Kaiserslautern Harald Schmidt mischt mit Begleitung die Kammgarn auf

Ob diese Geste wohl missverstanden werden kann? Harald Schmidt jedenfalls erteilt woken Sittenwächtern eine Absage.
Ob diese Geste wohl missverstanden werden kann? Harald Schmidt jedenfalls erteilt woken Sittenwächtern eine Absage.

Ironie ist ein bewährtes Mittel zur Alltagsbewältigung. Einer, der sie stringent zum Lebensprinzip erhoben hat, ist Harald Schmidt. Das zeigte er in der Kammgarn.

Es gibt wohl kaum einen Bühnenkünstler, der mehr von Ironie durchdrungen ist als der Ex-Late-Night-Talker Harald Schmidt. Nicht nur in den diversen TV-Formaten troffen ihm Ironie und in verschärfter Form auch Sarkasmus und Zynismus aus jedem Knopfloch. Von feinem Spott bis zur deftigen Zote – wenn man etwa an seine Polen-Witze oder jene über die dicken Kinder von Landau denkt – spannt sich der Bogen des Schmidtschen Humors, Verbalinjurien durchaus eingeschlossen. Was ihm seinerzeit eben auch den ein oder anderen Prozess einbrachte. Wie nun würde sich Schmidt mit 67 Jahren, lange nach dem Ende seiner TV-Karriere präsentieren? Irgendwie gereifter? Gemäßigter? Gar altersmilde?

Warnsignal mit Turban

Weit gefehlt. Mit jeder Menge Biss trumpft der Entertainer auf und wird seinem Spitznamen „Dirty Harry“, den er sich einst selbst verpasst haben soll, einmal mehr gerecht. Das geht schon mit den politischen Spitzen los, mit denen der Schwabe den Abend eröffnet: „Will jemand Wirtschaftsminister werden?“, fragt er in Anspielung auf den Verzicht des CDU-Politikers Carsten Linnemann. Aber auch Saskia Esken in ihrem Kanarienvogel-gelben Outfit (wenn sie von der Stange kippe, sei das wie früher im Bergbau ein Warnsignal), das Omid-Nouripour-Double in der Kijimea-Reizdarm-Werbung, ein Markus Söder mit Turban auf Indien-Besuch („kulturelle Aneignung“) oder eine Annalena Baerbock auf Abschiedstour („ausgebrannte Elemente werden bei der UN entsorgt, statt in einem Castor-Behälter“) sind Zielscheiben seines Spottes. Daneben bekommen ehemalige Akteure der Politik ihr Fett weg, etwa Joschka Fischer, den er als „Kissinger für Arme“ aufspießt. Zeitgeisterscheinungen wie die „Omas gegen Rechts“, die er tagtäglich im Straßenverkehr erlebe, oder die „Lesbe mit dem Lastenfahrrad“ und Ponyfrisur („je kürzer, desto meinungsstärker“) bleiben ebenfalls nicht verschont.

Dem Politkabarettisten Schmidt hätte man alleine gut und gerne einen Abend lang zuhören mögen. Daneben streift er jedoch noch in unbändiger Redelaune Alltagsthemen von Modewörtern („Erzählung“ und gesteigert: „Narrativ“) über Gesundheitsaspekte (Ekelgrenze erreicht: schuppende Alterswarzen, erektile Dysfunktion), Ernährung (die jakobinischen Eiferer gegenüber jeglichem Alkoholkonsum) bis zum Dauerbrennerthema Bahn, bei dem selbstverständlich auch die Kunden aufs Korn genommen werden. Mit jeder Menge Selbstironie bringt Schmidt dabei eigene Erfahrungen ein und sich gleichzeitig aus der Schusslinie.

Meister des Absurden

Auch als Meister der absurden Geschichten erweist sich das Multitalent, etwa wenn er phantasievolle Storys mit aktuellen Ereignissen spontan wie kunstvoll verwebt. Weniger reibungslos verlaufen allerdings die Übergänge zu seinem Sidekick an diesem Abend. Der Karlsruher Schauspieler Bernd Gnann liefert deftig-witzige Anekdoten aus dem oberschwäbischen Dorfleben und so manchen Song, begleitet von Akkordeonist Ernst Kies alias Igor. In ihrem eher volkstümlichen Humor wollen sie nicht ganz zur Schmidt’schen Sezierklinge passen. Was aber nicht weiter stört, denn sprunghaft ist das Programm in seiner über weite Strecken improvisierten Anlage allemal. Oder um Harald Schmidt zu zitieren: „Wenn wir einen roten Faden hätten, würden wir ihn verlieren.“

Am Ende bleibt der Eindruck eines humorsatten Abends, wie man ihn selten erlebt. Frei jeglicher Political Correctness und Wokeness. Wenn Schmidt dabei mit gespieltem Ernst darüber sinniert, „wie ich das jetzt sage, ohne mir einen Shitstorm einzufangen“ und danach zur denkbar drastischsten aller Formulierungen greift, dann zeigt dies, dass seine Ironie auch vor der bewussten Einengung des Meinungskorridors und des Sagbaren in unseren Tagen nicht halt macht. Und er dabei weder Sittenwächter, noch Moralapostel fürchtet oder wie Michael Bully Herbig sie nennt: die Comedy-Polizei. In Zeiten von Schwachkopf-Affäre und Faeser-Urteilen ein mutiges Statement. Doch im Notfall hat Harald Schmidt auch sicherlich noch einen Bademantel im Schrank...

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