, wusste ich nicht.“
Berufung in die Nationalmannschaft im Mai
Schließlich hat Corona nicht nur Leon und Daniel zurückgeworfen. Doch im Mai war die Berufung in die deutsche Nationalmannschaft dann endgültig klar. Der Gedanke daran, in Belgien mit dem Schriftzug „Germany“ auf dem Rücken zu starten, erfüllt die beiden dann doch mit Stolz. „Das ist schon ein bisschen verrückt“, bringt es Leon auf den Punkt. So richtig glauben konnte er es erst, als der Zwölftklässler des Hohenstaufen-Gymnasiums die Beurlaubung für die Schule in seinen Händen hielt.
Doch das Training für eine Weltmeisterschaft ist zeitraubend. Daniel Breunig geht seinem Beruf als Kfz-Mechaniker nach, Leon Weilemann engagiert sich neben der Schule ehrenamtlich im Jugendvorstand und als Fußball-Schiedsrichter. „Wir standen vor der großen Aufgabe, wie wir das alles zeitlich hinbekommen“, erinnert sich Leon an den Start der WM-Vorbereitungen. Nahezu täglich ging es zum Training in die Halle, der gewohnte Alltag war passé.
Körpersprache und Ausstrahlung extrem wichtig
Doch die beiden fühlen sich gut vorbereitet auf die Weltmeisterschaft. Dass die Kampfrichter in Ostende englisch sprechen werden, ist nur eine Umstellung von vielen. Der Fokus im Training lag zuletzt auf den Feinheiten, die am Ende den großen Unterschied ausmachen können. „Man muss so ziemlich auf alles achten: Körpersprache, Ausstrahlung, technische Sauberkeit und Schnelligkeit werden extrem wichtig sein“, weiß Leon. Ob es am Ende für eine Medaille reichen wird, kann er nur schwer einschätzen. „Im Vordergrund sollte die Freude am Wettbewerb stehen.“
Info
Unter Jiu Jitsu versteht man eine von den japanischen Samurai stammende Kampfkunst. Wörtlich übersetzt heißt Jiu Jitsu „Die sanfte Technik“ oder „Die nachgebende Kunst“. Dargeboten werden Möglichkeiten zur waffenlosen Selbstverteidigung, auch durch die Stärkung des Charakters und des Selbstbewusstseins. Verschiedene Techniken sollen dabei helfen, den Angreifer unter Kontrolle zu bringen und kampfunfähig zu machen. Dabei geht es beim Jiu Jitsu nicht um Kraft gegen Kraft. Nach dem Prinzip „Siegen durch Nachgeben“ soll die Kraft des Angreifers gegen ihn selbst angewandt werden.