Kaiserslautern Glücklose Glücksritter

Beim Filmfestival Venedig im Herbst 2014 waren sich Publikum, Kritiker und die Jury wie nur selten einig: Der neue Film des schwedischen Regisseurs Roy Andersson hat Aufmerksamkeit und Auszeichnungen verdient. Andersson bekam denn auch für „ Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ den „Goldenen Löwen“, die wichtigste Auszeichnung des ältesten Filmfestivals der Welt.
In Schweden ist der Autor und Regisseur weithin für seinen trockenen Witz bekannt. Und den zelebriert er in seinem neuen Spielfilm mit Lust am Fantasieren. Skurril geht’s zu, wie ja schon der Titel des Films, „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“, ahnen lässt. Die da genannte Taube kommt im Film tatsächlich vor. Warum, das muss jedoch jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. Wie man’s auch deutet, ist doch eines klar: Andersson blickt aus ungewöhnlichen Perspektiven auf die spätbürgerliche Gesellschaft, nicht um des puren Spaßes willen, sondern um ihr einen satirischen Zerrspiegel vorzuhalten. Und Tauben sind für ihn dabei keineswegs Boten des Glücks oder gar des Friedens. Eine geradlinige Erzählung von A bis Z offeriert der Regisseur nicht. Geboten wird ein gutes Dutzend Episoden. Die drehen sich allesamt um arme Schlucker und reiche Schnösel. Mal spielen sie in einer Kneipe, mal in einem Seniorenheim. Auf den ersten Blick wirken sie fast alle albern, bestenfalls grotesk. Doch der zweite Blick führt stets zu gesellschaftlichen Missständen wie Ausgrenzung von Alten, Ausländern und Andersdenkenden. Die Filmszenen sind durchweg als Mini-Theaterstücke angelegt: Auftritt, Aktion, Abgang. Jedes dieser kleinen Stücke spiegelt auf erstaunlich kraftvolle Art die Welt. Man darf staunen. Durch den Episodenreigen führen zwei recht tumbe Toren: Die beiden versuchen sich als Scherzartikelverkäufer. Doch das ohne Fortune. Sie bleiben auf ihren Lachsäcken, Monstermasken und Vampirzähnen sitzen. Niemand schert sich einen Deut um sie. Keiner kauft. Das seltsame Paar driftet unaufhaltsam ins Nichts eines Lebens, das nur noch ein mühsames Überleben ist. Wirklich komisch ist das nicht. Dazu schlägt Andersson auch einen viel zu melancholischen Ton an. Dadurch aber bringt er das Publikum dazu, seine Protagonisten als durchschnittliche Vertreter der Gegenwart zu erkennen, als Menschen, die in einer Welt leben, in der vormals bedeutsame ethische und soziale Maßstäbe längst unter die Räder der Profitgier geraten sind. Neben den zwei glücklosen Gesellen trifft das Publikum beispielsweise auf ein kleines Mädchen bei einer Schulaufführung, einen aus dem Gestern erscheinenden König und dessen Armee, eine Tanzlehrerin und einen vergeblich Liebenden. Sie alle agieren in Szenerien, die wie gemalt anmuten. So werden die beiden Protagonisten auch zu so etwas wie Museumsführern. In dem Museum, durch das sie führen, wird eine Ahnung der Welt von gestern spürbar, eine Welt, in der die Menschen noch daran glaubten, dass sie mit Fleiß, Beharrlichkeit und reinen Herzen dem Guten zum Sieg verhelfen können. Andersson glaub offenkundig nicht daran. Action-Fans werden sich mit dem Film schwer tun. Roy Andersson setzt auf Mittel des grotesken Theaters, nicht auf griffige Kinomagie. Jede Szene wurde starr aus einer Perspektive eingefangen. Das ist oft sperrig und intellektuell vertrackt. Man muss seine kleinen grauen Zellen kräftig arbeiten lassen. Tut man’s, gerät man ins Philosophieren. Und man wünscht sich, die Taube aus dem Titel würde sich mit wildem Flügelschlag erheben und die Ordnung der heutigen Welt allein damit gehörig durcheinander bringen.