Kaiserslautern Jeder gegen jeden
Nach den glanz- und gehaltvollen Eröffnungen des Internationalen Filmfestivals Venedig 2013 mit „Gravity“ und im Vorjahr mit „Birdman“ enttäuschte der diesjährige Auftaktfilm „Everest“. Doch gute Wettbewerbsbeiträge lassen darüber hinwegsehen. Ebenso der außerhalb des Wettbewerbs laufende Thriller „Black Mass“ mit einem sehenswerten Johnny Depp, der bei der Filmvorstellung gestern mit Flasche in der Hand und schwerer Zunge jedoch irritierte.
„Everest“, das am 17. September bereits in den deutschen Kinos anlaufende und zum festlichen Festival-Beginn außerhalb der Konkurrenz gezeigte Bergsteiger-Drama des spanisch-isländischen Regisseurs Baltasar Kormákur, geht mit seiner satten Optik als schniekes 3D-Spektakel durch. Hollywood-Star Jake Gyllenhaal sorgte in Venedig als attraktives Schmuckstück am roten Teppich für großen Auflauf. Der Inhalt des auf Tatsachen basierenden Films ist jedoch klein. Kormákur setzt auf pure Spannung: Bei einem extremen Sturm kommen 1996 am Mount Everest acht Menschen ums Leben. Neben dem Unwetter sind Konkurrenzneid und missverständliche Absprachen daran schuld. Der US-amerikanische Bergsteiger und Autor Jon Krakauer, der damals dabei war, hat das im Bestseller „In eisige Höhen“ eindrucksvoll beschrieben. Die Filmerzählung beschränkt sich, anders als das Buch, auf Äußerlichkeiten: Liebe, Triebe, Herz und Schmerz, Momentaufnahmen von Männerfreundschaften, viel Klettern und noch mehr Sterben in Eis und Schnee. Was die Protagonisten antreibt, erschließt sich nicht. Beifall verdienen allein die mit viel Tricktechnik gestalteten Bergbilder. Von ganz anderem Kaliber: „Beasts Of No Nation“ von US-Regisseur Cary Fukunaga, gezeigt als erster Film im Wettbewerb um den Goldenen Löwen. Die schnörkellos erzählte Geschichte spielt in einem nicht näher benannten afrikanischen Staat. Es ist Krieg, jeder kämpft gegen jeden. Ein halbwüchsiger Junge wird in eine Rebellenarmee als Kindersoldat gezwungen. Der Elf-, Zwölfjährige ist der Erzähler, seine Stimme liegt über vielen der blutgetränkten Schreckensszenen. Der Glaube an Gott hält ihn am Leben. Er bleibt Mensch, egal zu welchen Grausamkeiten er auch gezwungen wird. Man sitzt fassungslos im Kino und fragt sich, was gegen derartigen Terror getan werden kann. Die Politik hat keine Antwort. Der Film ebenso wenig. Doch immerhin lenkt er den Blick auf das Unvorstellbare und sorgt so vielleicht auch bei politisch Verantwortlichen für Nachdenken. „Beasts Of No Nation“ ist gesellschaftskritisch engagiertes und zugleich massenwirksames Kino. Einen starken Eindruck hat auch der russische Regisseur Aleksandr Sokurow mit dem Wettbewerbsbeitrag „Francofonia“ hinterlassen. Die deutsch-französisch-niederländische Produktion mischt Formen des Dokumentar- und Spielfilms zu einem assoziationsreichen Essay. Im Zentrum steht das Pariser Museum Louvre als Stätte der kulturellen Identitätsfindung Europas. Sokurow spürt allem damit verbundenen Schönen nach. Und er zeigt das Grauen: Napoleon Bonapartes Kriegslust, die Zeit der kolonialen Eroberungen und Hitlers Welteroberungswahn. Gelegentlich ufert die Bilderflut etwas aus. Auch provoziert Sokurow mehrfach Widerspruch, etwa, wenn er ausgerechnet den Diktator Stalin mal kurz nebenbei als Hüter der russischen Kunst erscheinen lässt. Trotzdem: Wer es schätzt, gedankenreich durch die Kunst- und Zeitgeschichte zu schweifen und dabei pointiert über die Gegenwart nachzudenken, wird bestens bedient. Der französische Regisseur Xavier Giannoli sorgte mit „Marguerite“ für den bisher unterhaltsamsten Film im Wettbewerb. Die Handlung wurde von der durch mehrere Theaterstücke recht bekannte Exaltiertheit Florence Foster Jenkins’ (1868 - 1944) angeregt. Die reiche New Yorker Erbin fühlte sich als begnadete Sängerin und gab viele Konzerte, obwohl sie weder die Töne treffen noch den Rhythmus halten konnte. Giannoli hat die Geschichte ins Paris der Jahre 1920/ 21 verlegt und zahlreiche kulturhistorische Verweise eingewoben, was dem Film eine angenehme Erdverbundenheit gibt. Hier lebt also Marguerite, grandios verkörpert von Catherine Frot („Die Köchin und der Präsident“), in der Illusion, eine herausragende Sopranistin zu sein. Und sie kämpft verbissen um ihre Reputation, was dem Film auch einen Hauch Tragik verleiht. Zudem steuert Giannoli konsequent auf ein bitteres Finale zu. Man darf gespannt sein, ob die gerade von Regisseur Stephen Frears gedrehte Adaption der Geschichte von Florence Foster Jenkins mit Meryl Streep in der Hauptrolle von ähnlicher Güte ist. Voller Spannung wurde in Venedig auch der US-Film „Black Mass“ erwartet. Regisseur Scott Cooper, der 2009 Jeff Bridges in „Crazy Heart“ zu Oscar-Ehren gebracht hat, feiert in diesem Film über den Bostoner Bandenchef James „Whitey“ Bulger das Talent von Johnny Depp. Und lässt dessen Können voll erblühen. Depp ist auf den ersten Blick kaum zu erkennen, mit dem Ansatz eines Schmerbauchs und Halbglatze. Sein fein justiertes Spiel lässt die Zuschauer rasch in das Innere dieses Gangsters blicken. Da tun sich viele Fragen auf: Wes Geistes Kind ist dieser Typ? Warum stellt sich der freigeistige Schurke bewusst zwischen alle Fronten? Wie kann ein Mensch intelligent und zugleich ein Monster sein? Cooper beantwortet nicht alle Fragen, und Depp lässt der Figur manches Geheimnis, was die Spannung anheizt. Schon lange war der Schauspielstar nicht mehr so gut. Neben ihm zeigen Joel Edgarton und Benedict Cumberbatch ausgefeilte Darstellungen. Ein Film für ein Massenpublikum, dabei fern von 08/15-Klischees.