Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Im Interview: Komponist Marc-Aurel Floros zu seinem Klavierkonzert für Kaiserslautern

Aus seiner Feder stammt das Klavierkonzert eigens für Kaiserslautern: Marc-Aurel Floros.
Aus seiner Feder stammt das Klavierkonzert eigens für Kaiserslautern: Marc-Aurel Floros.

Der in Köln lebende Komponist Marc-Aurel Floros hat bereits mehrere Auftragswerke für die Stadt Kaiserslautern geschrieben. Sein neues Klavierkonzert, gespielt von Artur Pizarro, wird am Freitag (19.30 Uhr) beim Sinfoniekonzert „Blick zurück und Aufbruch“ in der Fruchthalle uraufgeführt. Konstanze Führlbeck hat sich mit Floros darüber unterhalten.

Herr Floros, wie ist es zu dem Kompositionsauftrag für dieses Klavierkonzert gekommen?
Vor etwa zwei Jahren ist in der Fruchthalle meine „Barbarossa“-Sinfonie uraufgeführt worden; Artur Pizarro hat in diesem Konzert das 3. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow gespielt. Er war damals von meiner Musik so angetan, dass er mich gefragt hat, ob ich nicht für ihn ein Klavierkonzert schreiben könnte. Der Kontakt zu ihm ist sehr herzlich, wir sind künstlerisch auf derselben Wellenlänge. „Ich sehe so viel in deiner Musik, was mich interessiert“, hat er mir gesagt. Im Herbst 2022 hab' ich dann von der Stadt Kaiserslautern den Auftrag bekommen, dieses Vorhaben zu verwirklichen.

Wie geht man vor, wenn man heute ein Klavierkonzert schreibt? Und wie ist Ihr Verhältnis zur „modernen“ oder „zeitgenössischen“ Musik?
Ich habe, wie viele zeitgenössische Komponisten, alles von der Pike auf gelernt, die Sonatenhauptsatzform, auch die avantgardistischen Techniken, was mit dem Bruch mit der Harmonie durch Arnold Schönberg passiert ist. Diese Errungenschaften finde ich wichtig. Doch die Avantgardemusik ist in sich selbst erstarrt. Die „moderne Musik“ ist gar nicht mehr modern. Und ich schreibe für ein normales Publikum. Oft gehen die Besucher ratlos aus Konzerten mit zeitgenössischer Musik hinaus und sagen: „Das hab' ich schon vor 50 Jahren gehört.“ Die Ausdrucksmöglichkeiten ähneln sich sehr stark und wiederholen sich. Ich sehe in der „modernen Musik“ wenig Entwicklung. Die stilistischen und kompositorischen Mittel haben sich nicht grundlegend gewandelt. Schönberg und die serielle Musik zerschlagen die Harmonik, doch dieser Versuch, eine neue Klanglichkeit zu entwickeln, hat sich totgelaufen – was eine Rückkehr zur Harmonie bedeutet. Was ich mache, ist ein Zerschlagen der Atonalität. Warum sollte ich eine Musik schreiben, die eigentlich keiner hören will und die maximal einmal in einem Konzert (ur)aufgeführt wird? Man will einfach mal Musik genießen. Das kann die „moderne Musik“ nicht leisten. Ihre klanglichen Möglichkeiten waren mir zu eingeschränkt.

Wie können Sie in Ihrer Klangsprache, die Sie entwickelt haben, positive Gefühle wie Liebe, Hoffnung und Zuversicht ausdrücken?
Die serielle Musik kann psychedelische Zustände, Katastrophen, Ängste und Beklemmungen gut ausdrücken, aber nur schwer lichterfüllte Momente. Da sehe ich ein ganz großes Problem in der „modernen Musik“.

Und was machen Sie?
In meiner Musik suche ich die Farbpalette so groß wie möglich zu halten, das heißt, ich schließe keine Stilistik aus. Wenn die Musik nur noch als Architekturvorlage gilt für mathematische Ideen, greift mir das zu kurz. Wenn Sie in die baltischen Staaten oder nach Amerika schauen, erleben Sie andere Tendenzen. Und natürlich muss man seinen eigenen Umgang mit der Tradition finden. Seit der Zeit von Bach, Mozart und Schumann sind 200 Jahre Musikgeschichte vergangen. Es ist klar, dass ein Komponist heute anders schreibt. Aber auch auf die Avantgarde gibt es Reaktionen, zum Beispiel die Minimal Music, die einerseits aus der Avantgarde ausbricht, sie andererseits aber auch weiterführen will. Doch ich finde diesen Versuch etwas zu eintönig.

Wie agieren Sie als Komponist in diesem Spannungsfeld?
Ich war mit dieser Situation sehr unzufrieden. Ich praktiziere eine Kunst, die sehr stark abhängig ist von der Rezeption des Publikums. Bis aus dem, was Sie aufs Papier gebracht haben, Musik erklingt, ist es ein enorm schwieriger Weg. Und Sie können nicht zurückspulen. Ein Ton erklingt – und wenn Sie dabei das Publikum verlieren, haben Sie eine große Chance vertan. Ich muss also eine Musiksprache finden, die das Publikum nachvollziehen kann. Ich suche den Kontakt zum Publikum, ich will aber nicht mit allen Mitteln gefallen. Wenn ich erst Bücher studieren muss, damit ich das Werk verstehen kann, ist das für mich nicht der richtige Weg. Ich lehne kein Stilmittel ab.

Was ist für Sie die Aufgabe von Musik?
Musik muss eine Geschichte erzählen oder Bilder entwickeln. Ich suche eine Musiksprache, die das Publikum an die Hand nimmt und Assoziationen hervorrufen kann – und natürlich auch Emotionen. Wenn das Publikum hinausgeht und das Gefühl hat: „Ich habe eine Reise gemacht“, dann bin ich glücklich.

Wie ist Ihr neues Klavierkonzert aufgebaut? Und wie gehen Sie mit den alten Formen um?
Die alten Formen wie die Sonatenhauptsatzform sind mir bewusst, aber sie spielen keine Rolle mehr. Es ist ein einsätziges Werk, das 35 Minuten dauert. Es gibt mehrere Themen, die Themen werden immer wieder aufgegriffen und verändert, aber ich arbeite in einer ganz anderen Weise mit diesem Material. Hier entferne ich mich am deutlichsten von der sogenannten Tradition. Ich will mich absetzen von der Avantgarde, ich suche neue Formen. Ich bin mir bewusst, was in den vergangenen Jahrhunderten mit der Klanglichkeit passiert ist, und ich lehne das nicht ab. Aber in der Form sehe ich noch so viele andere Möglichkeiten.

Wie würden Sie Ihre Klangsprache charakterisieren?
Der Klang ist mir als Ausdrucksmittel wichtiger als die Form. Meine Klangsprache ist melodiös, sie beinhaltet interessante harmonische Spannungsverhältnisse. Bei der thematischen Arbeit ist mir die Wiedererkennbarkeit der Motive wichtig. Und natürlich habe ich reiche Klangfarben, ich strebe nachvollziehbare harmonische Zustände an. Dabei kommt es freilich nicht auf Nachsingbarkeit an. Ich suche nach Traumwelten, die ich in Klänge fassen kann. Für mich gibt es nichts Schlimmeres als langweilige Musik, die die Menschen ratlos zurücklässt. Das versuche ich zu vermeiden. Ich bin mir natürlich bewusst, dass die Musik die universellste Sprache überhaupt ist, denn sie braucht keine Vokabeln. Die Emotionen sind nachvollziehbar, ich kann direkt hineingehen. Das ist ein Zeichen meiner Musiksprache. Ich schreibe eine farbenreiche Musik, die von den Menschen verstanden werden kann. Es ist beim Komponieren ganz wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein. Meine Musik will nicht verschrecken.

Termin

Das erste Sinfoniekonzert des neuen Jahres in der Fruchthalle beginnt am Freitag, 12. Januar, um 19.30 Uhr. In der Reihe Konzerte der Stadt Kaiserslautern lautet der Titel diesmal „Blick zurück und Aufbruch“. Zu hören ist die Pfalzphilharmonie Kaiserslautern. Dirigentin: Judith Kubitz. Das Klavierkonzert spielt Artur Pizarro. Um 18.45 Uhr gibt es im Roten Saal eine Einführung mit Elias Glatzle. Karten im Vorverkauf in der Tourist-Information, Telefon 0631 365-2316, beim Thalia Ticketservice und weiteren Vorverkaufsstellen (Hotline: 01806 57 00 00). Internet: www.eventim.de.

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