Kaiserslautern
Handwerkskammer-Chef fürchtet, „dass es einige Betriebe nicht durch den Winter schaffen“
„Die Betriebe leiden massiv unter den gestiegenen Energiepreisen“, sagt Till Mischler, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Pfalz. Alle Handwerksbetriebe über die Gewerbegrenzen hinweg seien davon betroffen. Doch es gebe Unterschiede: Während hohe Energiepreise bei den einen Unternehmen auf volle Auftragsbücher und eine steigende Nachfrage treffen, gibt es andere Betriebe, bei denen nur die Kosten steigen.
Besonders hart treffe es derzeit in der Westpfalz Betriebe aus der Lebensmittelverarbeitenden Industrie, darunter Bäcker und Metzger, sagt Mischler. Diese Unternehmen hätten einen sehr hohen Energiebedarf für Kühlung und Heizung und verzeichneten keine steigende Kundennachfrage, so der Hauptgeschäftsführer. Vielmehr drohe die Gefahr, dass diese Betriebe durch die immer weiter steigenden Preise Kunden an Discounter verlieren, die Lebensmittel günstiger anbieten können.
Es herrscht große Unsicherheit
Problematisch sei auch die Lage im Baugewerbe – in der Pfalz genau so wie darüber hinaus. Dort seien die Auftragsbücher derzeit zwar voll, doch es herrsche eine große Unsicherheit, wie sich die Situation künftig entwickle, berichtet Mischler. Mit Blick auf die steigenden Energie- und Materialpreise sowie die steigenden Zinsen herrsche eine größere Zurückhaltung im Baugeschäft. „Es gibt einfach überall eine große Verunsicherung“, sagt Mischler. Das gelte für die Betriebe genauso wie für ihre Kunden.
Irgendwann könnten die steigenden Preise nicht mehr komplett an die Kunden weitergegeben werden, was Betriebe vor große Probleme stelle. „Es wird für alle alles teurer“, fasst Mischler zusammen. Materialengpässe, lange Liefer- und Wartezeiten, aber auch der Fachkräftemangel kämen erschwerend hinzu. Wer derzeit eine Wärmepumpe bestelle, müsse mit einer Wartezeit von einem Jahr rechnen. Gleiches gelte für die Installation von PV-Anlagen.
Energie- und Sanierungssektor stark nachgefragt
„Man braucht das Handwerk derzeit so dringend, wie noch nie“, sagt Mischler. Das Können des Handwerks sei essenziell, um die Energiewende umzusetzen. Dies zeige sich gerade im Energie- und Sanierungssektor, dort gebe es im Moment extrem viele Anfragen. Das gelte unter anderem für Anlagenmechaniker im Bereich Sanitär, Klima und Heizung sowie Elektriker. „Das ist beides stark in der Westpfalz vertreten“, so Mischler.
Neben langen Lieferzeiten gebe es mittlerweile Unternehmen, die die Produktion wegen zu hoher Energiepreise eingestellt haben, sagt Steffen Kluge, der technische Leiter des Berufsbildungs- und Technologiezentrums in Kaiserslautern. Dazu gehören unter anderem Ziegel- und Fliesenwerke. Andere Produkte, wie Kabelbäume, die bisher in der Ukraine hergestellt wurden, könnten wegen des Krieges dort derzeit nicht gefertigt werden.
Sorge vor Insolvenzwelle nach dem Winter
Das Handwerk habe keine Chance, den steigenden Energiekosten zu entgehen. Während es in der Industrie bei einigen Unternehmen Überlegungen gebe, den Firmensitz zu verlegen, sei das für Handwerker nicht möglich. „Die Energiekosten bei uns sind derzeit rund zehnmal so hoch wie in den USA“, schildert Mischler.
Noch gebe es keine Insolvenzwelle bei den Firmen in der Region, doch etliche von ihnen kämen stark unter Druck. „Wir haben die massive Sorge, dass es einige Betriebe nicht durch den Winter schaffen“, so der Hauptgeschäftsführer.
Auch die Handwerkskammer spart Energie
Auch die Handwerkskammer selbst befasse sich mit dem Thema Energiesparen und habe ein Nachhaltigkeitskonzept erstellt. Dazu zähle seit Jahren unter anderem die PV-Anlage auf dem Gebäude. Für diesen Winter gilt: „Wir versuchen mit verschiedenen Maßnahmen, den Energiebedarf zu senken“. Dazu gehöre, dass die Gebäude der Handwerkskammer nur noch auf maximal 19 Grad geheizt werden. Zusätzlich sollen bestimmte Gebäudeteile der Hauptverwaltung geschlossen werden. Die Arbeit im Homeoffice werde weiter möglich sein, zählt Mischler auf.
Doch trotz aller Bemühungen: Auch die Handwerkskammer sei von den steigenden Preisen bei Energie und Materialien betroffen und werde einen Teil dieser gestiegenen Kosten an die Betriebe weitergeben müssen, so Kluge. Die Handwerkskammer werde zu jeweils einem Drittel vom Bund, dem Land und den Ausbildungsbetrieben finanziert. Derzeit sei man auf der Suche nach Wegen, um diese Kosten durch Zuschüsse zu senken, dennoch sei davon auszugehen, dass auch die Beiträge der Betriebe steigen werden.