Die Amerikaner und wir
Hollywood-Stars auf der Ramsteiner Air Base
Irgendwo im Magazin des Ramsteiner Dokumentationszentrums (DCR) ist ein einzelnes altes Schwarzweiß-Foto abgelegt, das eine von Uniformträgern umworbene Blondine zeigt. Ein Mann in hellem Anzug küsst ihr die Hand, die Frau dreht ein Zahnpasta-Lächeln in die Kamera. Der Bildtext lautet: „Besuch des US-Filmstars Mamie van Doren 1967 in Ramstein.“
Weitere Informationen zu der Aufnahme sind weder vom DCR noch vom Verbindungsbüro der Air Base zu bekommen. Mamie van Doren – das ebenso kurvenreiche wie zeigefreudige Sex-Symbol der 1960er Jahre – ist in jedem Filmlexikon verzeichnet. In der Nachfolge von Marilyn Monroe und Jayne Mansfield agierte sie in zwei Dutzend wenig bedeutsamen Kinostücken als Königin der Körbchengröße.
Im Dienst der USO
Ihre Aufgabe bestand darin, sich vor Film- und „Playboy“-Kameras als attraktiver Blickfang zu räkeln. Ihre Filme hießen „Das Mädchen mit den schwarzen Strümpfen“ „Reife Blüten“ (beide 1957), „Mit 17 am Abgrund“ (1958), „Gangster, Gin und scharfe Hasen“ (1959) sowie „Freddy und das Lied der Prärie“ (1964).
Freddy? Ja, genau, Freddy Quinn. Der war damals hierzulande einer der erfolgreichsten Schlagerbarden und höchstbezahlten Filmdarsteller – Mamie van Doren nennt ihn „Deutschlands Antwort auf Elvis Presley“. So jedenfalls steht es in ihrem Erinnerungsbuch „Playing the Field“. Ihren drei Jahre nach dem Filmdreh erfolgten Ramstein-Abstecher erwähnt sie nicht, wohl aber ihre intensive Arbeit für die „United Service Organizations“ (USO). Das ist eine im Zweiten Weltkrieg eingerichtete Institution zum Wohl aller Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte. Vor allem aber dient die Einrichtung der Truppenbetreuung.
Der Tross der Waffenträger
Zu allen Zeiten bestand der Tross der Waffenträger aus Händlern und Dirnen, aber auch stets aus Gauklern und Spaßmachern. „Komödianten für den Krieg“ nannte deshalb die Journalistin Geerte Murmann ein Buch über die lange Geschichte des Fronttheaters. Institutionalisiert wurde die Truppenbetreuung demnach im Ersten Weltkrieg: „Vom Puppenspiel bis zur großen Oper wurde alles geboten. Es spielten Laien in Kampfverbänden, professionelle Schauspieler, Artisten und Musiker in Uniform, aber auch reine Berufsensembles, die für die Theater der besetzten Gebiete engagiert wurden. Und es kamen feste Theater aus der Heimat zu Gastspielen in die Etappe.“
Im Zweiten Weltkrieg machte sich das NS-Regime von Anfang an die Popularität beliebter Film-, Platten-, Funk- und Bühnenstars zunutze, indem diese für Auftritte vor Kampfverbänden und Verwundeten dienstverpflichtet wurden. Das „Wunschkonzert für die Wehrmacht“ festigte die Bande zwischen Kämpfern und Daheimgebliebenen. Mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten stellten sich nahezu alle großen Hollywood-Stars für Gastspiele vor den „Jungs“ im Feld zur Verfügung. In der „Hollywood Canteen“ kellnerten die prominentesten Leinwand-Lieblinge für die rangniedrigsten Fronturlauber.
Show-Time in Korea und Vietnam
Feinde und Kampfschauplätze wechselten, der Publikumsgeschmack ebenso. Während in diversen Kriegen immer schlimmere Waffentechniken zum Einsatz kamen, brachte das millionenschwere Film-, Sport- und Showgeschäft neue Zugpferde hervor. Und fast alle kamen, wenn die USO rief. Marilyn Monroe und Errol Flynn flogen nach Korea, John Wayne und Sammy Davis jr. nach Vietnam, Jennifer Lopez und Brad Pitt nach Afghanistan. Die Liste der Stars, die seit 1941 in USO-Diensten durch ihre bloße Anwesenheit zur Steigerung von Truppenmoral und Kampfgeist beitragen woll(t)en, liest sich wie ein „Who’s who“ der Unterhaltungsindustrie.
Kameraschwenk in die Pfalz: Sechs Jahre nach Kriegsende startet 1951 die Errichtung der „Bastion Pfalz“, der größten US-Garnison in Europa. Der von der deutschen Luftwaffe angelegte „Autobahn-Behelfsflugplatz“ nahe Ramstein wird von Amerikanern und Franzosen zur Basis ausgebaut. In den Jahren bis 1953 entstehen bei Mehlingen ein Truppenübungsplatz und bei Sembach ein weiterer Nato-Flugplatz. Das „Landstuhl Regional Medical Center“ befindet sich auf dem Gelände einer ehemaligen Eliteschule der Hitlerjugend.
Komödianten für den Krieg
Die Air Base kommt 1957 mit der Zusammenlegung des Landstuhler Flugplatzes mit dem US-Hauptquartier bei Ramstein. Derweil etabliert sich in Kaiserslautern eine „Jugend-Volkshochschule“, die einen enormem Aufschwung für die hiesige Jazz-Szene bringt. Bands wie die „Barbarossa Castle Stompers“ und die „Leimsieder-Jazzband“ finden zusammen, Kurt Littig gründet den „Jazzclub“, in der Fruchthalle wird eine eigene Jazz-Konzertreihe aufgenommen. Musiker wie Ella Fitzgerald, Duke Ellington, Count Basie und Oscar Peterson besuchen Kaiserslautern. In Ramstein treten internationale Showgrößen wie Rock’n’Roller Bill Haley, Countrysänger Johnny Cash und Multitalent Caterina Valente auf.
Wenn sich die Superstars auf der Air Base die Ehre geben, bleibt die deutsche Öffentlichkeit meist außen vor. Eine Ausnahme war die Stippvisite des Sex-Symbols Jayne Mansfield, deren „Atombusen“ in den 1960er Jahren in aller Welt Furore machte. 1967 kam sie zum Flugtag nach Ramstein - also einer Werbe- und Propagandaveranstaltung zur besseren Akzeptanz der Stationierungsstreitkräfte in der deutschen Bevölkerung. „Rekordbesuch beim Tag der offenen Tür“, meldete die RHEINPFALZ und berichtete von „50.000 Fahrzeugen, mehr als 500.000 Besuchern bereits in den Mittagsstunden“ und „Attraktionen am laufenden Band“.
Männer in Uniform
Mamie van Doren wurde in Sachen praller Oberweiten die würdige Nachfolgerin der tödlich verunglückten Jayne Mansfield. 1973 berichtete die RHEINPFALZ über einen Empfang des US-Präsidenten für deutsche Politiker: „Abends tanzte das Weiße Haus. Am meisten Aufsehen erregte Präsidentenberater Henry Kissinger, der mit dem Busen- und Kurvenstar Mamie van Doren erschienen war, dessen türkisfarbenes Abendkleid nicht allzu viel verhüllte.“ Kurz darauf gab Mamie der Militärzeitung „Soldiers“ ein Interview über „Leben, Liebe und sexy Männer in Uniform“. Letztere hatte sie im Vorjahr bei Auftritten in Okinawa und auf den Philippinen kennengelernt.
Männer in Uniform, die sich gern schöne Frauen ansehen, müssen sich in Ramstein keineswegs mit Plakaten im Spind begnügen. 2015 landete Elizabeth Banks auf der Air Base, die damals gerade in den „Tributen von Panem“ und als Chefin der „Drei Engel für Charlie“ Furore machte. Zwei Jahre drauf gaben sich die „Muppets“ und die sexy „Miss Piggy“ ein Stelldichein auf dem Pfälzer Stützpunkt.
Schwarzenegger: „Ihr seid Helden“
Im Übrigen sind es natürlich harte Männer, die sich von ihresgleichen feiern lassen. Als Arnold Schwarzenegger - schauspielender Bodybuilder und damals republikanischer Gouverneur des US-Bundesstaats Kalifornien - im Mai 2004 den Ramsteiner Flugplatz besuchte, rief er den jubelnden Uniformträgern zu: „„Ich spiele den Helden, ihr seid die wahren Helden.“ Drei Jahre später kam Chuck Norris, dessen Kampfkunst und Action-Image inzwischen zum Internet-Phänomen geworden sind.
Der Hollywooder „He-Men“ Ben Affleck („Daredevil“, „Batman gegen Superman“, „The last Duel“) steuerte im Januar 2017 die Westpfalz an, Ende 2019 gab sich Mark Wahlberg („Shooter“, „Transformers“) die Ehre. Dass auch Bambi-Preisträger Tom Cruise die Ramsteiner Piloten besuchte, ist fast selbstverständlich, denn der bekennende Scientology-Jünger verdankt seinen Aufstieg zum Filmruhm dem 1986 uraufgeführten Fliegerfilm „Top Gun. Sie fürchten weder Tod noch Teufel“. Wie es heißt, begeistert er sich auch privat für die Luftfahrt und verfügt über eine Pilotenlizenz.