Kaiserslautern
Interview: Ärztlicher Direktor Christian Mönch zu Personalmangel, Omikron und Impfpflicht
In der vierten Welle stiegen die Inzidenzen höher denn je. Wie ist denn aktuell die Lage bei Ihnen im Westpfalz-Klinikum, Herr Mönch?
Es gibt so gut wie nie ein freies Intensivbett. Immer wenn Schwerkranke aufgenommen werden, müssen wir schauen, wo kriegen wir die Patienten unter – unabhängig davon, ob es Corona-Kranke sind oder nicht. Es ist immer eng, das macht das Arbeiten anstrengend und die Zeit für die Menschen gefährlich. Aktuell hat Omikron das Westpfalz-Klinikum in unterschiedlichen Bereichen erreicht, so dass wir uns gezwungen sehen, erneut das Elektivprogramm komplett einzustellen und einen Besucherstopp auszusprechen.
Sie sind also an der Kapazitätsgrenze. Welche Rolle spielt dabei der Mangel an Pflegekräften?
Um ein Intensivbett zu betreiben, brauchen Sie zunächst einen Bettstellplatz mit einer bestimmten Ausrüstung. Das ist nicht mehr das Nadelöhr. Deutschland hat viel getan, um die Kliniken mit Beatmungsgeräten auszustatten. Trotzdem haben wir vier Intensivbetten weniger als in der Zeit vor Corona. Das liegt am Personalmangel. Schon für die Aufrechterhaltung der Intensivbetten und die Erfüllung der Pflegepersonaluntergrenzen, haben wir über 100 Betten auf anderen Stationen geschlossen, um Pflegepersonal freizusetzen.
Müssen auch Ärzte auf anderen Stationen aushelfen? Der Chirurg, der gerade nicht operieren kann?
Natürlich. Für das Intensivbett brauche ich nicht nur Pflegekräfte, sondern auch einen Arzt. Vom Arzt spricht in Deutschland aber aktuell eigentlich niemand. Die Intensivmannschaften sind in der Regel in Schichtdienstmodellen organisiert. Diese Mannschaften stehen. Wenn aber auf einer Station viele Corona-Patienten liegen, brauchen diese eine intensivere Betreuung, dann muss die Station mit zusätzlichen Ärzten besetzt werden.
Sehen Sie darin Schwierigkeiten?
Jeder operativ tätige Arzt wird auch auf der Intensivstation ausgebildet. Aber nach dem Studium wird man Chirurg, Orthopäde, Kardiologe, Internist, Kinderarzt – was auch immer. Diese Fachlichkeit ist während Corona über Bord geworfen worden, weil wir Stationen schließen. Das ist so, wie wenn Sie an der Schule sagen: „Aufgrund der Pandemie gibt es nur noch Sportunterricht.“ Kollegen, die 20 Jahre keinen Sport mehr gemacht haben, kriegen eine Kurzausbildung und die schicken Sie dann in eine Klasse mit völlig neuen Bedingungen. Was passiert? Die Ärzte und Pflegefachpersonen können das fachlich, aber sie verlieren den Spaß an der Arbeit, weil sie nicht mehr in dem ursprünglich gewählten Fach tätig sind. Unsere einzige Kategorie, in der politisch gedacht wird, ist, die Krankenhäuser nicht zu überlasten. Dass die Leute noch gerne zur Arbeit gehen müssen, darüber reden wir schon lange nicht mehr.
Wie löst man dieses Problem?
Die entscheidende Frage im Krankenhaus ist der Nachwuchs. Wir müssen den Menschen die Entscheidung für den Pflege- oder auch den Arztberuf erleichtern. Das erreichen wir, in dem wir die Leute ernst nehmen und Arbeitsbedingungen schaffen, die für jeden angemessen sind. Im Westpfalz-Klinikum hat kein Arzt einen Bonus bekommen – keiner. Weil die Mittel fehlen. In der Pflege gab es die gesetzlichen Boni, aber das hat bei weitem nicht alle Pflegekräfte im Klinikum getroffen. Dann braucht man sich nicht wundern, dass sich die Leute fragen: Warum mache ich das überhaupt?
Die wahren Helden sind hier in den Krankenhäusern. Ich habe den größten Respekt vor allen Mitarbeitern, die das zwei Jahre lang durchhalten. Was sagen Sie denn einer Hebamme, die in eine Geburt von einer Corona-positiven Mutter geht? Was sagen Sie zu den Menschen, die auf einer Corona-Station arbeiten mit 15 Beatmeten, die sich wegen der Schutzmaßnahmen ständig nur an- und ausziehen. Die Leute haben auch Familien, sie nehmen das Risiko mit nach Hause. Diese Bedingungen sind okay für eine Welle, sie sind okay für zwei Wellen. Jetzt sind wir aber in der vierten Welle. Und wir wissen genau, wenn die Politik so weitermacht, kriegen wir eine fünfte, sechste, siebte und achte Welle.
Was müsste die Politik nach Ihrer Meinung anders machen?
Wir alle kennen die Mittel: Impfen ist eine der wichtigsten Möglichkeiten, um die Pandemie zu bekämpfen. Da ist in Deutschland zu wenig getan worden. Wenn sich jemand nicht impfen lässt, bekommt er oft automatisch den Stempel Impfgegner. Ich glaube aber, es gibt viele Ungeimpfte, die sich nicht in diese Kategorie einordnen lassen. Es gibt Leute, die sind einfach gleichgültig. Wenn die Impfung nicht zu denen kommt, werden die nicht geimpft. In Spanien hat jeder eine Einladung mit einem Termin zur Impfung bekommen, so wie das in Deutschland bei der Mammografie ist. Jede Frau über 50 bekommt eine Einladung. Das funktioniert perfekt. Genau dieses Modell hätten wir auch bei der Impfung auflegen können.
Es gibt Menschen, die haben Angst. Diesen Menschen müssen wir mit Daten und Fakten die Angst nehmen. Wir haben so viele Menschen geimpft, da könnte man aufschlüsseln, wie häufig Nebenwirkungen wirklich sind. Es gibt esoterische und überintellektuelle Kreise oder Extrembewegungen in den christlichen Kirchen, die sich nicht impfen lassen. Auch das Thema der Kinder und Jugendlichen sind wir falsch angegangen. Da wir nur die alten Menschen priorisiert haben, kommen wir bei den jungen nicht hinterher. Wenn wir all die Menschen abholen, bleiben nur wenige übrig, die wirkliche Impfgegner sind.
Brauchen wir denn eine Impfpflicht?
Der deutsche Ethikrat hat sich positiv zur Impfpflicht geäußert, diese Meinung teile ich voll und ganz. Die Frage ist nur, wie setzen wir sie um. Ich denke, wir müssen die Leute, die sich nicht impfen lassen, am Schaden durch Corona beteiligen, den sie mit anrichten. Aus meiner Sicht ist es legitim, dass jemand, der sich nicht impfen lässt, höhere Krankenkassenbeiträge zahlt. Eine Pflicht hat aber nur Sinn, wenn sie die gesamte Bevölkerung betrifft. Dass sie in Krankenhäusern gilt, in Kindergärten nicht, ist Quatsch. Wie wollen Sie einem IT-Techniker im Krankenhaus erklären, er muss sich impfen lassen, im Betrieb 500 Meter weiter muss er das nicht?
Das trifft auf den IT-Techniker zu, aber haben Sie Verständnis für Menschen, die am Patienten arbeiten, und sich nicht impfen lassen?
Ich habe kein Verständnis dafür. Das ist meine ganz persönliche Meinung. Mir fällt es schwer zu akzeptieren, dass Menschen im Jahr 2021 an einer Virusinfektion sterben. Denken Sie an andere Virusinfektionen: Masern, Röteln, Windpocken. Kein Mensch würde heute noch akzeptieren, dass jemand an Windpocken stirbt. Natürlich lässt sich jeder impfen. Hätten wir eine Impfung für HIV, bin ich sicher, die Leute würden Schlange stehen. Andererseits sind bei uns rund 300 von über 4000 Mitarbeitern nicht geimpft. Es gibt auch medizinische Gründe dafür, dass jemand nicht geimpfet ist, aber der eine oder andere will einfach nicht. Denen muss man irgendwann sagen: Dann kannst du hier nicht mehr arbeiten.
Wie läuft das Boostern im Klinikum?
Sehr gut. Weil die erste Booster-Impfung bei einigen Mitarbeitern schon länger zurückliegt, denken wir darüber nach, ob wir eine zweite Boosterung brauchen oder ob wir auf einen Omikron-spezifischen Impfstoff für die Viertimpfung warten.
Sie haben Omikron angesprochen: Was kommt auf das Klinikum zu?
Omikron ist schneller, und die Virusvariante wird deutlich mehr Menschen betreffen. Gefühlt sind wir die ganze Zeit schon am Anschlag. Und jetzt erwarten wir eine Variante, die das bei weitem toppen wird. Noch wissen wir nicht, wie die Intensität der Erkrankung sein wird, wir wissen auch nicht, ob die Boosterung so viel hilft wie erhofft. Wir haben also aller größten Respekt vor dem, was wir da stemmen sollen.
Die Intensivstation ist jetzt schon voll. Wo sollen die Patienten hin, wenn die Zahlen durch Omikron steigen? Haben Sie einen Notfallplan?
Natürlich gibt es Pläne. Wir haben ein Vier-Stufen-Modell, mit dem wir den Elektivbetrieb, in dem planbare Operationen möglich sind, gestaffelt weiter einstellen können. In Stufe vier gibt es nur noch Notfallbetrieb und Corona. In dieser Stufe sind wir seit Donnerstag angekommen. Da bleiben viele Menschen außen vor, die dringend medizinische Hilfe benötigen. Daher hoffen wir, dass wir diese Stufe bald wieder zurück nehmen können. Nach den aktuellen gesetzlichen Regeln müssen Sie bei Kontakt zu einem Omikron-Infizierten auch als Geimpfter in Quarantäne. Wenn das so kommt, schicken wir so viele Mitarbeiter in Quarantäne, dass wir gar nicht wissen, wie wir das Klinikum bestücken sollen.
Schon in den vergangenen zwei Jahren wurden Operationen aufgeschoben. Konnten Sie im Sommer einiges nachholen?
Das ist schwer zu beantworten. Aber wir haben einen substanziellen Nachteil in der Behandlungsqualität, zum Beispiel beim Krebs. Wir haben während jeder Welle Patienten operiert, aber die Menschen bekommen den Krebs nicht mehr diagnostiziert. Die Menschen beißen mit Symptomen einfach auf die Zähne und gehen später zur Darmspiegelung oder später in den Computertomografen. Die Zahl unserer Krebsfälle ist gleich geblieben, aber wir haben deutlich mehr unheilbare Fälle, weil die Krankheit zu spät erkannt wird.
Können wir wenigstens auf ein Ende der Corona-Pandemie hoffen?
Bei diesem wellenförmigen Auf und Ab ist noch kein Ende in Sicht. Von der Güte der Maßnahmen, die Deutschland jetzt einleitet, hängt ab, wie wir im kommenden Winter dastehen. Wir müssen mehr tun und wir müssen es schneller tun. Im Krankenhaus werden wir Corona nicht mehr loswerden. Aber es wird hoffentlich einer Influenza ähnlicher werden, eine saisonale Grippe, die sich im Winter besser ausbreiten kann. Wir müssen sie so in den Griff kriegen, dass möglichst wenig Menschen daran sterben und wir trotzdem ein normales Leben führen können. Im Sommer wird wieder ein Stück Normalität da sein, aber wir müssen damit rechnen, dass die Zahlen wieder steigen. Dann dürfen wir nicht immer warten, bis die Zahlen ganz oben sind. Würden wir Maßnahmen acht Wochen früher einleiten, würden die Zeiten im Jahr, in denen wir uns nicht frei bewegen können, deutlich kürzer ausfallen.
Das klingt, als müssten wir auch in den kommenden Jahren mit einschneidenden Maßnahmen rechnen?
Ich glaube, wir kriegen das mit der Impfung hin. Das Wort Herdenimmunität nimmt niemand mehr in den Mund, aber wenn genug Menschen geimpft oder genesen sind, hat das Virus keinen Pool mehr, auf den es zugreifen kann. Ich habe die Erwartung, dass wir im nächsten Herbst die Diskussion über die Impfung beendet haben. Dann wird es die nächste Boosterung geben, angepasst auf die nächste Variante. Die Menschen gehen in großer Anzahl zur Impfung und wir kommen ohne Lockdown durch den Winter. Die Patienten, die übrig bleiben, können wir in den Krankenhäuser gut behandeln. Das wäre das Szenario, das ich mir wünschen würde.
Bei all den Belastungen durch die Pandemie: Gab es denn im Jahr 2021 auch gute Nachrichten fürs Klinikum?
Wir stehen wirtschaftlich auf stabilen Füßen, aber das ist auch dem Thema Corona geschuldet. Durch die Versorgung der Corona-Patienten und die Zahlungen, die es gab, war die Krankenhausfinanzierung einfacher. Wir haben neue MRT-Geräte, und wir betreiben nun als eine von wenigen Kliniken in Deutschland zwei OP-Roboter vom System DaVinci. Wir nutzen die Roboter in erster Linie in der Viszeralchirurgie und in der Urologie, im Wesentlichen für Krebsoperationen. Damit können wir Krebsoperationen in Schlüssellochverfahren überführen, die sonst offen stattfinden. So werden die Patienten schneller gesund. Außerdem haben wir wichtige Personalentscheidungen getroffen. Es sind neue Chefärzte zu uns gestoßen, die unser medizinisches Portfolio erweitern. Das hat dem Klinikum gut getan. Mit Thorsten Hemmer ist zudem der Nachfolger von Peter Förster als Geschäftsführer gefunden. Er kennt die Herausforderungen für das Haus. Das ist ein großer Vorteil.