Kaiserslautern Im Schlafanzug in die Schule
Manchmal hilft ein Lächeln, ein freundliches Wort – das sagt die iranische Autorin, Referentin und Flüchtlingssozialarbeiterin für interkulturelle Belange, Mehrnousch Zaeri-Esfahani. Am Samstag war die Referentin auf Einladung der Caritas im Mehrgenerationenhaus zu Gast und klärte mit ihrer Denk-Werkstatt „Gemeinsam leben - Aber wie? - Die etwas andere Auseinandersetzung mit interkultureller Kompetenz“ über die Probleme von Flüchtlingen in Deutschland auf.
„Nach einer Flucht, die ja nicht freiwillig geschieht, ist die gesamte Welt der Person aus den Angeln gehoben“, sagt die 44-jährige Iranerin. „Es ist wie ein Kartenhaus, das zusammen gefallen ist und wieder aufgebaut werden muss. Dabei vertraut ein Geflüchteter weder sich selbst noch seinen Mitmenschen.“ Und sie weiß, wovon sie redet. 1974 in Isfahan/Iran geboren, verlässt Mehrnousch mit ihrer Familie 1985 die Heimat und kommt über die Türkei und die ehemalige DDR nach Deutschland. Sie ist damals elf Jahre alt. In Heidelberg findet sie eine neue Heimat, macht 1994 das Abitur und nimmt noch im selben Jahr das Studium der Sozialpädagogik in Freiburg im Breisgau auf, das sie 1999 mit Diplom beendet hat. Seitdem arbeitete sie als Sozialarbeiterin (bis 2016) und setzte sich für die interkulturelle Öffnung im Land ein. Seit einigen Jahren engagiert sich Zaeri-Esfahani als freiberufliche Autorin und Referentin, berät Gemeindeverwaltungen und Landkreise bei der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen. Ihre Vorträge dienen als Denk-Werkstätten mit Lösungsansätzen und Gedankenaustausch zu aktuellen politischen Ereignissen in Deutschland, Europa und global. Als 2015 die große Flüchtlingswelle über Europa losbrach, musste sie ihre Arbeit intensivieren. Ob die deutsche Haltung gegenüber Flüchtlingen heute noch genauso ist wie zu ihrer eigenen Flucht 1985? „Die Situation heute ist überhaupt nicht mehr vergleichbar mit damals vor 30 Jahren. In den letzten fünf Jahren ist in Deutschland eine starke Zivilgesellschaft aufgestanden und hat sich nicht mehr hingesetzt. Auch wenn es durch Pegida, AfD oder andere radikale Gruppierungen so aussieht, als wäre die Demokratie in Deutschland in Gefahr, hatte ich noch nie eine so ausgeprägte Willkommenskultur im Land erlebt, wie jetzt.“ Ihre eigenen Erfahrungen als Flüchtling in Deutschland hat die Wahl-Karlsruherin 2016 in ihrer Autobiografie „33 Bogen und ein Teehaus“ verewigt – nach fast 30 Jahren. „Es hat so lange gedauert, weil ich damit beschäftigt war, mich zu integrieren und meine Identität in Deutschland zu finden.“ Eine nicht immer stolperfreie Angelegenheit für die damals Elfjährige. „Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich voller Stolz meinen nagelneuen Schlafanzug anzog und in die Schule ging – ohne zu wissen, dass es sich um einen Schlafanzug handelte. In der Schule hatte ich dann einen schrecklichen Tag. Das Gute daran war, dass ich dann das deutsche Wort für Schlafanzug an diesem Tag gelernt habe.“ Im Erwachsenenalter wurde ihr klar, dass sie sich nicht integriert, sondern „assimiliert“ hatte: „Da wusste ich, dass ich meine iranischen Wurzeln wiederfinden musste.“ Im Iran ist sie seit ihrer Flucht nicht mehr gewesen. „Ich entschied mich, meine Seele reisen zu lassen, indem ich alle Erinnerungen aufschreibe. Jetzt erst, da ich meine Identität gefunden habe, kann ich mich in die deutsche Gesellschaft integrieren.“