Kaiserslautern
In Kaiserslautern wird man schnell obdachlos – virtuell
Die Ecke ist zugig, es ist kalt und hat angefangen zu regnen. Keine guten Voraussetzungen, um die Nacht hier zu verbringen. Und zu allem Übel kommt noch eine Gruppe betrunkener, pöbelnder junger Männer. An Obdachlosen lassen sie gern ihre überschüssige Energie aus. Was tun? Verteidigen oder fliehen?
Eine ganz gewöhnliche Szene für Menschen, die auf der Straße leben. Um deren Alltag ein wenig nachzuempfinden, können Besucher im Wissenschaftszentrum „42 Kaiserslautern“ in die Rolle eines Obdachlosen schlüpfen – virtuell.
Die Hamburger Firma Gobanyo – die Duschbusse für Obdachlose unterhält – hat das Projekt „Unhome“ zusammen mit der Curious Company entwickelt. „Deren Art Director hat in Kaiserslautern Virtual Design studiert“, knüpft Ausstellungskuratorin Antje Boerner vom „42“ gleich noch einen lokalen Bezug.
Dass „Unhome“ mit dem „Best of Education“-Award ausgezeichnet wurde, interessiert die Zwölftklässler des Hohenstaufen-Gymnasiums weniger, als endlich die VR-Brillen aufzusetzen. Sie sind die erste der vielen Schülergruppen, die sich zu dem „Unhome“-Workshop im „42“ angemeldet haben. Boerner weiß ebenso wie Ethik- und Sozialkunde-Lehrerin Elena Simon, dass ein solches 3D-Erlebnis „viel mehr bringt, als das Thema Obdachlosigkeit nur im Unterricht abstrakt zu behandeln“.
Ohne Adresse und Konto keine Unterstützung
Und so tauchen die 17- bis 18-Jährigen für etwa 20 Minuten mit ihren VR-Brillen ab in eine bisher fremde Welt. Sie sitzen allein in der Wohnung, deren Miete sie nicht mehr zahlen können, weil sie Job und Beziehung verloren haben. Sie müssen die Wohnung verlassen und finden sich als Abschaum der Gesellschaft auf der Straße wieder. Sie sind gezwungen, weggeworfene, halb vergammelte Lebensmittel zu essen, um zu überleben. Sie erfahren auf dem Amt, dass sie keine Chance haben, dem Teufelskreis zu entrinnen, weil es ohne Adresse und Konto keine Sozialleistungen gibt. Sie müssen sich und ihr weniges Hab und Gut verteidigen. Sie werden Wunden und Krankheiten nicht los, da sie keinen Zugang zu Gesundheitsleistungen haben.
„Dass Obdachlose 30 Jahre kürzer leben als der Schnitt der Bevölkerung, ist schon krass!“, zeigt sich Felix Tischer beeindruckt von einem der Fakten, die im VR-Erlebnis ganz nebenbei vermittelt wurden. „Man hat sich sehr gut reinfühlen können“, lautet sein Fazit; sehr anschaulich war für ihn auch, „wie schwierig es ist, wieder aus der Obdachlosigkeit rauszukommen“. Sein Mitschüler Lennard Brüggemann stimmt ihm zu und erkennt die „viele Arbeit, die in dem Projekt steckt“ an, hätte es sich jedoch noch etwas interaktiver gewünscht: Die Auswirkungen des eigenen Handelns hätten für ihn gern größer sein können. Wenn man beispielsweise versuchte, sich gegen die Angreifer zu wehren, statt zu fliehen, wurde man verprügelt – und trug noch mehr Wunden mit sich herum.
Vier Lauterer Obdachlose zusätzlich porträtiert
„Die Einleitung war gut“, meint Polina Alexeyera: „Die Wohnung wurde immer leerer wegen der verkauften Möbel, aber die leeren Flaschen nahmen zu.“ Insgesamt war es eine „interessante Erfahrung“, ist sich Maria Dutczak mit ihren Mitschülerinnen einig, die nach dem VR-Erlebnis nun gemeinsam einen Fragebogen bearbeiten. Vor ihnen auf dem Stehtisch liegen etliche Blätter mit der Schilderung von Einzelschicksalen.
Die meisten stammen aus Hamburg, Gobanyo hat deren Leben zusammengefasst. „Aber wir haben auch vier Menschen aus Kaiserslautern hier beschrieben“, ergänzt Samira Wellnitz, Sozialarbeiterin beim Caritas-Förderzentrum St. Christophorus, das in Kaiserslautern die Obdachlosenunterkunft in der Logenstraße betreibt. Zusammen mit ihrer Kollegin Karolin Koppenhöfer, Sozialpädagogin, hat sie sich bereit erklärt, die Schulklassen bei ihren Besuchen im „42“ zu begleiten.
„450 Personen haben wir im letzten Jahr im St. Christophorus betreut“, berichtet Wellnitz, „10.600 Übernachtungen hatten wir insgesamt.“ 108 Menschen wurden von der Caritas für den Leistungsbezug gemeldet, „78 haben wir dann in Wohnungen vermittelt“, nennt sie Zahlen. Die Szene vom Amt aus dem Unhome-Erlebnis „stimmt eins zu eins!“, betont sie.
Wenn das Geld für einen Ausweis fehlt
Um den Menschen aus dem Teufelskreis zu helfen, „bieten wir ihnen das Christophorusheim als Postadresse an“, erzählt Koppenhöfer. Die Caritas gehe auch mal in Vorleistung oder sorge dafür, dass das Jobcenter zahlt, damit die Obdachlosen zum Beispiel einen Ausweis beantragen können. „Für alles braucht man Geld“, macht Wellnitz klar, dass Dinge, die für den Durchschnittsbürger Kleinigkeiten sind, für Obdachlose unüberwindbaren Hürden sein können.
Deutlich mehr Männer als Frauen – die im Christophorusheim einen für Männer unzugänglichen Bereich haben – leben auf der Straße: „Bei Frauen gibt es mehr versteckte Obdachlosigkeit“, erläutert Wellnitz, „die lassen sich eher auf Kontakte ein, um irgendwo unterzukommen.“
Auch wenn bei den Schülerinnen und Schülern die Hemmschwelle gegenüber Obdachlosen immer noch da ist, sensibilisiert sind sie auf jeden Fall. „Ihnen vielleicht mal was zu essen oder zu trinken geben“, würden sie nun, statt einfach vorbeizulaufen. Auch das Bewusstsein ist geschärft: „Vieles ist in der Stadt ja extra so gestaltet, dass Obdachlose dort nicht schlafen können.“ Und Lennard fordert: „Arbeitgeber sollten Mitarbeiter, die sie entlassen, darüber aufklären, wie sie an staatliche Hilfeleistungen kommen.“
Info
Das VR-Erlebnis „Unhome“ ist noch für jeden kostenlos bis zum 13. Februar im „42 Kaiserslautern“ (Bahnhofstraße 42) möglich.