Kaiserslautern Gut ist böse

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Eine Initiative von Sprachwissenschaftlern hat „Gutmensch“ als Unwort des Jahres 2015 ausgewählt. Es wurde gestern in Darmstadt bekanntgegeben. In der Jury waren Professoren wie Martin Wengeler (Trier) und als externer Kritiker der Kabarettist Georg Schramm. Was hat die Wahl zu bedeuten?

Das Unwort des Jahres ist ein Paradoxon. Also auch, weil es ja ein Wort bleibt. Aber was genau ist jetzt noch mal daran schlecht, ein Gutmensch zu sein? Das heißt außer, dass politische Gegner sich mit genau jenem Attribut beschimpfen? Du guter Mensch, du! Schlimm. Muss das in Zukunft im Fernsehen wegpiept werden, wenn jemand jemanden so massiv bepöbelt? Idiot, Egoist, Schlechttier oder sogar Banker wären akzeptabel gewesen. War Literaturnobelpreisträger und Flüchtlingshelfer (Solschenizyn) Heinrich Böll, der wegen seiner Humanität mit Beinamen „der gute Mensch von Köln“ hieß, das gerade deswegen eben nicht? Was machen Gutmenschen falsch? Spinnt Campino (Punkrocker), der sich hammerhart zu seinem Gutmenschentum bekennt? Und Mutter Teresa, war die denn Teil von jener Kraft, die stets das Gute schafft und das Böse will? Ist Jesus doof gewesen? Ist das christliche Abendland, das vielbeschworene, so definiert, dass man mittendrin gegen die Moralischen moralisiert? Und das ungefähr seit Adam und Eva. „Gutmann und Gutweib“, heißt eine Ballade von Goethe, die nicht sehr nett mit ihren Helden umspringt. „Wird nicht ein solch unberatener Gutmensch für seine unbedingte Menschenliebe verlacht, für einen Thoren von der ganzen Welt gehalten werden und ein Opfer seiner Schwäche sein?“, fragt der Pädagoge Christian Oeser in seinem Werk „Briefe an eine Jungfrau über die Hauptgegenstände der Ästhetik“, das 1895 erschien. Ganz zu schweigen vom Moralhass eines Friedrich Nietzsche. Bertolt Brecht, der wahrscheinlich kein ganz so herziger Typ war, lässt in seinem Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“ seine Figur erleiden, „gut zu sein und doch zu leben“. In Hitlers „Mein Kampf“ kommt die Silbe „gut“ auffällig oft in schlechter Gesellschaft vor. „Gutmenschen“ nannten die Nazis angeblich die Anhänger von Kardinal Graf von Galen, der gegen die Ermordung Behinderter kämpfte. Mittlerweile aber ist die Verunglimpfung „Gutmensch“ gängiger Spott und im bürgerlichen Wortschatz angelangt. Warum? Es vereinfacht die Kritik. Wer „Gutmensch“ schimpft, muss gar nicht weiter reden. Die Sache selbst (Gleichberechtigung, Pazifismus, jetzt eben Flüchtlingshilfe) ist dann durch den, der sie vertritt, diskreditiert. Und statt zu helfen, scheint es mindestens so ok zu sein, mit gutem Gewissen die zu bespötteln, die es tun. Vom Sofa aus. „Gutmensch – No one likes us. We don`t care“ (Niemand mag uns. Ist uns egal) lautet der Aufdruck auf einem T-Shirt, das die Toten Hosen online vertreiben. Vermutlich stimmt das. Warum zeigt sich in halsbrecherischen Definitionen. Gutmenschentum, schreibt der aus Ludwigshafen stammende Philosoph Norbert Bolz („Das richtige Leben“), setze sich zusammen aus „politischem Moralismus, aus einer Art Sprachhygiene, einer Menge von Sprachtabus und darüber hinaus auch durchaus aus einer Art puritanischen lustfeindlichen Haltung“. Eine eher seltsame Umschreibung. Der Gutmensch glaube, glaubt der Autor und „Zeit“-Kolumnist Harald Martenstein, dass er im Kampf für das, was er für das Gute halte, von jeder zwischenmenschlichen Rücksicht und jeder zivilisatorischen Regel entpflichtet sei. Beleidigungen, Demütigungen und sogar Gewalt seien erlaubt, schreibt Martenstein selbstgewiss und angeblich aus Erfahrung. Noch Fragen? Ein guter Mensch ist also ein böser. Ein rhetorischer Trick. Genauso gut könnte der ehrliche Steuerzahler ab sofort als Steuersünder und Gegenwartsidiot klassifiziert werden, als Gutmensch sogar. Vertritt er nicht einen staatstragenden Moralismus? Frönt er nicht einer Art puritanischen lustfeindlichen Haltung? Auf Platz zwei bei der Wahl für das Unwort des Jahres 2015 wurde im Übrigen „Hausaufgaben“ gewählt. Und Schüler von Waldorfschulen waren gar nicht gefragt. Es geht um Griechenland.

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