Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Jürgen von der Lippe sorgt für Lacher in der Fruchthalle

Las aus Texten, insbesondere aus seinem Buch „Sex ist wei Mehl“: Jürgen von der Lippe.
Las aus Texten, insbesondere aus seinem Buch »Sex ist wei Mehl«: Jürgen von der Lippe.

Über zwei Stunden lang präsentierte sich Jürgen von der Lippe bei seinem Auftritt in der Fruchthalle in Bestform. Wobei ihn eine Publikumsreaktion dann doch überraschte.

Eine Show von Jürgen von der Lippe ist wie eine Schachtel Pralinen – nur, dass man im Gegensatz zur Forrest Gump-Weisheit („Man weiß nie, was man bekommt“) beim Altmeister des Humors sehr wohl weiß, was einen erwartet: eine bunte, (meist) schmackhafte Mischung quer durch allerlei Versatzstücke der Witzigkeit von bereits niederschwellig wirkenden schlüpfrigen bis zu anspruchsvollen, nachdenklich stimmenden Abhandlungen. Am Dienstagabend zeigte von der Lippe in der voll besetzten Fruchthalle, wie man diese Erwartungen auch nach Jahrzehnten der Comedy-Präsenz immer noch gut erfüllt – und dass er selbst aber durchaus noch überrascht werden kann...

Jürgen von der Lippe hat schon viel gemacht, er war und ist unter anderem Komödiant, Autor, Schauspieler und Moderator. Als reife, mittlerweile 75 Jahre alte Persönlichkeit, präsentiert er nun auf Tour eine „szenische Lesung“. Sein Auftritt gestaltet sich dabei als dichte Melange aus gesetzter, rein im Sitzen gehaltener Lesung seiner Texte und fast sketch-nahen gespielten Szenen inklusive Stimmwechsel der handelnden Personen. Das wirkte konzentriert und funktionierte, unterhielt das große Publikum bis hin zur letzten von drei Zugaben ganz ausgezeichnet. Jürgen von der Lippe ist damit aktuell so ziemlich der einzige, der nur mit einem Buch vor sich und ohne große Kulisse enorme Resultate erzielt.

Flaches und Nachdenkliches

So präsentierte der gewiefte Entertainer in sich ruhend, aber dennoch ziemlich agil, und im erwartbar bunten Hemd, vorwiegend Texte aus seinem vorletzten Buch „Sex ist wie Mehl“. Es handelte sich dabei um allerlei gut durchmischte „Geschichten und Glossen“ (so der Untertitel des Buches), deren Inhalt man als Fan also durchaus absehen konnte.

Es gab Makabres (etwa in „Die Trauerfeier“, die in einer Kneipe stattfinden sollte) und, natürlich, allerhand Derb-Frivoles aus dem Bereich unterhalb der Gürtellinie, insbesondere zu Körperfunktionen und zu Sex (bezüglich des Titels etwa, gemäß einer angeblich alten Müllerweisheit: „Zu viel und der Sack platzt“).

Das typische bunte Hemd trägt er noch immer: Jürgen von der Lippe in der Fruchthalle.
Das typische bunte Hemd trägt er noch immer: Jürgen von der Lippe in der Fruchthalle.

Neben manch Flachwitzigem am Rande des politisch Korrekten gab’s auch vielfach bemerkenswert Hochgeistiges und nachdenklich Machendes aus Philosophie, Literatur und Sprachwissenschaft, es wurde auch schon mal Franz Kafka und die sprachlich korrekte Herleitung des Wortes „Improvisation“ (auch der Titel einer der rezitierten/gespielten Texte) thematisiert. Wen wundert’s: Von der Lippe hat einst exakt jene Fächer studiert. Auch seine profunde Kenntnis und seine Fähigkeit zur oft kritischen Analyse von Sprache und Spracherscheinungen sowie seine veblüffende Sprachakrobatik bis hinein in das nahezu unerreichbare Feld, das einmal ein Heinz Erhardt besetzte, resultieren daraus und wirken bis in die aktuellen Programme.

Einen Witz schätzt das Publikum nicht

So ging es über mehr als zwei Stunden hinweg: Über Sauna-WMs und über Mode, über den Kauf von Sofas und über diverse Phobien, über die Gedanken von Mann und Frau beim Sex, übers Gendern und über Quoten – alles verpackt in unterhaltsame Alltagsgeschichten oder angenehm vom gerade behandelten Thema abschweifende Gedankengänge. Alles war angenehm erwartbar und kam beim meist ausgelassen reagierenden Publikum in der Regel gut an.

Nur einmal war umgekehrt Jürgen von der Lippe selbst merklich überrascht, und zwar über die Reaktion auf den Text „Ohne Befund“, bei dem ein Arzt seinen Patienten auf eine falsche Fährte führt. Er hat eine eher lahme Pointe, die das Kaiserslauterer Publikum mit einem lang gezogenen, zwischen Enttäuschung und Missbilligung schwankendem „Öhhhh“ quittierte: Der Arzt, der dem Patienten mit ominösen Andeutungen Furcht einjagte, sprach offenbar eher über sich. Das habe er auch noch nicht erlebt, meinte von der Lippe – und notierte sich das Publikumsmissfallen gleich. Manchmal findet man eben doch Unerwartetes in der Pralinenschachtel. Und ein Profi vom Format eines Jürgen von der Lippe (das er in Sachen Publikumsnähe auch später in persönlichen Gesprächen bei der Signierrunde zeigte) macht daraus spontan etwas Gutes...

x