Kaiserslautern Gesundheit (Teil 2): Unplanbare Abläufe
Rund 50.000 Behandlungsfälle werden in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) des Westpfalz-Klinikums versorgt – Tendenz steigend, berichten Germann und Moritz unisono. Germann: „Da spielen mehrere Faktoren rein. Beispielsweise bringt uns Dr. Google viele Leute.“ Wer im Internet nach dem Stichwort Verspannung suche, treffe schnell auf was Schlimmeres. „Die kommen dann zu uns“, sagt der erfahrene Mediziner, „ebenso alle, die den Wartezeiten beim Hausarzt ausweichen wollen, und denken, dass sie hier direkt an der Reihe sind.“ Vor allem jüngere Patienten würden eher in die Notaufnahme kommen, als, wie üblich, zunächst den Hausarzt aufzusuchen. Man habe Mühe, mit dem Anstieg der Patientenzahlen mithalten zu können. „Wer gehen kann und nicht blutet, sollte eigentlich zum Hausarzt oder in die Bereitschaftsdienstzentrale“, erklärt Germann. Solche Fälle müssten eigentlich an der Aufnahme abgewiesen werden, da die ZNA nicht zuständig ist – und das Krankenhaus bei der Behandlung sogar draufzahle. Germann: „Das wird für das Klinikum nicht ausreichend vergütet.“ Aber zur Bereitschaftsdienstpraxis direkt neben dem Klinikumseingang schicken? Das würden viele Patienten nicht verstehen oder mitmachen. „Obwohl die Praxis fußläufig gut erreichbar ist“, betont Germann, „aber die Menschen sind nicht oder nur schwer erziehbar. Die gehen dahin, wo sie denken, dass es für sie am besten ist.“ Also behandele man jeden, der in die ZNA komme. Was sich natürlich auch in den Wartezeiten niederschlage. Moritz nennt einen weiteren Grund: „Wir haben eine sehr große ZNA, aber wenn Schwerstverletzte vom Rettungsdienst gebracht werden, sehen das die Wartenden vorne nicht, und vor allem werden in solchen Fällen viele Ressourcen gebunden.“ Wenn Patienten mit vielen gleichzeitigen Verletzungen eingeliefert werden, kommen oft Fachleute aus mehreren Fachbereichen zusammen – „dadurch kann die Versorgung der weniger schwer Verletzten ins Stocken geraten“, erläutert Moritz. Je nach Schwere und Anzahl solcher Einsätze könnten so lange Wartezeiten entstehen. Wie lange Patienten in der ZNA sitzen, bis sie diagnostiziert und behandelt werden, könne auch von der Besetzung abhängen. Am Tag seien fünf bis sechs Pflegekräfte und mindestens zwei bis drei Ärzte im Dienst. Bei Bedarf mehr. Germann: „Je nach Uhrzeit sind die Ärzte teilweise auch auf Stationen eingesetzt und haben Bereitschaftsdienst.“ Nur einige Mediziner – Internisten und Neurologen – seien in der ZNA fest im Schichtdienst. Nachts könnten, etwa durch Notfall-Operationen, die Unfallchirurgen eine begrenzte Ressource sein. „Das kann zu verlängerten Wartezeiten führen“, schildert Germann. Der Ablauf in der ZNA sei schlicht nicht planbar. „Deswegen können wir keine seriösen Wartezeiten schätzen“, betont Moritz, „weil wir selbst sehr kurzfristig erfahren, wer kommt.“ Patienten mit kleineren Verletzungen müssten dann zurückstecken. Germann: „Wir rufen ja, im Gegensatz zum Hausarzt, nicht nach der Reihenfolge des Eintreffens auf, sondern nach der Schwere.“ Das sogenannte Triage-System, bei dem Fachkräfte die Schwere der Symptome einschätzen, werde ständig optimiert, sagt Moritz. „Die Leute haben falsche Vorstellungen; denken sie kommen rein und werden untersucht“, fasst Germann zusammen. Er appelliert: „Patienten mit Bagatellerkrankungen sollten sich systemkonform verhalten und zum Hausarzt.“ Das könne zu einer Entlastung der ZNA beitragen. Morgen lesen Sie Der Computereinsatz in der Medizin ist heutzutage Standard. Forscher an den beiden Kaiserslauterer Fraunhofer-Instituten stoßen neue Entwicklungen an und sind auf einigen Feldern führend.